
WOLL im Gespräch mit Bürgermeister Ralf Paul Bittner
„Arnsberg ist eine klassische, aber besondere Mittelstadt. Wir verbinden Industrie-Standorte und Tourismusregionen. Trotz Größe und Wachstum gibt es hier noch eine echte Dorfgemeinschaft. Man kennt sich, hilft sich und feiert zusammen, zum Beispiel die Schützenfeste. Es ist wunderbar, hier Bürgermeister zu sein. Arnsberg ist meine Heimat, ich bin hier geboren und aufgewachsen”, sagt Ralf Paul Bittner. Er trat am 23. Februar 2018 mit Unterzeichnung der Annahmeerklärung an und wurde am 13. März 2018 im Rahmen der Ratssitzung als Bürgermeister vereidigt. Wir sprachen Ende Juli 2025 mit ihm.
Eine besondere Stadt
WOLL: Wie ist die Lage in Arnsberg? Wie ist das Verhältnis zwischen den 15 Orten und wie ist der Zusammenhalt der Gesellschaft in der Stadt?
Bürgermeister Bittner: Arnsberg ist eine besondere Stadt. Wir sind mit etwa 75.000 Einwohnern eine klassische Mittelstadt, noch nicht ganz eine Großstadt aber auch weit entfernt von einer Kleinstadt. Wir haben 15 Ortsteile, davon Arnsberg, Neheim und Hüsten als die drei urbanen Zentren und unsere zwölf Dörfer. Eines meiner Lieblingsdörfer ist Breitenbruch auf dem Weg zum Möhnesee mit 230 Einwohnern. Dort hat man eine unfassbar tolle Gemeinschaft. Und solche Dorfgemeinschaften gibt es überall im Stadtgebiet. Man kennt sich, hilft sich und feiert zusammen, zum Beispiel Schützenfeste.
WOLL: Was macht Arnsberg Ihrer Meinung nach so besonders?
Bürgermeister Bittner: Das hat auf der einen Seite mit unserem Mittelstand, der Industrie mit einigen Weltmarktführern und letztendlich auch mit unserer Lage zu tun. Wir sind nur 60 Kilometer von Dortmund entfernt. Auf der anderen Seite sind wir zugleich das Tor zum Sauerland, Richtung Winterberg und Schmallenberg und den Sauerländer Seen. Wir verbinden die Urlaubsregion mit der Industrie- und Landwirtschaftsregion. Das ist für Arnsberg eine gute Voraussetzung.
WOLL: Was ist der Vorteil dieser Bindegliedfunktion?
Bürgermeister Bittner: Ich denke zum Beispiel an Fachkräfte und allgemein an die Lebensqualität. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Ein- und Auspendler deutlich gestiegen. Schon seit vielen Jahren hat Arnsberg aber mehr Einpendler. Am Stichtag Juni 2023 waren es 18.184 Einpendler und 14.926 Auspendler. Auf dem Markt in Neheim sprechen mich besonders oft pendelnde Leute an, die hier preiswerter ein Haus erwerben oder bauen konnten als zum Beispiel im Ruhrgebiet, die in Arnsberg Homeoffice machen können und es genießen, dass es zum Beispiel in Neheim von der Einkaufsstraße bis zum Wald gerade einmal 500 Meter sind.
Stark mittelständisch geprägt
WOLL: Wie entwickelt sich die Wirtschaft im Stadtgebiet und welche Sektoren des Gewerbes sind besonders wichtig für Arnsberg? Welche Unternehmen sind Weltmarktführer in ihren Bereichen?
Bürgermeister Bittner: Arnsberg ist eine stark mittelständisch geprägte Stadt mit enormer Wirtschaftsstärke. Diese zu halten ist unsere Aufgabe und Herausforderung. Die Firmen brauchen eine gute Infrastruktur, passende Rahmenbedingungen und natürlich Energie. Auch das ist ein großes Thema.
Die Situation der Wirtschaft in Arnsberg kann man unter anderem an der Entwicklung der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Stadtgebiet beurteilen. Diese Zahl stieg im Jahr 2008 von 24.959 auf 32.129 im Jahr 2024 an, eine Steigerung von 28,7 Prozent. In dieser Zeitspanne gab es ein Minus von 6,9 Prozent beim produzierenden Gewerbe, aber ein Plus von 36,2 Prozent im Bereich Handel/Verkehr/Gastgewerbe und ein Plus von 68,1 Prozent bei sonstigen Dienstleistungen wie zum Beispiel Finanz- und Versicherungsdienstleistern, Erziehung und Unterricht. Arnsbergs Entwicklung ist damit positiv im Vergleich mit den meisten anderen Städten: ein fast überall zu verzeichnender moderater Rückgang beim produzierenden Gewerbe, aber teilweise starke Zuwächse in anderen Wirtschaftszweigen. Der Rückgang beim produzierenden Gewerbe fällt verhältnismäßig gering aus, weil Arnsberg, wie die gesamte Region Südwestfalen, nach wie vor industriell geprägt ist.
Wir sind Heimat von Weltmarktführern wie Trilux, WEPA, Umarex, BJB, Wrede Industrieholding, Desch, Schroth und EGLO. Die Lichtwoche Neheim macht uns zum Leuchtenzentrum Europas. Hinzu kommen traditionsreiche metallverarbeitende Unternehmen und Markenunternehmen und das Alexianer Klinikum mit über 2.500 Beschäftigten in Arnsberg. Und wichtig für Arnsberg ist der Cluster „Wald und Holz“. Dabei kann man zum Beispiel an Hygienepapier, Recyclingkarton, Faltschachteln, Türelemente, Arbeitsplätze usw., aber auch an die neueste Entwicklung denken. Im Landwirtschaftsministerium wird zusammen mit der FH Südwestfalen und dem Zentrum Wald und Holz in Arnsberg-Neheim konkret an den Plänen für Hochschulbildung gearbeitet, was wir und ich persönlich seit Jahren auf verschiedenen Wegen sehr unterstützen. Das ist etwas, was ich mir immer gewünscht habe. Der Standort Wald und Holz Arnsberg wird noch weiter konzentriert. Alle, die etwas mit Holz und Forstwirtschaft zu tun haben, müssen mindestens einmal in Arnsberg gewesen sein. Demnächst auch mit einem starken wissenschaftlichen Standbein.
WOLL: Wie haben sich in dieser Zeit die Gewerbesteuereinnahmen entwickelt und wie sind die Kontakte mit den Unternehmen im Stadtgebiet?
Bürgermeister Bittner: Wir hatten in den letzten Jahren Rekordeinnahmen bei den Gewerbesteuern mit regelmäßig weit über 60 Millionen Euro. Das liegt auch an der bundesweiten Wirtschaftsentwicklung. Was die Kontakte mit den Unternehmen betrifft, hat sich hier im Stadtgebiet viel verändert. Als ich 2018 Bürgermeister wurde, hatte ich das Gefühl, ganz subjektiv, dass die Verwaltung zu weit weg von allem war. Von den Menschen und auch von den Unternehmen. Ich habe verschiedene Formate wie regelmäßige Marktgespräche, Bürgerspaziergänge und Jugendsprechstunden etabliert.

Wegen der Wirtschaftsnähe habe ich mir überlegt, wie wir die Gespräche mit Wirtschaftsunternehmen besser organisieren können. Es gab sicher schon immer Gespräche, aber ich wollte noch mehr erreichen und habe dazu den Unternehmensstammtisch eingeführt. Hier treffen sich nun alle Unternehmerinnen und Unternehmer, vom Eisdielenbesitzer bis zum Weltmarktführer. Und was ich mir erhofft hatte, ist passiert. Menschen, die einander nicht kannten, kamen miteinander ins Gespräch. Der eine macht einen Karton, der andere das Produkt. So entstehen und entstanden neue Zusammenarbeiten der Unternehmen.
Im Aufbau sind momentan unserer Local Green Deals. Dabei unterstützen wir zurzeit WEPA oder Cloer darin, ihre bereits bestehenden Nachhaltigkeits-Best-Practices sichtbar zu machen. Das geht ohne Zwang und einfach zum Nachahmen. Viele Unternehmen organisieren jetzt schon Nachhaltigkeit in ihren Produktionsketten. Arnsberger Firmen, die durchaus Potenzial haben, können sich dabei an diesen Unternehmen orientieren. Das kann hilfreich sein. Das Ziel ist im Endeffekt – das hat der Arnsberger Stadtrat beschlossen –, dass wir als Stadtverwaltung Arnsberg, zusammen mit unseren Stadtwerken, 2030 klimaneutral sind, die gesamte Stadt Arnsberg bis 2035.
WOLL: Welche Infrastruktur-Herausforderungen stehen in Arnsberg an und gibt es neue Industrieflächen in der Stadt?
Bürgermeister Bittner: Wohnen, Gewerbeflächen und Energie sind einige unserer größten Themen. Wir dürften 50 Hektar neue Industrieflächen in der Regionalplanung verankern, müssen aber zugleich Kita-, Schul- und Straßenbau flankieren und bezahlbare Mietwohnungen schaffen. Erschließung von neuen Gewerbegebieten ist schwierig, weil wir topographisch, aber auch durch FFH-Gebiete und Überschwemmungsbereiche, Probleme und Vorgaben haben, wo nicht gebaut werden kann. Zusammen mit Bürgermeister Christoph Weber aus Meschede und einer Arbeitsgruppe haben wir die Bezirksregierung Arnsberg mehrfach zu guten Gesprächen aufgesucht. An der Grenze zu Meschede können wir das erste interkommunale Gewerbegebiet der Stadt schaffen und damit einen Teil der 50 Hektar, die wir in der Regionalplanung zugestanden bekommen haben, verplanen. Aktuell planen wir zusätzliche Flächen bei Oeventrop (Im Neyl) und bei Herdringen (Wiebelsheide).
WOLL: Der Bundeskanzler Friederich Merz wohnt in Arnsberg. Wie bewerten Sie seine Rolle als Anwohner?
Bürgermeister Bittner: Durch Friedrich Merz bekommen wir auch als Stadt mehr Aufmerksamkeit. Das hat unser Profil in Medien und Politik geschärft. Die Welt schaut ein bisschen auf Arnsberg. Es kommen immer wieder Leute, die mal sehen wollen, was und wo Arnsberg ist. Das ist oftmals positiv. Ich habe bislang noch nichts Negatives erlebt. Wichtiger jedoch finde ich, dass die Kommunen in Berlin Gehör bekommen. Und da kann der kurze Draht zum Bundeskanzler sicher helfen. Aber ob Kanzler oder nicht, am Ende des Tages müssen Bund und Land die Infrastruktur-Bedarfe aller Kommunen ernsthaft finanzieren. Wir stehen vor großen Herausforderungen, aber auch vielen Chancen. Das gilt auch für Arnsberg. Diese werden wir gemeinsam ergreifen.



