Sauerländer Bräuche: Powerbegrünung – Bäumchensetzen

Foto: Pixabay
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aus „Voll die Bräuche, woll!“ von Michael Martin

Wo? In Attendorn
Wann? Alljährlich an drei aufeinanderfolgenden
Wochenenden im Mai und Juni

Schon in der Bibel steht geschrieben, der Mann solle ein Haus bauen, ein Kind zeugen und einen Baum pflanzen. Daran hält man sich überall im Sauerland, außer in Attendorn. Die kniepigen Attendorner hatten früher nur eine Bibel, aus der der Pastor dann sonntags vorlesen musste. So sparte man sich den persönlichen Bibelerwerb und auch das Lesenlernen im Allgemeinen. Als die Heilige Schrift im kalten Winter 1632 versehentlich von der Magd des Pastors verheizt wurde, musste man sich fortan mit mündlicher Überlieferung behelfen, der sogenannten Stillen Post. So kam es, dass in Attendorn heutzutage zuerst das Kind gezeugt wird, das danach sein Abitur bauenmuss und zum Schluss auch noch das Bäumchen selber pflanzt. Oherre! Dieser Pflanzakt wird als Bäumchensetzen bezeichnet, ein alljährliches Ritual, bei dem für jeden Schüler, der an einem der beiden örtlichen Gymnasien sein Abi baut, je ein Laub- und ein Nadelbaum eingebuddelt wird. Das klingt superlieb und irgendwie gähn, ist es aber absolut nicht. Die wilde Begrünung, bei der alle Oberstufenschüler mitmachen, beginnt in den elterlichen Gärten der jeweiligen Abiturienten. Dort werden ordentlich Löcher in den Boden gehackt, die Setzlinge hineingefriemelt und anschließend mit reichlich Bier begossen. Den Garten kann man hinterher wegschmeißen, Luftaufnahmen erinnern stark an Panzermanöver oder schwere Wildschäden. Gaudeamus igitur, Prost und Abfahrt des dazugehörenden Autokorsos zum nächsten Garten. Das Ganze kulminiert in einer Party unter freiem Himmel und dem Versuch, die Theorie des Pils-Leistungskurses in die Praxis umzusetzen.

Da die künftige geistige Elite des Südsauerlands auch beim Saufen gern geordnete Verhältnisse hat, existiert beim Bäumchensetzen eine klare Struktur. Die Eventplanung obliegt dem Organisationsteam, das die zu verwüstenden Gärten festlegt und die Reihenfolge, in der sie heimgesucht werden. Da beim Bäumchensetzen Hunderte Schüler und Dutzende bunt bemalter Spaßautos von Ort zu Ort bewegt werden, muss die Ortspolizei das Ganze natürlich noch gnädig abnicken. Um den praktischen Teil der Powerbegrünung kümmern sich Teams von Setzern mit Spitzhacken, die an den unterschiedlichen Setzstationen das Publikum anheizen und dann mit Anlauf und Schmackes jede Menge großer Pflanzlöcher in die schmucken Gärten hacken. Da bleibt kein Auge und keine Kehle trocken, selbst RTL war schon da und berichtete vom wilden Treiben der Attendorner Abiturientia, einfach mal „Bäumchensetzen Attendorn“ bei Youtube eingeben, woll. Muss denn da so viel Bier getrunken werden? Und was sagen denn bloß die betroffenen Eltern beim Anblick ihrer gefrästen Gärten? Antwort eins: Jau. Antwort zwei: Die Eltern grinsen, schütteln mit dem Kopf und räumen klaglos auf, schließlich waren viele von ihnen selber einmal durchgeknallte Bäumchensetzer.