Quelle: LWL-Medienzentrum für Westfalen „Als die Amerikaner kamen“
Ein Zeitzeugenbericht
Der Kampf um das Ruhrgebiet war eines der letzten großen Gefechte des Zweiten Weltkriegs. Auch Schmallenberg war dabei ein entscheidender Gefechtsort. Mit der Eroberung von Oberkirchen am 4. April 1945 war der Ruhrkessel endgültig geschlossen und die Amerikaner konnten nahezu ungehindert nach Osten vordringen. Am 6. und 7. April 1945 wurde die Schmallenberger Kernstadt in Beschuss genommen, Artilleriefeuer und Luftangriffe gingen auf die Stadt und ihre Bewohner nieder.
Marianne Geiecke (geb. Falke, † 1995), damals 27 Jahre alt, hat diese letzten Kriegstage in der Kernstadt miterleben müssen. Ihre Niederschrift dieser Erlebnisse wurde dem Verkehrsverein Schmallenberg für das Projekt „Zeitzeugen“ zur Verfügung gestellt. So erinnerte sie sich an diese schlimmsten Tage der Gefechte (stark gekürzt und der Lesbarkeit halber angepasst).
Aufzeichnungen von Marianne Geiecke
„Am 6. April 1945 spitzte sich die Lage in Schmallenberg dramatisch zu. Deutsche Soldaten zogen vermehrt in die Stadt und ein Sturmgeschütz wurde an der Wasserpforte positioniert, direkt vor dem Haus der Familie Veltins (heute Haus Vollmert). Die Gefahr war allgegenwärtig, besonders für die Bewohner dieses Hauses, die schließlich zu uns flohen. Unsere Bitten an den Geschützkommandeur, einen anderen Standort zu wählen, um die Zivilbevölkerung und die Verwundeten im Lazarett der Volksschule (heute Alexanderhaus) zu schützen, blieben erfolglos. Der Panzer blieb und die Begleitmannschaft suchte Schutz in unserem Keller (heute Eckhaus Alter Kirchplatz/Oststraße).
Am frühen Nachmittag bereitete ich mit einem der Soldaten oben Kartoffeln zu. Das Feuergefecht draußen wurde immer intensiver, und plötzlich zerschmetterte eine Explosion das große Fenster. Der Soldat duckte sich, während ich in die Tür geschleudert wurde. Ich fühlte warmes Blut auf meiner Stirn. Schnell kehrten wir in den Keller zurück, wo alle in großer Aufregung waren. Eine Granate war direkt auf der Gartenmauer explodiert.
Die Nacht zum 7. April
Die folgenden Stunden waren von unerträglicher Angst geprägt. Unser Hoffen auf das schnelle Eintreffen der Amerikaner blieb unerfüllt. Die Nacht zum 7. April verbrachten wir dichtgedrängt im Keller, während unaufhörlich Granaten einschlugen. Die bewundernswerte Ruhe meiner Mutter und meiner jüngeren Schwester gab uns allen Halt. Wir beteten viel und fanden darin Trost.
Am frühen Morgen des 7. April intensivierte sich das Gefechtsfeuer weiter und die Hölle brach los! Gegen 6 Uhr kündigten Panzergranaten und Geschütze die Ankunft der Amerikaner an. Doch erst kurz vor Mittag verstummten die Granatexplosionen, nur noch vereinzelte Schüsse durchbrachen die Stille. Die Panzerbesatzung verließ unseren Keller, nur ein Sanitäter blieb absichtlich zurück, um in Gefangenschaft zu geraten.
Später sahen wir durch die offene Tür dichte Rauchschwaden über den Kirchplatz ziehen. Es brannte, aber wo genau? Plötzlich pfiff eine Kugel durch unseren Raum. Zwei amerikanische Soldaten hatten im Affekt geschossen, zum Glück trafen sie nur die Waschmaschine. Mit weißen Tüchern in der Hand und dem Ruf ‚Nur Frauen und Kinder‘ ergaben wir uns.
Ich zitterte vor Aufregung: Am 7. April stand der Sieger der Schlacht um Schmallenberg in Gestalt eines amerikanischen Soldaten vor uns. Es war vorbei!
Ein Bild des Schreckens
Als wir nach oben gingen, bot sich uns ein Bild des Schreckens: Alle Fensterscheiben waren zersprungen, Splitter steckten in der Täfelung, die Haustür war zerbrochen. Ein Volltreffer hatte das kleine Zimmer getroffen, ein weiterer den Erker; viele Fensterrahmen waren herausgerissen. Die Gardinen hingen in Fetzen und überall lagen Mörtel und Staub. In all diesem Durcheinander wühlten die Amerikaner, zerbrachen mit Gewehren Türen und Schubladen und hatten große Angst vor einem Hinterhalt.
Das Herz blieb uns stehen, als wir die Eingangstreppe unseres Hauses betraten: Die Häuser und die Volksschule – alle abgebrannt oder ausgebrannt; der Kirchplatz und die Straße – durch Volltreffer zerstört; die zersplitterten Bäume – Krieg! Das spürten wir in diesen Minuten ganz genau. Über dem Elend blaute ein wunderbarer Frühlingshimmel, die Sonne strahlte, die Berge standen in unverrückbarer Festigkeit. Die amerikanischen Soldaten zwangen uns, in die Kirche zu gehen, obwohl aus dem Turmloch immer noch deutsche Soldaten schossen.
Nach Verhandlungen mit den Amerikanern konnten wir die Kirche aber nach kurzer Zeit wieder verlassen.
Lebst du noch?
Am Morgen des 8. April 1945 begegneten sich die Menschen auf der Straße mit der Frage: ‚Lebst du noch?‘. Die Dankbarkeit für das wiedergeschenkte Leben war allgegenwärtig. In jenen Stunden wurden die ersten Anordnungen der Amerikaner bekanntgegeben und der ehemalige Ortsgruppenleiter Gilsbach wurde zum vorläufigen Bürgermeister bestimmt. Dieser Zustand dauerte für ihn nicht lange.
Am Mittag wurde er von einigen amerikanischen Offizieren mit seinem früheren Stab zu einer Besprechung in unser Haus bestellt. Schon nach kurzer Zeit war diese beendet und alle stiegen in ein Auto, um nach Grafschaft zum Kommandeur zu fahren. Kein Deutscher kam von dieser Fahrt zurück.
Allmählich wurde uns bewusst, dass wir nicht mehr frei waren. Dauernd kamen Soldaten in unser Haus, durchsuchten bange, aber freundlich jedes Zimmer. Es änderte sich allerdings, als sie auf Alkohol ausgingen und in ihrer Trunkenheit reichlich flegelhaft waren.
Sonst verlief der Sonntag ruhig. Die Straßen waren leer von Zivilpersonen. Nur unser Herr Vikar Geisthövel zog immer wieder aus, um die Toten zu bergen. Ich glaube, jeder, der ihn so sah, war bis ins Innerste berührt von der leidzerfurchten Gestalt dieses Mannes.“


