„Letztendlich geht es doch nur darum, da zu sein, wenn jemand Hilfe braucht.“

„Letztendlich geht es doch nur darum, da zu sein, wenn jemand Hilfe braucht.“ (Nicole Gerke, Mobile Retterin)

„Letztendlich geht es doch nur darum, da zu sein, wenn jemand Hilfe braucht.“ (Nicole Gerke, Mobile Retterin)

(Nicole Gerke, Mobile Retterin)

Text: Sabina Butz
Fotos: Jürgen Eckert

Eines vorweg: Die „Mobilen Retter“ verstehen sich als Ergänzung zu bestehenden Rettungsdiensten und First Respondern, nicht als deren Ersatz. Seit 2014 setzt sich in Deutschland die gemeinnützige Initiative Mobile Retter für die Verbreitung des Smartphone-basierten Ersthelfer-Systems ein. In die ländlichen Strukturen des HSK fügt sich das System besonders gut ein. Bereits über 590 aktive Mobile Retter sind seit dem Start im Oktober 2019 dabei.

So oder ähnlich könnte es passieren: Auf einer Landstraße mitten in einem Wald erleidet jemand einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Sein Begleiter alarmiert den zuständigen Rettungsdienst. Der benötigt voraussichtlich neun Minuten bis zum Eintreffen. Parallel zur Alarmierung des Rettungsdienstes wird automatisch eine Anfrage bei den Mobilen Rettern über die Mobile Retter-App getätigt, ob sich zufällig jemand in der näheren Umgebung befindet. Per App gelingt es, schnell zwei Ersthelfer, sogenannte Mobile Retter, zu dem Notfall zu schicken. Sie treffen fünf Minuten vor dem Rettungsdienst ein, leiten die notwendigen Erstmaßnahmen ein und übergeben den erstversorgten Patienten direkt an den Rettungsdienst.

Eine mobile Retterin berichtet

„Das Prinzip ist ganz einfach“,erläutert Nicole Gerke, „Die Mobilen Retter sind Freiwillige, die sich zufällig in der Nähe eines Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand befinden, über eine App geortet werden und vor dem regulären Rettungsdienst mit Wiederbelebungsmaßnahmen (Mund-Zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage) beginnen können.“ Die gelernte Verwaltungsangestellte, Jahrgang 1995, die sich derzeit in der Weiterbildung zur Verwaltungsfachwirtin befindet, koordiniert in Teamarbeit mit Frank Wegener die Mobilen Retter im HSK. Im Zentrum für Feuerschutz und Rettungswesen, Meschede, Steinwiese 3, erklärt sie, was es mit den Mobilen Rettern in der Praxis auf sich hat.

Ehrenamtlich, qualifiziert und besonders geschult

Auf Grund der großen Flächenbereiche mit dörflichen Strukturen benötigen die Rettungsdienste im HSK, wie im Bundesdurchschnitt, circa zwölf Minuten bis zum Eintreffen beim Patienten, die Mobilen Retter 4,24 Minuten. „Wir reanimieren und übergeben den Patienten an den Rettungsdienst, sobald der eintrifft. Diese wenigen Minuten können entscheidend sein, um die Überlebenswahrscheinlichkeit des Patienten positiv zu beeinflussen. Wir sind gut darauf vorbereitet: Mobiler Retter kann nur werden, wer mindestens 18 Jahre alt ist und eine entsprechende Qualifikation oder Erfahrung im Umgang mit Notfallsituationen hat: Ärzte, Feuerwehrleute, Rettungsdienstler, Pfleger und andere Berufsgruppen im Gesundheitsbereich werden zum Mobilen Retter geschult. Alle zwei Jahre müssen sie diese Schulung auffrischen.“

Vier ehrenamtliche Verpflichtungen

Frank Wegener fügt hinzu: „Wir haben einen Frauenanteil von circa 25 %, aber kaum jemand, weder Mann noch Frau, dürfte auf insgesamt vier ehrenamtliche Tätigkeiten kommen wie Nicole Gerke. Sie ist Mobile Retterin, First Responder (Notfallhelferin), Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr und Sanitäterin. Alles rein ehrenamtlich.“ Nicole Gerke wiegelt ab: „Das ist alles gut machbar, als Mobile Retterin hatte ich in vier Monaten nur einen Einsatz, aber auch mit wenigen Einsätzen können Leben gerettet werden. Letztendlich geht es doch nur darum, da zu sein, wenn jemand Hilfe braucht.“ Lachend fügt sie hinzu: „Das Wissen, anderen geholfen zu haben, dient doch auch der eigenen Wertschätzung.“

Mobile Retter tragen keine Uniform

„Natürlich gibt es auch kleinere Probleme, die nicht verschwiegen werden sollen“, fügt sie hinzu: „Wir sind als Mobile Retter nicht sofort zu erkennen, wir haben keine Uniform, keine Warnwesten, sondern unsere normale Straßenkleidung, wir kommen in unseren privaten PKWs angefahren. Die Leute können oftmals mit dem Begriff „Mobile Retter“ noch gar nichts anfangen. Je bekannter wir werden, umso einfacher wird es werden. Die Angehörigenbetreuung wird oft ebenfalls von den Mobilen Rettern geleistet.

Die Menschen sind einfach dankbar, wenn sie nach der Abfahrt des Rettungswagens nicht allein da stehen.“ Frank Wegener ergänzt: „Leider ist es datenschutzrechtlich schwierig, den medizinischen Ausgang eines Patienten zu erfahren. Zukünftig wollen wir auch mehr für unsere eigene Vernetzung, also den Austausch der Mobilen Retter untereinander tun.“

„Wir kümmern uns natürlich auch um die Nachsorge der Mobilen Retter nach einem Einsatz“, meldet sich noch einmal Nicole Gerke. „Wir haben Zugang zur Psychosozialen Unterstützung für Kolleg/Innen, die durch einen Einsatz belastet sind. Was wir uns natürlich wünschen ist, von der Bevölkerung wahrgenommen zu werden. Ein lobendes Wort oder auch einfach nur ein Lächeln als Anerkennung für unseren gern geleisteten Beitrag, nehmen wir herzlich gern an.“

Weitere Informationen zu den Mobilen Rettern unter: www.mobile-retter.org

Ein Lächeln als Anerkennung wird gern angenommen.

In die ländlichen Strukturen des HSK fügt sich das System besonders gut ein.

Die Fakten:

Wenn es gelingt, eine flächendeckende medizinische Erstversorgung in lebensbedrohlichen Situationen zu gewährleisten, könnten mehr als 10.000 Menschenleben in Deutschland gerettet werden, hat der Deutsche Rat für Wiederbelebung (GRC) errechnet. In Deutschland erleiden jährlich mehr als 50.000 Menschen einen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Nur 10 % der Betroffenen überleben, da adäquate medizinische Hilfe in vielen Gebieten nicht rechtzeitig eintreffen kann. Nach einem Kreislaufstillstand zählt jede Sekunde: Die Chancen einer erfolgreichen Wiederbelebung sinken statistisch gesehen um 10 % pro Minute, nach 5 Minuten liegen die Chancen bei 50%, nach 10 Minuten bei nahezu Null.