
Für den 47-jährigen Steinmetz ist die Möhne zur Lebensader geworden
Karsten Schütte ist Steinmetz, zweiter Geschäftsführer im Vorstand des Angelvereins SFV Himmelpforten und einer der wenigen unter 120 Vereinsmitgliedern, der regelmäßig zur Fliege greift. Sein Revier ist die Möhne bei Niederense.
Der 47-Jährige führt den Steinmetzbetrieb in Werl, den Großvater Hans vor 50 Jahren gründete, gemeinsam mit Vater Hans-Dieter weiter. Granit, Marmor, Naturstein. In der Werkstatt rattert es laut, Maschinen fressen Material, Küchenplatten entstehen auf den Millimeter genau. Sohn Christian hat gerade die Ausbildung begonnen. Vierte Generation. Abends wechselt Karsten Schütte das Revier, packt die Rute ein, fährt zur Möhne.

120 Mitglieder zählt der SFV Himmelpforten in Niederense. Karsten Schütte sitzt als zweiter Geschäftsführer im Vorstand. Einer fischt ausschließlich mit der Fliege. Er. Die anderen frönen dem gewöhnlichen Fischfang. Das Revier bietet nicht viele Stellen, die für einen Fliegenfischer interessant sind. Der Altarm ist die schönste Strecke im Revier. Hier schwimmt aber auch viel Nachwuchs, Forellen bis 20 Zentimeter, vereinzelt größere Fische. „Für normale Angler, die den Kochtopf füllen wollen, ist das uninteressant“, räumt Schütte ein. Für ihn reicht es vollkommen.
Fliegenfischen lernt man nicht nebenbei, nicht zwischen zwei Terminen, nicht per Zufall. Es beginnt auf der Wiese, weit weg vom Wasser. Wurfkurse, Technik, endloses Wiederholen im Gras, bevor der erste Wurf auf dem Fluss sitzt. Die Schnur trägt sich selbst durch die Luft, kein Köder zieht sie fort, keine Masse beschleunigt sie. Das Prinzip ähnelt dem Bogenschießen. Kraft hilft nicht, Konzentration und Kontrolle entscheiden. Karsten Schütte greift die Rute locker, lässt die Schlaufe entstehen, steuert nur das Timing. Er wählt schon auf dem Weg zum Wasser seine Taktik. Streamer? Nymphe? Trockenfliege auf Sicht? Der Fliegenfischer kommt an, der Wasserstand hat gewechselt, der Wind dreht, die Forellen stehen anders. Taktik über den Haufen geworfen, neu denken. Nichts ist planbar. Das liebt er.
Der Fisch kommt fast nie aus dem Wasser. Der Fischer löst den Haken direkt in der Strömung, hält kurz fest, lässt los. Vorne im Maul, in der Knorpelschicht gehakt, kein Schmerz, kein Blut. Der Fisch dreht ab. Fliegenfischen bleibt selektiv, ehrlich, konsequent.
„Arbeit war wirklich alles. Das Wasser hat mir beigebracht, dass es das nicht sein darf.“
Karsten Schütte ist Steinmetz und leidenschaftlicher Fliegenfischer
Ein befreiendes Gefühl
Die Krankheit traf ihn am Fuß. Schwarzer Hautkrebs mit Befall der Lymphknoten. Ein knappes Jahr kein Wasser, keine Strömung unter den Stiefeln, kein Wurf. Er hatte gerade erst mit seiner neuen Leidenschaft begonnen, saugte alles in sich hinein, als die Diagnose ihn hart ausbremste. „Das erste Mal wieder im Fluss war ein sehr befreiendes Gefühl“, erinnert sich Karsten Schütte. Nicht weil die Krankheit verschwand. Sondern weil er fallen lassen konnte, was er trug. Er stand im Wasser und schaltete ab. Das tut er heute noch, Abend für Abend, nur der Arbeitsdruck ist noch da. Lieferkette. Maschinenausfall. Termin. Früher war Arbeit alles, sagt er. Heute ist sie viel. Aber nicht alles.
Geduld und Präzision. Die beiden Welten – Beruf und Hobby – teilen mehr, als man ahnt. Seine Arbeit am Stein duldet keinen Irrtum, der Millimeter entscheidet. Ein Fliegenwurf verlangt dasselbe. Nur die Konsequenz trennt sie. Am Stein kostet ein Fehler Geld und Zeit. Am Fluss verscheucht man einen Fisch. Karsten Schütte lacht: „Amüsieren und neu anfangen.“ Das ganze Fischen laufe so. Und die ganze Arbeit auch.
Die Möhne fließt weiter, pausiert nicht. Karsten Schütte watet einen Schritt vor, die Schnur hebt sich in den Abendhimmel. Die Fliege sucht ihren Platz auf dem Wasser. Seinen Platz im Wasser hat Karsten Schütte in der Ruhe des Abends gefunden.


