Das Püttken auf dem Wilzenberg…

Püttken auf dem Wilzenberg

…und andere Geheimnisse

Der Wilzenberg bei Grafschaft ist schon von Weitem sichtbar. Sein 28 Meter hohes Bergkreuz markiert – wie auf einer Schatzkarte – eine Stelle mit historischen Besonderheiten. Hier findet man eine keltische Wallburg aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., eine mittelalterliche Befestigung, einen 17 Meter hohen Aussichtsturm, eine Pilgerkapelle und die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Schon immer spannend

Bereits in den 1930er Jahren beschrieb der Wanderführer „Schmallenberg und Umgebung“ den Wilzenberg als geheimnisvollen Ort. Germanische Stämme sollen hier Götter verehrt und ihre Toten in den „Hünegräben“ an der Nordseite des Berges bestattet haben. Ein Chronist deutete diesen Namen als Hinweis auf Kämpfe mit den Hunnen (Hünen). Im Kloster Grafschaft wurde das riesige Knie eines angeblichen Hünen aufbewahrt, wohl ein Fund vom Fuße des Wilzenbergs in Richtung Gleidorf, bis die hessische Regierung es nach Auflösung des Klosters 1803 nach Darmstadt bringen ließ.

Wilzenbergturm bei Nacht

Eine andere Sage erzählt von einem Riesen, der mit einem Fuß auf dem Wilzenberg, mit dem anderen auf dem Knollenberg stand und aus der Lenne trank. Regional bekannt ist die Geschichte der Gräfin Chuniza, die auf dem Wilzenberg residiert haben soll. Sie vergiftete angeblich sieben Ehemänner und versteckte ihren Schatz in einem geheimen Tunnel, der bis zur Burg Rappelstein bei Nordenau geführt haben soll. Manche vermuten den Zugang zu dem Tunnel im verschlossenen Brunnen neben dem Wilzenbergturm, dem „Püttken“.

Das Püttken

„Püttken“ bedeutet im Dialekt „kleiner Brunnen“. Wann er erbaut wurde, ist unklar. Früher glaubte man in der Gegend, der Klapperstorch hole hier die Kinder. Junge Frauen suchten ihn auf, in der Hoffnung, das fördere die Fruchtbarkeit – denn wer hineinschaute, soll ein Kind oder wenigstens ein schönes Gesicht gesehen haben.

Der Brunnen hat einen geologischen Ursprung und diente schon lange als Wasserquelle. Die obersten Bodenschichten des Sauerlandes sind aus Meeresablagerungen entstanden. Flüsse und Bäche formten im Laufe der Zeit Täler; nur harte Gesteine wie die Grauwacke des Wilzenbergs blieben als Berge stehen.
Im harten, undurchlässigen Kuppengestein des Wilzenbergs sammelt sich in einer natürlichen Mulde unterirdisch Wasser.

Ein Brunnenleben

Irgendwann wurde an dieser Stelle ein Brunnen angelegt, mit einem kleinen, verschieferten Fachwerkhäuschen (ca. 2,5 × 2,5 m) sowie einer Giebelnische für eine Statue des heiligen Nepomuk, dem Schutzpatron der Brücken und gegen Wassergefahren. Im Brunnenhäuschen befanden sich eine Schöpfkelle, ein Wassergefäß und ein Seil mit Umlenkrolle. Pilger aus ganz Europa sollten sich dort erfrischen. Fotos aus dem Jahr 1904 zeigen das Häuschen.

Im Zweiten Weltkrieg diente das Brunnenhäuschen als Sprechstelle mit Kabelverbindung zum Bürgermeisterhaus in Grafschaft. Vom Turm aus beobachtete die Feuerwehr feindliche Flugzeuge und Brandbomben.

Nach Kriegsende war das Häuschen verfallen und der Brunnen mit Schutt, Müll und Kriegsmaterial gefüllt. 1948 wurde das Gebäude abgetragen, die Brunnenmauer rundum erneuert und mit einer Stahlabdeckung samt Klappe versehen. Trotzdem wurden durch Vandalismus weiterhin Steine und Holz in den Brunnen geworfen. 1953 wurde der Brunnenschacht gereinigt, ein Schloss an der Klappe angebracht und eine Schwengelpumpe installiert. Allerdings wurde diese nur sonntags zum Pilgerkaffee genutzt und sonst im Wald versteckt, da sich das Wasser in der unterirdischen Mulde nur langsam auffüllte.

Geheimnisse aus dem Boden

In jüngerer Zeit sorgte Matthias Dickhaus aus Winkhausen mit neuen archäologischen Funden und Theorien für Aufsehen.

Mit LWL-Lizenz, privat finanzierter Metalldetektorausrüstung und in über 3.000 ehrenamtlichen Einsatzstunden entlockte er dem Boden rund um den Wilzenberg zahlreiche Funde: keltische Silber- und Goldmünzen (ca. 50 v. Chr.), Reste von mehr als 76 keltischen Waffen, mittelalterliche Gürtelschnallen, Weltkriegsmunition, Umhängeketten-Kreuze und über 700 Münzen aus ganz Europa, datiert von 1424 bis heute. Wegen der hohen kulturhistorischen Bedeutung ist der Wilzenberg als Bodendenkmal geschützt und eigenständige Schatzsuche streng verboten.

Für uns öffnete Dickhaus das Püttken. Die Fotos zeigen einen Blick in den Brunnen – ein Schatz ist nicht zu sehen. Oder vielleicht doch?

Der Wilzenberg gibt seine Geheimnisse nur langsam preis. Schriftliche Zeugnisse früherer Bewohner oder Pilger fehlen. Es bleibt spannend, was der „heilige Berg“ noch verbirgt.

Quellen:
–  Das Püttken auf dem Wilzenberg, Handirk 2019
–  Aus der jüngeren Geschichte des Wilzenberges, Heimatblätter 1978
–  Matthias Dickhaus – der Sondengänger vom Wilzenberg, Heimatblätter 2023
–  Matthias Dickhaus und die Geheimnisse des Wilzenbergs, Heimatblätter 2024