Blick aus Berlin

Quelle: Disput/ Berlin!GmbH

Rette sich, wer kann?

Es wird Zeit, dass es Frühling wird! Seit Mitte Dezember halten uns Dauerfrost, Schnee, Blitzeis, Tauwetter und Minusgrade in eisiger Umklammerung. Ansonsten: Matsch, Nieselregen aus grauem Himmel. Und immer wieder Glatteis. Uff!

Auf dem Land, zumal im Sauerland, kann man Skifahren oder rodeln. In der Stadt ist es weniger vergnüglich. Der Zauber der weißen Pracht hält meist nur wenige Stunden, dann beginnt die Rutschpartie auf Straßen und Bordsteinen.

Was aber dieses Jahr Anfang Januar in Berlin passierte – fünf Tage Strom-Blackout im Südwesten der Stadt – schlug dem Fass den Boden aus. Kein Licht, keine Heizung, kein warmes Wasser, kein Telefon. Ausnahmezustand. Und das bei zweistelligen Minustemperaturen. Die einen retteten sich in elektrisierte Stadtteile, die anderen hielten aus: kampierten rund um den Kamin, kochten auf dem Gasgrill vor der Tür und harrten tagsüber bei Kerzenlicht oder im fahlen Schein der Taschenlampe aus. Vor allem dann, wenn die nachts heruntergefahrenen Jalousien auch tagsüber ohne Strom nicht mehr nach oben wollten.

Das Ganze war nicht einmal ein Cyberangriff, wie er hoch digitalisierte Gesellschaften lahmlegen kann. Bei uns genügte ein schlichter Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz – wie er auch vor hundert Jahren möglich gewesen wäre. Da lässt sich prima auf Berlin schimpfen, die ewig dysfunktionale Hauptstadt. Auf den Bürgermeister, der sein Tennismatch verschwieg.

Doch wenn wir ehrlich sind, könnte das überall passieren. Auch im HSK. Da rief dieser Tage die Polizei zur Vorbereitung auf: „Unsere klare Botschaft: Bereiten Sie sich jetzt vor – bevor es dunkel wird.“ Man solle Vorräte ansammeln, bevor es zu spät ist, und so weiter.

Da muss ich an die Kolumne des Kollegen Jan Fleischhauer denken, wie er angesichts des Blackouts verschiedene Gruppen aufs Korn nahm: eher rechte, Verschwörungstheorien anhängige Gruppierungen wie die amerikanische Prepperbewegung (von prepared) und andererseits linke Umweltaktivisten, die sich aus Furcht vor dem „Klimatod“ im gleichermaßen erbitterten Survival-Modus für den Ernstfall rüsten. Aus unterschiedlichen Motiven, vereint nur in der Angst vor dem Untergang.

Nun muss man nicht zu Extremen neigen, um ein paar Vorräte zu bunkern. Das ist gut und richtig. Doch wie steht es um den Schutz der kritischen Infrastrukturen? Hier wäre der Ruf nach dem starken Staat, der sich ja sonst ungefragt in alles einmischt, einmal gerechtfertigt. Ein Appell nach dem Motto „Rette sich, wer kann“ verträgt sich jedoch nicht wirklich mit unserem Verständnis eines modernen Staates, der für Fragen der Daseinsfürsorge zuständig ist – zu der wohl auch kritische Infrastrukturen gehören.

Die Regierung unter Führung unseres Sauerländers hat offenbar die Zeichen der Zeit erkannt. Der Bundestag hat inzwischen für ein sogenanntes KRITIS-Dachgesetz gestimmt, in dem es um den Schutz kritischer Strukturen vor Sabotage, Anschlägen oder Naturkatastrophen geht. Außerdem ist ein „Fonds für Zivilschutz in der Wirtschaft“ geplant. Hoffen wir, dass diese Maßnahmen fruchten. Wie resümierte Kollege Fleischhauer: „Eine handlungsfähige Regierung, das wär’s. Dann könnte man auch den Stauraum im Keller wieder für andere Dinge nutzen.“

Recht hat er. Natürlich bleibt es eine Herkulesaufgabe, dieses Land zu modernisieren – und auch Europa angesichts der weltweiten Krisen handlungsfähig zu machen. Dosensuppe in der Vorratskammer hilft gewiss über ein paar Tage Blackout, sichert aber weder unsere Grenzen noch unseren Wohlstand. Nach dem abgesagten Herbst der Reformen und dem langen Katastrophen-Winter bleibt nur die Hoffnung auf den Frühling, in dem endlich alles besser wird …