Saatgut für die genetische Vielfalt unserer Wälder

Saatgut für die genetische Vielfalt unserer Wälder Eine Tonne Gehölzsaaten lagern im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg

Saatgut für die genetische Vielfalt unserer Wälder Eine Tonne Gehölzsaaten lagern im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg

Eine Tonne Gehölzsaaten lagern im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich der Diplom-Forstwirt Martin Rogge von Wald und Holz NRW mit Bäumen und ihren „Gehölzsaaten“. Eine der wichtigsten Aufgaben des Experten besteht in der Analyse des geernteten Saatguts. Im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg steht ihm und seinen Mitarbeitern dafür das passende Labor zur Verfügung.

„Es gibt nicht viele staatlich akkreditierte Gehölzsaatgutlabore in Deutschland“, betont der Experte Martin Rogge. „Maximal zehn“, ergänzt sein Mitarbeiter, der biologisch-technische Assistent Chris Kenter. Ihr Labor ist dazu verpflichtet, eine Saatgutsammlung zu führen. Diese umfasst 116 Baumarten und dient vor allem Vergleichszwecken. „Wir müssen ja unser Saatgut untersuchen, bevor wir es rausgeben.“ Die Saaten mancher Baumarten sind sich so ähnlich, dass sie kaum voneinander zu unterscheiden sind. Dabei kann es eine große Rolle spielen, ob ein Kunde etwa Saatgut für eine Stiel- oder eine Traubeneiche bekommt. „Das ist zum Beispiel bei Straßenbegleitbepflanzung wichtig“, erklärt Rogge, „denn diese beiden Eichenarten sind zwar optisch von Laien kaum zu unterscheiden, haben aber verschiedene Standortansprüche.“ Während die Traubeneiche nur trockene oder leicht feuchte Böden mag und mit weniger Nährstoffen zurechtkommt, bevorzugt ihre enge Verwandte, die Stieleiche, nasse oder wechselfeuchte Böden.

Insgesamt lagert in den drei Kühlzellen etwa eine Tonne Saatgut. Dabei geht es auch mal exotisch zu: Bei minus fünf Grad Celsius lagert etwa in Kühlkammer 18A Saatgut eines Mammutbaums. Es stammt aus Wuppertal-Cronenberg, wo Rogge und seine Mitarbeiter im Waldpädagogisches Zentrum Burgholz einige Mammutbaumanbauten beernten. Versuche in Sachen Wachstum unter den hiesigen Bedingungen lassen es sinnvoll erscheinen, diese Bäume gegebenenfalls der Baumartenpalette hinzuzufügen.

Die Gehölzsaatgutlager

Wenn es darum geht, die Keimfähigkeit der Samen zu erhalten, ist der Ginster Profi: Seine Saaten können in der Natur bis zu 90 Jahre überdauern. So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass sich auf Hochheiden, die im 19 Jahrhundert mit Tannen aufgeforstet wurden, in einer neu entstandenen Lücke plötzlich ein Ginster der Sonne entgegenstreckt.
Leider ist der Ginster eine Ausnahme und das Lagern von Saatgut in der Regel schwierig: Manche Saaten dürften nicht zu weit austrocknen und sind daher nicht einfrierbar, andere wiederum dürfen nicht zu feucht gehalten werden – da ist jede Art anders. Eine längere Lagerdauer, etwa um Engpässe in der Saatguternte zu überbrücken, ist meistens nicht möglich.

Langfristige Versuchsreihen

„Wir haben hier eine Anzuchtkapazität von 4.000 bis 5.000 Pflanzen“, erzählt der Forstwirt Rogge. „Aber das sind sehr relative Zahlen. Wenn es etwa um Veredelung geht, ist das alles sehr viel aufwendiger und wird mit weniger Pflanzen betrieben.“ Bäume wachsen langsam, daher sind die Versuchsreihen stets langfristig angelegt und entsprechend langwierig. Dabei werden Unmengen an Informationen in eine Datenbank eingegeben. Die Versuche sind so abwechslungsreich wie praxisorientiert. Jeder, der als Kind schon mal einen eigenen Apfelbaum pflanzen wollte, weiß: Der Apfelnüsel muss erst eine Weile in den Kühlschrank; so wird die sogenannte Keimhemmung aufgehoben. Dann stellen sich einige Fragen: Kann dies auch anders gefördert werden? Wie wirken sich verschiedene Behandlungsmethoden wie Feuchthaltung oder Trocknung des Saatgutes auf den Keimerfolg aus? Tomaten und Gurken sind schlechte Nachbarn, Gurken und Zwiebeln dagegen vertragen sich – wie sieht es da mit Bäumen aus? Welche Arten ergänzen sich, bei welchen Kombinationen tritt unerwünschtes Konkurrenzverhalten auf? Und wie wirken sich die drei großen Faktoren Klima, Wasserversorgung und Bodennährstoffe auf dieses komplexe Zusammenspiel aus?

Die Qualität bestimmt den Preis

Doch nicht nur das eigens gesammelte, sondern auch das zur Untersuchung von anderen Stellen eingereichte Saatgut will überprüft werden. Eine Aufgabe, der sich Chris Kenter jeden Tag mit Freude stellt. „Der Job ist sehr abwechslungsreich, weil ich jeden Tag etwas anderes mache“, erzählt der biologisch-technische Assistent. Kenter, der seine Ausbildung am Berufskolleg Olsberg machte, ist seit 2016 dabei, wenn es heißt, die Reinheit und Keimfähigkeit des Saatgutes zu bestimmen. Die Ergebnisse seiner Analysen sind dabei eine „elementare Größe“.

„Das Saatgut wird mit der Lagerdauer nicht besser. Das unterscheidet uns vom Winzer“, scherzt Martin Rogge. Die Qualität und Keimfähigkeit der Saaten wiederum bestimmen die Aussaat- oder Verkaufsdringlichkeit und wirken sich auch auf den Verkaufspreis aus. Spitzenreiter in Sachen Preis ist derzeit das Saatgut der immergrünen Douglasie mit – je nach Keimfähigkeit – 800 bis 1.000 Euro pro Kilo. Zum Vergleich: Eicheln kosten gerade einmal 4,50 bis 5 Euro pro Kilo-Sack. Die Aussaat dieser Menge ergibt übrigens je nach Baumart zwischen 80 und fünf Million Pflanzen. Dabei ist die Anzuchteffizienz so hoch, dass es sich nicht lohnen würde, Jungpflanzen in der Natur keimen zu lassen und dann auszugraben. „Wir sind hier kein Saatguthandel“, stellt Rogge klar. „Aber wenn wir Überschüsse haben, verkaufen wir die.“ Manchmal kommt es auch vor, dass eingelagertes Saatgut wieder zur Anpflanzung im forstamteigenen Wald genutzt wird. „Auf diese Weise erhalten wir die genetische Vielfalt in Form einer neuen Pflanze.“

Keine Genmanipulation

Bei all dem Wissen um Qualitätsmerkmale von Saatgut und der Beeinflussung zukünftiger Wälder weist Martin Rogge den Gedanken an eine mögliche Genmanipulation der Samen weit von sich. „Die genetischen Codes der Bäume ausreichend zu entschlüsseln, ist sehr aufwendig und teuer. Das Zusammenspiel der Funktions- und Strukturgene ist für uns in seiner Komplexität nicht durchschaubar, daher wäre hier jede Einmischung brandgefährlich!“, so der Experte. Hinzu kommt: „Züchtungsziele sind auch meist nicht vorhersehbar, deshalb verbietet es sich von selbst, da genetisch zu modifizieren. Wer hätte denn etwa vor hundert Jahren den Klimawandel kommen sehen?“

Saatgut für die genetische Vielfalt unserer Wälder Eine Tonne Gehölzsaaten lagern im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg
Saatgut für die genetische Vielfalt unserer Wälder Eine Tonne Gehölzsaaten lagern im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg
Saatgut für die genetische Vielfalt unserer Wälder Eine Tonne Gehölzsaaten lagern im Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg