
Ein halbes Jahrhundert Klangkunst im Sauerland
Wenn im Sauerland Kirchenmusik erklingt, die über das Bekannte hinausgeht, mehrstimmig, feinfühlig, anspruchsvoll, dann hat oft der Kammerchor Schmallenberg seine Hände im Spiel. Oder besser: seine Stimmen. Seit nunmehr 50 Jahren prägt das Ensemble um Gründer und Chorleiter Ulrich Schauerte die musikalische Landschaft der Region mit einem Repertoire, das von der Gregorianik bis zur Moderne reicht.
Der Ursprung des Chores ist fast filmreif. 1974, kurz nach dem Studienabschluss, kam Ulrich Schauerte als junger Musiklehrer nach Schmallenberg und fand: „Chormusikalisch war das hier eher dürftig.“ Eine Klavierschülerin, Frau Lebo, die aus Essen stammte, vermisste die Möglichkeit zum gemeinsamen Singen.
„Sie hat dann einfach selbst Leute angesprochen, ist von Haus zu Haus gegangen“, erinnert sich Schauerte. 15 Stimmen kamen zusammen. Das war die Geburtsstunde des Kammerchors.
Das erste Weihnachtskonzert 1975 musste außerhalb stattfinden. Schmallenberg selbst wollte den Chor (noch) nicht. „Die Kirche verweigerte die Aufführung mit der Begründung, die Orgel funktioniere nicht“, erzählt Schauerte. Er konterte pragmatisch: „Wir brauchen eure Orgel nicht, wir bringen unser eigenes Instrument mit.“ So begann eine Geschichte voller musikalischer Entschlossenheit, Kreativität und Widerstandskraft.
Musik jenseits des Üblichen
Während viele Männergesangvereine auf traditionelle Volks- und Naturlyrik setzten, wollte Schauerte mehr. „Die Chorliteratur bietet so viel mehr: von der Renaissance bis zur zeitgenössischen Musik.“ Der Kammerchor tauchte tief ein in Werke von Bach, Monteverdi, Mozart oder Fauré. „Ich hatte in Frankfurt bei Helmuth Rilling Chorleitung studiert. Ich wusste, was möglich ist und das haben wir auch durchgezogen.“
Nikola Kessler, langjähriges Mitglied, kam 1984 zum Kammerchor. Ihre Eltern sangen bereits mit, und als Schülerin wurde sie früh gefragt: „Willst du’s nicht mal versuchen?“ Heute sagt sie: „Das war für mich eine besondere Zeit. Mein erstes großes Erlebnis war die Plattenaufnahme im Altenberger Dom.“ Was sie bis heute begeistert: das Musizieren in kleiner Besetzung. „Man hört sich, man trägt Verantwortung, man wächst musikalisch.“
Höhepunkte zwischen Wormbach und Paris
In fünf Jahrzehnten ist viel passiert. Der Chor hat CDs aufgenommen – im Altenberger Dom und in Paris. Er war unterwegs mit französischem Repertoire, brachte selten gespielte Werke auf die Bühne und trat regelmäßig mit eigenen Konzerten in Wormbach, Schmallenberg oder Berghausen auf. „Für mich ist jedes Musikstück, das wir aufführen, ein Höhepunkt“, sagt Schauerte. Ob Monteverdi, Dvořák, Händel oder Werke des kaum bekannten Komponisten Rathgeber.
Besonders eng ist der Kammerchor mit dem Wormbacher Sommerkonzerten. Die Konzerte in der romanischen Kirche sind nicht nur wegen der Musik ein Erlebnis, sondern auch wegen der Atmosphäre. „Die Architektur, die Akustik – das inspiriert uns“, sagt Schauerte.
Auch ungewöhnliche Formate finden hier Platz: Pauken und Orgel, Musik mit Dichterlesung oder thematisch komponierte Programme aus mehreren Epochen.
Musik auf hohem Niveau – trotz kleiner Besetzung
Heute zählt der Chor rund 18 Mitglieder. „Wenn alle da sind“, lächelt Nikola Kessler. Und trotzdem bleibt das Niveau hoch.
„Wir können schnell singen, sauber intonieren, der Chor klingt homogen“, so Schauerte. Dass manchmal nur wenige Proben für ein Konzert bleiben, ist kein Nachteil. „Manche Werke haben wir sogar vom Blatt aufgeführt.“ Der Grund: ein fester Kern, der seit Jahren gemeinsam singt und neue Mitglieder herzlich aufnimmt. „Wer einen Ton sauber nachsingen kann, ist willkommen“, sagt Schauerte. „Alles andere lernt man.“
Zum 50-jährigen Bestehen gibt es 2025 ein besonderes Programm. Eröffnet wird mit einem Chor- und Streichkonzert, es folgen Abende mit Monteverdi und ein Schlusskonzert mit Werken von Vivaldi, Haydn und Mozart. Zusätzlich stehen Auftritte in Berghausen und sogar in Bad Berleburg auf dem Programm. Ein musikalisches Jahr, das noch einmal zeigt, wofür der Kammerchor seit fünf Jahrzehnten steht: Vielseitigkeit, Anspruch und Herzblut.
Ulrich Schauerte ist inzwischen gesundheitlich eingeschränkt, denkt aber nicht ans Aufhören. „Solange ich kann, leite ich den Chor.“ Eine Nachfolge ist noch nicht gefunden, aber vielleicht wächst sie ja noch heran. Die Proben finden dienstags im Alexanderhaus statt. Neue Stimmen sind herzlich willkommen. Nikola Kessler sagt: „Früher dachte man, im Kammerchor muss man perfekt sein. Heute wissen wir: Man wächst da rein und das Singen macht das Leben reicher.“



