“Ich sage den Leuten nicht, welchen Sinn eine Wallfahrt hat, die Leute sagen es mir.“

WOLL im Gespräch mit dem Wallfahrtsleiter der Marienwallfahrt Werl Dr. Gerhard Best und Wallfahrtsseelsorgerin Ursula Altehenger

Text: Hermann-J. Hoffe – Fotos: Frank Gries

Seit 1984 machten sich Wallfahrerinnen und Wallfahrer aus dem Schmallenberger Sauerland am Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli) zu Fuß auf den Weg von Arpe zur Muttergottes nach Werl. Dr. Gerhard Best ist der neue Wallfahrtsleiter in Werl und schon seit 1977 Glockensachverständiger im Erzbistum Paderborn. WOLL hat den Dechant und Wallfahrtsleiter der Marienwallfahrt Werl und die Wallfahrtsseelsorgerin Ursula Altehenger besucht, um mit ihnen über den Wallfahrtsbrauch und über die Werler Marienwallfahrt zu sprechen.

WOLL: Herr Dr. Best, Sie haben neben Ihren Tätigkeiten für die Wallfahrt in Werl noch eine weitere Aufgabe: Sie sind der Glockenexperte. Kennen Sie alle Glocken im Bistum?
Dr. Gerhard Best:
Ich bin einer von zwei Fachleuten für die Glocken im Erzbistum Paderborn. Die Glocken von Wormbach habe ich natürlich schon gehört, aber das Glockengeläut von Arpe kenne ich noch nicht. Eine interessante Geschichte haben zum Beispiel die Glocken von Dorlar: Weil die Dorlarer nach dem Krieg Glocken gekauft hatten, die für ihren Kirchturm zu groß waren, bauten sie flugs auf dem Friedhof einen neuen Glockenturm.

WOLL: Sie schwärmen regelrecht von Glocken. Was macht denn eine gute Glocke und vor allem ein gutes Glockengeläut aus?
Dr. Gerhard Best:
Zunächst brauchen sie einen kräftigen Klang, eine gute Resonanz. Es gibt heute ganz genau vorgeschriebene Kriterien, nach denen mit Stimmgabeln geprüft wird, ob die Glocke den musikalischen Anforderungen entspricht. Allerdings sind mir sehr viele Glocken bekannt, die diesen Kriterien für moderne Glocken nicht entsprechen. Trotzdem klingen sie wunderschön. Wormbach hat einen historischen Bestand, der unter heutigen Anforderungen musikalisch nicht abgenommen würde. In vielen Kirchen, vielleicht auch in Arpe, gibt es Glocken mit Stahlgeläut, die von den Gemeinden nach dem Krieg angeschafft wurden, weil viele Bronzeglocken eingeschmolzen worden waren. Die Leute haben sich damals krummgelegt, um die Glocken zu finanzieren. Es wäre aber unverantwortlich, heute zu sagen: „Die kommen auf den Müll.“

WOLL: Wenn die Wallfahrtspilger aus Arpe und Umgebung zu ihrer zweitägigen Wallfahrt losmarschieren, läuten die Glocken der Arper St.-Antonius-Kirche zur Verabschiedung und am Samstagnachmittag gegen 16:00 Uhr läuten die Glocken der Wallfahrtsbasilika Mariä Heimsuchung in Werl zum feierlichen Empfang. Welche Bedeutung hat das Glockengeläut?
Dr. Gerhard Best:
Es ist die Stimme der Wallfahrtskirche. Zum Jubiläumsjahr 2011 wurde das damalige Geläut um zwei Jubiläumsglocken ergänzt. Es war für uns nie ein Thema, zu beschließen: Die Nachkriegsglocken nehmen wir raus, denn Generationen seit 1947/48 verbinden ihren Einzug in Werl mit diesen einprägenden Glockenklängen. Das ist Emotion pur. Wenn die Glocken läuten und die Wallfahrer aus Arpe zu Fuß ankommen, wenn sie körperlich kaputt und kurz vorm Ziel sind, dann braucht es einfach einen kräftigen Gruß oben aus den Türmen. Das lässt im Nu alle Strapazen und Mühen vergessen.

WOLL: Was macht eigentlich ein Wallfahrtsleiter, wie Sie es offiziell sind?
Dr. Gerhard Best:
Ich bin Wallfahrtsleiter und das bin ich gerne, doch wir haben von Anfang an gesagt: Wir verstehen uns als Team. Wir sind zu viert. Der Wallfahrtsleiter macht nicht alles. Erzbischof Becker hat zu uns gesagt, als wir die Betreuung des Wallfahrtsortes übernommen haben: „Ich erwarte von euch, dass ihr die klassische traditionelle Marienwallfahrt, wie Werl sie kennt und wie sie Werl geprägt hat, fördert und weiter ausbaut. Und ich erwarte ein neues Standbein von euch.“ Dass wir Menschen erreichen, die mit der klassischen Wallfahrt nichts anfangen können, war für mich wie ein Signal. Allein kommt man da nicht weit, man muss ein Team haben, das dieses Spektrum abdeckt. Ich bin derjenige, der dem Erzbischof gegenüber in der Verantwortung steht, der ein Stück weit das Gesicht der Wallfahrt ist. Pastor Mockenhaupt, der zweite Priester im Team, und ich sind für den Gottesdienstbereich, die heiligen Messen, die Beichte zuständig. Die Vertretung nach außen und der klassische Bereich sind sehr wichtig. Außerdem schreibe ich gerne über die Geschichte des Wallfahrtsortes. Gerade arbeiten wir an einem Mariengebet-Buch, bewusst mit neuen und modernen Mariengebeten.

Ich habe dem Bischof gesagt, als er mir in seiner netten westfälischen Art andeutete: „Ich will, dass Sie nach Werl gehen!“, dass ich eine Frau im Team brauche. Es sollte selbstverständlich sein, dass nicht Männer sagen, was Frauen bei Wallfahrten zu erwarten haben. Ich bin daher sehr froh, dass Frau Altehenger im Team ist. Jemand, der ganz andere Akzente setzt und viel von Technik versteht, der unsere Homepage und all diese Bereiche betreut.

Ursula Altehenger: Wir versuchen immer, neue Angebote zu ergänzen. Im vergangenen Jahr sind wir mit einer Grundschul-Wallfahrt gestartet: Vier Klassen haben unter dem Motto „Post für Gott zu Händen Marias“ teilgenommen. Auch die Fahrradwallfahrt ist sehr beliebt: Bevor die Fahrradsaison startet, werden die Radfahrer mit dem Segen Mariens auf den Weg geschickt. Menschen nach Werl einzuladen und zu bewegen, die den Glauben nicht traditionell ausleben, ist etwas Besonderes. Die stellen fest: „Das ist ein Kraftort, der tut mir gut.“ Man kommt zu sich und kann den Segen Gottes erbitten. Wir haben auch überlegt, eine Großeltern-Enkel-Wallfahrt zu machen. Leider wird das alles dieses Jahr nicht stattfinden können. Aber die Pläne fallen nicht weg, sondern werden später umgesetzt. Wir sind voller Ideen, um alle Menschen anzusprechen und nach Werl einzuladen.

Außerdem ist unser Pilgerbüro ein wichtiger Ort, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir haben unter Sicherheitsauflagen jetzt wieder geöffnet. Dieser Ort ist ein Ort der Begegnung, des Gespräches und des offenen Ohres. Es kommen viele Menschen zum Beichten, was uns selbst völlig erstaunt hat, weil man das von den Gemeinden nicht mehr kennt. Auch andere, die nicht beichten möchten, brauchen Zuhörer und Zuwendung.

WOLL: Was antworten Sie Menschen, die nach dem Sinn einer Wallfahrt fragen?
Dr. Gerhard Best:
Die Antwort können sich die Leute am besten selbst geben. Ich sage den Leuten nicht, welchen Sinn ihre Wallfahrt hat, die Leute erzählen es mir. Man kommt, um etwas loszuwerden. Persönliche Probleme oder eine Sorge, ganz oft auch Dank. Das ist das Interessante an der Wallfahrtskirche. Es ist ganz oft so, dass Menschen darin sind, die beten. Die einfach die Stille suchen. Manchmal kommen auch Paare, um ihren Hochzeitstag hier zu feiern. Manche sind in Werl getauft worden. Und natürlich kommt man, um hier Gottesdienst zu feiern, vor dem Gnadenbild zu bitten. Papst Johannes Paul II. hat einmal gesagt: „Es gibt so viele Wege Gottes zum Menschen, wie es Menschen gibt.“ Ich würde sagen: „Es gibt so viele Motive zu Wallfahrten, wie es Menschen gibt.“

Ursula Altehenger: Ich erlebe auch, dass Menschen sich auf den Weg machen. Pilgern ist ein Begriff, der in den Köpfen vieler Menschen ist. Wir erleben, dass Pilger auf dem Jakobsweg vorbeikommen, die gar nicht regulär auf Wallfahrten gehen. Im vergangenen Jahr, als wir mit den Wallfahrts-Gruppen unterwegs waren, habe ich mit einer jungen Frau gesprochen. Sie sagte: „Ich muss das jedes Jahr machen. Ich muss den Weg gehen, um mein Leben zu sortieren. Und ich brauche ein Ziel und das ist Werl. Ich gehe jedes Jahr mit, und wenn ich diesen Weg gegangen bin, dann bin ich erholter als nach drei Wochen Urlaub. Es ist alles klarer, mein Leben sortiert sich Schritt für Schritt, indem ich gehe, mit den Menschen, die mir wichtig sind. Das ist diese Gruppe, die einen trägt. Auch das Gebet trägt. Man geht betend und singend und erzählend.“ Diese Aussage hat mich sehr beeindruckt. Viele, die traditionell wallfahren kommen, sagen: „Kein Weg ohne Ziel.“ Werl ist für mich ein Ort, an dem ich Kraft schöpfen kann. Bei Maria sein. In Werl sein, die Glocken hören und die Menschen um mich haben. Und sehen. Das was mich trägt.

WOLL: Die Marienverehrung und die Marienwallfahrt nach Werl haben eine über 350-jährige Tradition. Haben Wallfahrten auch eine Zukunft?
Dr. Gerhard Best:
Das denke ich schon, weil das Spektrum der Spiritualität in der katholischen Kirche, aber auch in unserer Gesellschaft viel weiter geht. Ich bin letztes Jahr mit den Wallfahrern aus Much ein Stückchen gegangen. Da erlebt man den Glauben ganz neu. Das ist etwas anderes, als am Sonntag in die Messe zu gehen und eine Dreiviertelstunde schön und würdig Gottesdienst zu feiern. Bei den Fußwallfahrtsgruppen sind übrigens sehr viele jüngere Leute dabei. Es ist auch unsere Aufgabe, allen Menschen zu zeigen, dass die Wallfahrt eine Form von Spiritualität ist. Dazu laden wir ein.

WOLL: Wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch und wünschen Frau Altehenger und Herrn Dr. Best immer ein gutes Gespür als Wallfahrtsleiter und Wallfahrtsseelsorgerin von Werl.

In der Wallfahrtskirche wird der traditionelle Beichtstuhl umgestaltet, und zwar zu einem sehr ansprechenden Beichtraum. Die Ausgestaltung dieses Beichtraumes liegt in den Händen von Thomas Jessen aus Eslohe. „Wir haben bewusst entschieden, den Beichtraum mit einer Grundverglasung zu gestalten, der in die Kirche einlädt.“