Der Arnsberger Glockenturm und seine Uhren

Arnsberger Glockenturm

Das Wahrzeichen der Stadt Arnsberg ist der Glockenturm und auch Auslöser einer spezifischen Krankheit, der Glockenturmkrankheit. Sie befällt die Einheimischen, wenn sie eine Zeit lang fern ihrer Heimatstadt sind und heißt woanders „Heimweh“. Viele Touristen fragen, ob der Turm ein Stadttor oder ein Kirchturm ist. Beides. Er diente bei der ersten mittelalterlichen Stadtbefestigung als Wach- und Torturm. Nach erfolgter Stadterweiterung mit neuer umlaufender Stadtmauer wurde er Glockenturm der unmittelbar benachbarten Stadtkapelle.

Als solcher verkündet er auch die Tageszeit mit Glockenschlägen und zwei großen Turmuhren. Diese scheinen auf den ersten Blick gleich zu sein. Aber bei der zur Altstadt ausgerichteten steht auf dem Ziffernblatt für die Vier das römische Zeichen IV, während die gegenüberliegende Uhr IIII zeigt. Die IV wird heute als richtige Schreibweise angesehen, doch zeigen nahezu alle Turmuhren die IIII. Eine plausible Erklärung dafür geht in die römische Antike zurück, als man den Gott Jupiter verehrte. Bei der damals meist in Stein gemeißelten Großbuchstabenschrift schrieb man I für das J und V für U. IV stand demnach für die Kurzbezeichnung von Gott Jupiter und war für eine weltliche Verwendung tabu. Die als Ersatz gebräuchliche IIII hat sich wohl bis heute bei großen Uhren erhalten. Ludwig XIV. soll die Verwendung der IIII sogar verordnet haben. Auch bei der Gestaltung von kleinen Ziffernblättern nimmt man sie gerne, weil die IIII dort zur VIII symmetrisch steht und ein ausgewogeneres Bild ergibt als mit der schmaleren IV.

Warum nun die Uhren am Glockenturm unterschiedliche Ziffernblätter haben, könnte mit der Beseitigung von Kriegsschäden zusammenhängen, weil auf Vorkriegsfotos die IIII auf beiden Uhren zu erkennen ist.

Arnsberger Glockenturm

Restaurierung und Mechanik des Uhrwerks
Um 1950 installierte die Stadtverwaltung im zweiten Stockwerk des Glockenturms ein neues Uhrwerk von der Recklinghauser Firma Vortmann. Es trieb die beiden Uhren und das Schlagwerk der Glocken an, bis man es zugunsten eines elektronisch gesteuerten Aggregats ausmusterte. Von seinen Antriebswellen getrennt, fiel das alte funktionslos in Dornröschenschlaf.

2013 beschloss der Arnsberger Heimatbund, dieses imposante Meisterwerk ausgeklügelter Mechanik zu retten und zugänglich zu machen. Er beauftragte den Arnsberger Hobbyuhrmacher Christoph Hundt, seine hervorragende Fachkenntnis von großen Uhrwerken im Glockenturm walten zu lassen. Er fand die Zahnräder, Antriebswellen und Hebel in einem völlig verharzten, verstaubten und von Korrosion bedrohten Zustand vor. Akribisch reinigte und justierte er die zahlreichen Einzelteile des Werks und machte die Mechanik mit Sprühöl wieder gangbar. Zerlegen wollte er das Werk nicht, weil die Gefahr bestand, dass die drei je 350 Kilogramm wiegenden Antriebsgewichte beim Trennen vom Uhrwerk unkontrolliert in den Turm gepoltert wären.

Nach fachmännischer Feinarbeit strahlte das faszinierende mechanische System im neuen Bronzeglanz. Die drei an Drahtseilen hängenden Gewichte können nun, langsam absinkend, mit ihrer Gewichtskraft von über einer Tonne das faszinierende Zusammenspiel der kleinen und großen Zahnräder und Hebel mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in Gang setzen. So kann man etwa bei Stadtführungen bestaunen, wie sich in ausgeklügelter Weise die mechanischen Kräfte surrend und tickend von den Gewichten ausgehend und durch ein schweres Pendel in Zaum gehalten, durch das Werk laufen, um eine exakte Umdrehungszahl an der Antriebswelle zu erzeugen. Auch wenn diese in der Leere endet, wird ein erstaunliches Beispiel nostalgischer Feinmechanik demonstriert.