Das Ende der Monokulturen: Neue Bäume braucht das Land

Das Ende der Monokulturen: Neue Bäume braucht das Land Wie das Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg den Wald retten will

Das Ende der Monokulturen: Neue Bäume braucht das Land Wie das Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg den Wald retten will

Wie das Lehr- und Versuchsforstamt Arnsberg den Wald retten will

Text: Monika Loerchner
Foto: Matthias Dröge

Es steht nicht gut um den Arnsberger Wald: Wie überall im Land kämpfen auch hier die Bäume noch immer mit den Auswirkungen des extrem trockenen Sommers 2018. Dieser „Trockenstress“ kann durch den Klimawandel zum Dauerproblem werden – wenn der Wald nicht darauf vorbereitet wird. Diplom-Forstwirt Martin Rogge von Wald- und Holz NRW erklärt, was der Mensch tun kann und warum die Lösung in genetischer Vielfalt liegt.

Der Schlüssel zur Anpassung

„Als es in den 80ern zum großen Waldsterben kam, entstand hier als Erstes das Forst-Genamt“, erinnert sich der Forstwirt, der den Bau seines Dienstgebäudes in Arnsberg, Obereimer 2A, miterlebte. „Diese Aufgabe hat Wald und Holz noch immer inne. Wir sind eine Einrichtung des Landes NRW zum Erhalt und zur Förderung gehölzgenetischer Vielfalt und Ressourcen.“ Was bedeutet das genau? „Jede Pflanzenzelle besitzt in ihrem Zellkern Informationen“, erklärt Martin Rogge, „und zwar einen Satz Informationen vom Vater, einen von der Mutter. Diese Informationen bestimmen etwa das Verhalten des Baumes bei Trockenstress.“ Und den haben derzeit vor allem die Fichten: Durch die trockenen Sommer geschwächt, sorgt der Borkenkäfer zusätzlich für Wassernot. „Ist ein Baum zu einem bestimmten Prozentsatz von dem Schädling befallen, fällt er um. Dabei hebt sich dann der Wurzelteller aus der Erde und der Baum kommt noch schlechter an Wasser heran.“

Doch auch andere Baumarten leiden unter der extremen Trockenheit der vergangenen Sommer; der Bodenvorrat an Wasser ist noch immer nicht wieder aufgefüllt. Und hier kommen die Gene ins Spiel: „Wie sich die Bäume jetzt verhalten, welche Taktiken sie zum Überleben benutzen, das hängt alles an den Erbinformationen ab.“ Auch wie der Baum mit erwünschten Pilzen kommuniziert oder Abwehrstoffe gegen Insekten, Bakterien und andere Schädlinge bildet, ist genetisch festgelegt. An dieser Stelle kommt den Pflanzen eine möglichst große, genetische Vielfalt zugute: „Ein Baum versucht zum Beispiel Taktik A der Mutter“, so der Forstwirt, „und wenn das nicht funktioniert, greift er auf die Taktik aus der anderen, der väterlichen Hälfte des Erbgutes zurück. Er hat also bei einer größeren genetischen Vielfalt eine größere Menge an Strategien zur Verfügung und dadurch größere Chancen, zu überleben.“

Aus diesem Grund wird bei der Auswahl des Saatgutes von vornherein eine strenge Auswahl getroffen. Das Forstvermehrungsgutgesetz regelt dabei etwa, dass das Saatgut bestimmter Arten von mindestens 20 Mutterbäumen stammen muss. Durch den Pollenflug kann sogar eine noch größere Menge an Vaterbäumen gewährleistet werden.

Artenvielfalt stärkt den Wald

Die Zukunft des Waldes sieht Martin Rogge ganz klar in Mischwäldern. „Je mehr Artenvielfalt wir haben, desto besser können sich die Bäume untereinander ergänzen und verschiedene Funktionen übernehmen.“ Hat ein Förster oder ein Waldbauer eine Schad- oder Freifläche neu aufzuforsten, wählt er dabei mindestens vier verschiedene Baumarten aus, je nach wirtschaftlichem Ziel. „Dafür muss zunächst der Boden auf seine Nährstoffe und die Wasserversorgung hin untersucht werden“, so Martin Rogge über das Vorgehen. „Außerdem muss der Förster die Zukunft im Auge behalten. Derzeit plant man mit einer deutlich schlechteren Wasserversorgung über die nächsten Jahre.“ Entsprechend gilt es dann, die Baumarten auszuwählen.

In dieser Hinsicht übt das Wald und Holz NRW auch eine Beratertätigkeit aus: „Wir können in keine Glaskugel schauen, aber wir versuchen, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und unsere Wälder auf künftige Klimaveränderungen vorzubereiten. Da werden jetzt bald ganz andere Arten eine größere Rolle spielen.“ Die als pflegeleicht geltende Fichte mag es eigentlich eher kühler und fühlt sich in Hochgebirgslandschaften wohl. Somit könnte ihre Blütezeit in unserer Region zu Ende sein. Bäume, die mehr Wärme und Trockenheit vertragen, wie etwa die Douglasie oder die Rotbuche, könnten nun dazu beitragen, den Wald zu sichern. Um zu verstehen, wie und wo verschiedene Baumarten am besten zusammenwirken, forschen Martin Rogge und seine Mitarbeiter in einem eigenen Gewächshaus.

Mensch und Wald

Was im Kleinen im Gewächshaus vonstattengeht, wird auch im Großen umgesetzt: Fünf Forstbetriebsbezirke verfügen gemeinsam über etwa 10.000 Hektar Staatswald südlich der Ruhr im Arnsberger Wald. Das Zentrum für Wald und Holz teilt sich diesen Wald mit dem Fachbereich für die Bewirtschaftung des Staatswaldes. Dorthin werden auch Bäume und Setzlinge aus dem Gewächshaus ausgepflanzt und in Versuchskulturen weiter beobachtet.

Den Wald sich selbst zu überlassen, wie es in Bayern und aktuell auch im Harz geschieht, wäre laut Martin Rogge für NRW nicht sinnvoll: „Ohne das menschliche Eingreifen wären unsere Wälder hier längst von der Buche dominiert.“ Überhaupt sieht sich der Forstwirt als Schnittstelle zwischen dem Naturschutz und den Ansprüchen, die die Menschen an den Wald stellen. „Der Wald dient nicht nur als Erholungsort, sondern auch dem Wasserschutz. Außerdem ist er natürlich Lebensraum zahlreicher Tier- und Pflanzenarten. Die Menschen können wir dabei aber auch nicht wegdiskutieren, wir brauchen ja den Rohstoff Holz“, äußert sich Martin Rogge zur Lage. Eine Vereinbarkeit zwischen ökonomischen und ökologischen Überlegungen sieht er in nachhaltiger Planung. „Wir sind auf sich selbst regulierende Waldsysteme angewiesen. Für die Erhaltung der Natur und für das Gemeinwohl des Menschen.“

Wenn das Wasser fehlt

Wie direkt sich eine Erhöhung der Temperaturen auf die Bäume auswirkt, konnte im letzten Mastjahr 2018 beobachtet werden. In einem Mastjahr produzieren die Bäume mehr Blüten, betreiben eine maximale Samenproduktion. Dies war vor zwei Jahren bei fast allen Baumarten gleichzeitig der Fall. Doch die Blütenfülle des Frühlings wurde von der extremen Trockenheit des Sommers zum Teil zunichte gemacht: Je nach Standort der Bäume und dem für sie verfügbaren Bodenwasservorrat wurden zahlreiche noch unreife Früchte vorzeitig abgeworfen oder blieben kleiner. Die Samenmenge und -keimfähigkeit ließ stark nach, so dass die Saatenernte mancherorts sogar abgebrochen werden musste.

Auch in 2019 hatten sich die Bäume noch nicht wieder von der anhaltenden Trockenheit erholt, die meisten Arten trugen gar keine Früchte. Der Samenernte in diesem Jahr sieht Martin Rogge aber wieder optimistisch entgegen: „Die trocken-warme Witterung gegen Mitte Juni 2019 begünstigt die Anlage von Blüten in diesem Jahr, insbesondere da im Vorjahr keine Früchte gebildet wurden. Also gibt es Grund zur Hoffnung für 2020.“

Der Experte warnt aber auch vor möglichen Engpässen: „Sollte es in diesem Jahr keine gute Saatgutversorgung geben, wird es angesichts der in den kommenden Jahren und in ganz Mitteleuropa benötigten höheren Pflanzenmengen schon eher schwierig. Das beträfe vor allem die Versorgung mit Eichen. Die sind jetzt im Klimawandel besonders gefragt.“ Leider ist das Saatgut der Eiche praktisch nicht lagerfähig.

Die Zukunft des Waldes

„Wir arbeiten mit Landwirtschaftsbehörden, Baumschulen und Saatguthändlern zusammen, mit  forstwirtschaftlichen Versuchsanstalten, Universitäten und Fachhochschulen“, zählt der Forstwirt auf, „und wirken mit an einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Waldbewirtschaftung. Da sitzt man, wenn man sich mit Saatgut beschäftigt, direkt an der Basis.“ Besonders stolz ist Martin Rogge darauf, dass es dem Forstamt gelungen ist, dass auch seltenerer Baumarten wie Wildobstbäume, Eiben, Schwarzpappeln oder Wacholder wieder Beachtung finden und dass das Bewusstsein für den Wert von Mischbeständen gestiegen ist.

Und wie wird es mit dem Arnsberger Wald weiter gehen? „Der Wald wird sich verändern!“, da ist sich der Experte sicher. „Das ist ja das Schöne, dass sich die Natur an Umweltveränderungen anpassen kann. Das muss sie ja, sie kann ja nicht weglaufen. Und das ist auch eine Chance: Der Wald wird es schaffen!“

„Das ist ja das Schöne, dass sich die Natur an Umweltveränderungen anpassen kann. Das muss sie ja, sie kann ja nicht weglaufen.“ (Martin Rogge)

Wir können in keine Glaskugel schauen, aber wir versuchen, unsere Wälder auf künftige Klimaveränderungen vorzubereiten.

(Martin Rogge)