Dein Platz in der Heimat

Das Ehrenmal in Kallenhardt

Kallenhardter engagiert sich gegen das Vergessen 

„Wie hätte das Leben ausgesehen, wenn sie alle aus dem Krieg wiedergekommen wären?“ sinniert Franz-Josef Finger. „Sie waren in den Vereinen des Dorfes; der Jüngste war 19, der Älteste 57 Jahre alt. Wie hätte das unser Leben im Ort verändert? Wir wollen und dürfen unsere ehemaligen Bürger einfach nicht vergessen.“ 

In den großen Weltkriegen gaben viele Millionen Soldaten ihr Leben für das Vaterland. Soldaten, die in ihren Heimatorten einen festen Platz in der Gesellschaft hatten, hofften auf ein Ende des Krieges und sehnten sich nicht nur inständig nach ihren Familien, sondern wollten wieder ihren Platz im Ort einnehmen. Leider sah die Realität oft anders aus… 

Er ist für viele Kallenhardter mehr als eine alte Tradition: der alljährliche Gang zum Ehrenmahl. Bis heute gedenken die Reservistenkameradschaft und die Schützenbruderschaft St. Sebastianus mit interessierten Bürgern regelmäßig am Kriegerdenkmahl der Gefallenen und Vermissten. Augenblicke der Stille, des Innehalten und des Gedenkens an die Dorfbewohner, die nicht mehr die Möglichkeit hatten, ihren geliebten Heimatort wiederzusehen. Die tiefgehenden Ansprachen der Reden unterstrichen den festen Willen gegen das Vergessen der Kameraden.  

Franz Josef Finger
Franz Josef Finger

Einer dieser Redner ist Franz-Josef Finger. Der Kallenhardter hielt als Schützenoberst insgesamt 18 Ansprachen am Ehrenmal. „Einmal war es“, erzählt Franz-Josef Finger, „nachdem sein Name schon auf dem Ehrenmal stand, tauchte ein „Toter“ einige Zeit nach der Zeremonie wieder auf.“ Ein kurzer Schreck und eine große Freude für die Familie. Von einem anderen berichtet Finger, der zwei Mal auf den Weltkriegs-Verlustlisten stand und von dem man annahm, dass er 1914 ebenfalls gefallen ist. Bei seinen Recherchen stellte Franz-Josef Finger fest, dass dieser Mann aber erst 1972 verstorben ist. Vermutlich war der von den Kallenhardtern Vermisste direkt zu seiner Familie ins Rheinland gegangen und man hatte deshalb nichts mehr von ihm gehört. Und von einer Frau berichtet Finger, die noch lange nach dem Krieg davon sprach, dass ihr Mann nicht gefallen sein: ‚Ich höre eines Tages noch mal etwas von meinem Mann‘. Tatsächlich bekam das Standesamt eines Tages die Nachricht über den Kriegssterbefall. Der Standesbeamte wusste, dass die Frau wartete. Genau an dem Tag, als die Nachricht von seinem Tod in Kallenhardt ankam, verstarb die Frau. Sie hatte es nicht mehr erfahren. 

Franz-Josef Finger hat den Wunsch, nicht nur auf die Namen der Gefallenen und Vermissten am Kriegerdenkmahl zu blicken, sondern einen festen Bezug zu ihnen herzustellen. In Form eines kleinen Lebenslaufes dieser Menschen, der dann allen zugänglich gemacht wird. Beim Sammeln der ca. 70 „Totenzettel“ reifte in ihm der Gedanke zur Katalogisierung. Totenzettel, das waren einfache oder gefaltete Zettel mit den wichtigsten Lebensdaten eines Verstorbenen, die meist im Rahmen des Requiems an die Trauergäste verteilt werden. Im weiteren Sinn versteht man unter Totenzettel auch Todesnachrichten, die früher im Ort verteilt oder versandt wurden. 

Eine Mammut-Aufgabe 

Was als akribische Fleißarbeit begannt, entwickelte sich für Franz-Josef Finger bald zur Mammut-Aufgabe. Schnell erkannte der ehemalige Standesbeamte aber notwendige Ausbaupotenziale über die Nutzung eines von ihm entwickelten Datenblatts.   

Neben den Personenstandsdaten (Familienstand, Kinder, Beruf) soll das Blatt auch ein Foto zeigen, sein Wohnhaus zum Zeitpunkt des Verlassens. Zusätzlich mit einer heutigen Ansicht zum Vergleich. Dazu die Namen der Eltern und den Beinamen des Hauses, das oft nach dem ursprünglichen Besitzen benannt wurde. Dazu weitere Informationen zur Person. 

Fach-Kompetenz als Standesbeamter 

Dabei half nicht nur Kommissar Zufall, sondern auch seine Erfahrung als Standesbeamter. Finger weiß, wo er bei seinen Nachforschungen ansetzen kann. Bei früheren Nachforschungen gelangte man über die Akten der Geburts,- Heirats- und Sterbebüchern zu den gewünschten Informationen. Dass seit einigen Jahren die Standesämter ihre Urkunden nach einer gewissen Zeit in Archive geben müssen, machte die Sache nicht einfacher. Also Recherchen bei den zuständigen Archiven. Dazu gehören auch das Landesarchiv Detmold, das Militärarchiv Freiburg sowie die Preußischen Verlustlisten des 1. Weltkrieges und natürlich die Gräbersuche der Kriegsgräberfürsorge. In den 90er Jahren wurden nach der Glasnost-Bewegung in Russland die Archive mit den Unterlagen der in den Lagern verstorbenen Deutschen geöffnet und die Akten den deutschen Standesämtern zur Verfügung gestellt. Das waren dann die sogenannten „Kriegssterbefälle“. 

Alte Geschichten 

Grundsätzlich geht es Franz-Josef Finger darum, zunächst eine Grundlage zu schaffen. Er brennt darauf, noch viele Geschichten über „alte Bewohner“ hören. „Wir haben zum Glück noch viele Einwohner über 90 Jahre, die dabei helfen können.“ 

Im Hinblick auf die 950-Jahr-Feier im nächsten Jahr soll in Kürze eine Vorstellung seiner Heimatarbeit erfolgen. Auf die Resonanz der Kallenhardter ist Franz-Josef Finger bereits sehr gespannt. Vielleicht hat ja auch der ein oder andere noch alte Fotos aus den Kriegszeiten, um ihm die zur Verfügung zu stellen.  

Von alten Kirchenbuchscheibern wurde nicht jeder Name akzeptiert. Aus einem „Josef“ wurde ein „Josephus“, aus einem Anton ein Antonius. Und manche „Maria“ wurde auch nachträglich angehängt.