Eine Geschichte voller Leben in schwierigen Zeiten

Foto: Heike Schulte-Belke
Foto: Heike Schulte-Belke

von Heike Schulte-Belke

In Zeiten von Corona ist die Geschichte von „Fawkes“ nicht nur berührend, sondern etwas, das Mut macht. Fawkes ist ein kleiner Vogel, der in seinem so kurzen Leben schon zweimal großes Glück hatte. Mit einem starken Überlebenswillen kämpfte er sich in das freie Leben eines kleinen Singvogels zurück.

Die Geschichte begann in Holthausen, als sich Sonja und ihre Kinder gerade auf einer kleinen Radtour befanden. Vor dem Haus einer Bekannten stießen sie auf einen besonderen Fund: Ein winziger, gerade erst geschlüpfter Jungvogel lag hilflos auf dem Gehweg. Was tun? Jetzt war schnelles Handeln erforderlich. Woher er kam, war ein Rätsel. Wäre er aus einem Nest gefallen, hätte er den Sturz sicher nicht überlebt. Das ließ die Vermutung offen, dass ihn ein größerer Greifvogel aus dem Nest raubte und fallen ließ – das erste große Glück im jungen Leben des kleinen Vogels. Kurzentschlossen nahmen ihn Sonja und ihre Kinder mit nach Hause und bastelten ihm ein kleines Nest. In eine warme Socke eingehüllt fand er in einem Nest aus Heu sein neues Zuhause – sein zweites großes Glück.

Fütterung per Pinzette

Foto: Heike Schulte-Belke
Foto: Heike Schulte-Belke

Und wie füttert man solch ein kleines Lebewesen? Mehlwürmer mit Ei und zwar stündlich, mit einer Pinzette in den weit aufgerissenen Schnabel, das ist seitdem eine Hauptaufgabe der neuen Ziehmutter und ihrer Töchter Lilli, Sofie und Marie. Schon am nächsten Tag war der kleine Fawkes – benannt nach dem Phönix aus Harry Potter – putzmunter und rief unentwegt nach Essen. Sobald Sonja pfiff, riss er den Schnabel auf und verschlang seine Portion von fünf bis zehn Würmern, vermischt mit Ei.

Von Tag zu Tag entwickelte sich Fawkes zusehends und nach einer Woche Aufzucht war deutlich das Gefieder zu sehen und auch die Augen waren geöffnet. Um welche Vogelart es sich handelte, war zu dem Zeitpunkt nicht eindeutig klar. Jeden Tag wurde er aktiver und es war nur eine Frage der Zeit, bis er seine ersten Flugversuche startete. Nachts schlief er in seinem Nest unter der Heizung und er schien sich dort ziemlich wohl zu fühlen.

Aber nicht nur für Fawkes war sein neues Leben ein Abenteuer, auch für die zehnjährigen Zwillinge und die Vierjährige war diese Art von Unterricht in einer Zeit ohne den Grundschul- und Kindergartenalltag eine ganz besondere. Bald war zu erkennen, dass es sich bei dem neuen Bewohner um eine kleine Spatzendame handelt. Neue Fressgewohnheiten und erste Flugversuche stellten Sonja und ihre Familie vor immer neue Herausforderungen. 14 Tage waren mittlerweile vergangen. Im großen Garten der Familie fühlte sie sich sehr wohl, hörte andere Artgenossen singen und genoss die warme Frühlingsluft. Doch wenn der Hunger kam oder es zu frisch wurde, steuerte sie schnell und gezielt ihre Ziehmutter Sonja an. In einem kleinen Vogelhaus im Garten wurde sie mehr und mehr daran gewöhnt, sich selbst mit ausgestreutem Futter zu versorgen. Mit jedem Tag klappte das Fliegen besser und bald kam der Tag, an dem die kleine Fawkes plötzlich in den Zweigen der nahegelegenen Birke saß.

Zeit des Abschieds

Immer mehr Zeit verbrachte Fawkes im Garten und eigentlich hatte man gehofft, sie würde ihr neues Zuhause im eigens angebrachten Vogelhaus finden. Doch es kam anders: An einem Freitag, gut drei Wochen war sie nun alt, war die Spatzendame mal wieder allein im Garten und diese Gelegenheit nutzte sie dann wohl, ihre eigenen Wege zu fliegen. Diesmal kam sie nicht zurück. Etwas traurig sind Sonja und ihre Töchter schon, aber sie sind auch glücklich, diese Erfahrung gemacht und einem kleinen, hilflosen Vogel ein Leben in Freiheit geschenkt zu haben. Lebe wohl, kleine Fawkes! Vielleicht zwitschert sie ja irgendwann einmal wieder im Garten der Familie – Sonja jedenfalls würde sie sofort wiedererkennen.

Ohne die Hilfe ihrer menschlichen Lebensretter wäre ein Überleben sicher nicht möglich gewesen. Aber dennoch erscheint die Geschichte der kleinen Fawkes, die mit ihrem unbändigen Willen den Kampf ums Überleben gewonnen hat, wie ein kleines Wunder. Und sie ist ein Beispiel dafür, dass es sich immer lohnt zu kämpfen!