Das langsame Verstummen des Schlosses Mülheim

Schloss Mühlheim

Zwischen Kinderlachen, Klosterglocken und einer bedrückenden Leere

Wer heute vor der alten Deutschordenskommende in Warstein-Mülheim steht, sieht ein beeindruckendes barockes Bauwerk und zugleich ein Gebäude, das wirkt, als habe man es über Jahrzehnte sich selbst überlassen. Dabei war das ehemalige Kloster über Generationen hinweg ein lebendiger Mittelpunkt des Dorfes. Ein Ort des Glaubens, der Bildung, der Fürsorge und des täglichen Lebens.

Kaum jemand kann diese Entwicklung so eindringlich beschreiben wie der Mülheimer Heinz Cramer (86). Seine Erinnerungen reichen bis unmittelbar in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Für ihn war das Kloster nie bloß ein historisches Gebäude. „Mein Bezug zum Kommende-Gebäude war Zeit meines Lebens immer sehr nah und innig“, erzählt er.

Nach Kriegsende herrschte auch in Mülheim Chaos. Die Verwaltung der Dortmunder Firma Hoesch war während des Krieges zeitweise ins Kloster ausgelagert worden. Später wurde das Gebäude von ehemaligen Zwangsarbeitern belagert, ehe die Franziskanerinnen langsam wieder einen geregelten Alltag aufbauten.

Ein Kloster voller Leben
Schon Ende der 1940er Jahre entstand wieder neues Leben hinter den dicken Mauern. Ein Kindergarten wurde eingerichtet, Felder und Gärten bewirtschaftet, später eine Haushaltungsschule für junge Frauen aufgebaut. Die Klosterkapelle, nach dem Krieg schwer beschädigt und geplündert, wurde restauriert. Ab 1952 fanden dort wieder regelmäßig Gottesdienste statt.

Viele Menschen aus dem Kirchspiel verbinden bis heute persönliche Erinnerungen mit dem Haus: Messdienerzeiten, Kindererholung, Schwestern mit klarer Haltung und großem Herzen, Pferdewagen im Klosterhof oder der Duft aus der Küche.

Besonders prägend wurde das Kinderheim „Maria Hilf“, in dem Kinder aus dem Ruhrgebiet Erholung fanden. Später veränderte sich die Nutzung erneut. Als der Nachwuchs im Orden ausblieb, wurden Teile des Gebäudes für Aussiedlerfamilien und Schulunterricht genutzt. Das Kloster blieb damit weiterhin ein Ort sozialer Aufgaben – wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Vom Mittelpunkt des Dorfes zur offenen Wunde
Mit dem Tod der letzten Franziskanerinnen begann schließlich eine Entwicklung, die viele Menschen in Mülheim bis heute nur schwer nachvollziehen können. Das Gebäude ging an das Erzbistum Paderborn über. Ein örtlicher Investor wollte dort einst ein Altenheim einrichten – doch daraus wurde nichts. Unter anderem scheiterte das Vorhaben an Auflagen des Denkmalschutzes.  Stattdessen wechselten Eigentumsverhältnisse, Zuständigkeiten und Nutzungsideen. Das Kloster wurde zeitweise an die „Glaubensgemeinschaft der Seligpreisungen“ vergeben. Reparaturen blieben aus. Der bauliche Zustand verschlechterte sich zunehmend.

Heute wirkt die einstige Kommende auf viele Menschen wie ein Symbol vertaner Chancen. Heinz Cramer formuliert es drastisch. Das Gebäude sei „zu einem Tummelplatz von Denkmal-Schutz-Amt und Immobilien-Haien verkommen“. So hart diese Worte klingen mögen, sie spiegeln eine Sorge wider, die im Ort immer häufiger ausgesprochen wird: Wie kann es sein, dass ein über 350 Jahre altes Barock-Baudenkmal mit solcher Bedeutung langsam verfällt? Heinz Cramer wird deutlich: „Vor 70 Jahren hätte sich jeder im Kirchspiel Mülheim mit diesem Objekt identifizieren können. Inzwischen machen sich Vandalismus und kriminelle Machenschaften im Gemäuer breit. Heute wünscht sich wohl jeder im Ort: Bauruine samt Eigentümer – schnellstens irgendwo hin…“

Heinz Cramer kennt sich mit der Geschichte der Deutschordenskommende in Warstein-Mühlheim bestens aus
Heinz Cramer kennt sich mit der Geschichte der Deutschordenskommende in Warstein-Mühlheim bestens aus

Dabei geht es längst nicht mehr nur um Vergangenheit oder Denkmalschutz. Es geht um die Frage, welche Rolle solche Orte künftig überhaupt noch spielen sollen. Braucht es neue Wohnformen? Ein kulturelles Zentrum? Einen Ort für Begegnung, Pflege oder Bildung? Oder fehlt schlicht der Mut, eine große Idee für das Kloster Mülheim zu entwickeln? Fest steht: Das Gebäude war über Jahrzehnte weit mehr als ein historischer Bau. Es war Teil des Dorflebens. Vermutlich liegt genau darin die eigentliche Herausforderung der Zukunft, dem alten Gemäuer wieder einen Sinn zu geben, der Menschen verbindet.

Erläuterung
Im Jahr 2009 wurde das Schloss, die Rentei, Wirtschaftsgebäude und Torhaus von einem Wadersloher Immobilienmakler erworben. Dieser ließ Erbbaurechte, erhebliche Grundschulden und weitere Rechte für Dritte eintragen. Letztlich war das Schloss durch diese Belastungen in den Grundbüchern nicht mehr vermarktungsfähig. Große, alte Bäume auf dem Schlossgelände wurden gefällt und die Heizkörper im Schloss ausgebaut und verkauft. Aufgrund offener Forderungen beantragte die Stadt Warstein im Jahr 2018 die Zwangsversteigerung des Schlosses. Aufgrund des rechtlich völlig verschachtelten Grundbuches waren insgesamt 11 Zwangsversteigerungstermine nötig, um einen Eigentümerwechsel herbeizuführen. Seit 2021 befindet sich das Ensemble im Eigentum eines Lippstädter Immobilienhändlers, seinen weiteren Gesellschaften sowie Familienangehörigen. Die neuen Eigentümer beantragten mehrfach Fördermittel aus den Denkmalschutz-Förderprogrammen des Bundes. Diese kamen aber letztlich nicht zum Zuge. Versuche,  die Immobilie zu verkaufen, blieben aufgrund der Situation im Grundbuch und des baulichen Zustandes des Schlosses bislang erfolglos. Das Schloss verfällt seitdem zusehends und ist dem Vandalismus preisgegeben.