Helmeringhausen: kreativ, innovativ, positiv

Helmeringhausen: kreativ, innovativ, positiv Das kleine Dorf ist viel mehr als das „schönste Fleckchen am Ende der Welt“

Viele alte Obstbäume prägen das Ortsbild. Jedes Jahr im Herbst pressen die Helmeringhäuser ihre Äpfel zu Saft. Ein zweiter Spitzname ist deshalb das „Saftkaff

Das kleine Dorf ist viel mehr als das „schönste Fleckchen am Ende der Welt“

Text und Fotos: Mario Polzer

Es ist eine kleine, nicht geplante Begebenheit am Rande der Recherche zu diesem Ortsporträt, die deutlich macht, was das Besondere an Helmeringhausen ist. Ich spreche mit Wolfgang Vosshans, genannt Vossi. Darüber, warum er hierhin gezogen ist und seitdem täglich zwei Stunden Fahrzeit zur Arbeit und zurück auf sich nimmt. Währenddessen richtet seine Lebensgefährtin Anke Rühl unter dem Carport ein paar Tische und Bänke her. „Heute Abend treffen wir uns zum Reibekuchen essen. Ganz spontan. 14 Leute. Jeder bringt etwas mit.“ In Helmeringhausen sind Nachbarschaft und Dorfgemeinschaft lebendig – über Generationen hinweg. „Hier passen alle auf alle auf“, hat mir Nadine Overhageböck kurz zuvor erzählt. Sie ist Mutter von zwei Kindern, ebenfalls zugezogen und wie ihr Mann Sebastian an verschiedenen Stellen im Dorf ehrenamtlich aktiv.

Helmeringhausen ist mit rund 250 Einwohnern eines der kleinsten Dörfer Olsbergs. Seinen liebevollen Spitznamen hat es wohl seiner Lage zu verdanken: Das Sackgassendorf wird das „schönste Fleckchen am Ende der Welt“ genannt. Mit dem Auto ist es nur über die Bigger Straße zu erreichen, nur über denselben Weg geht es zurück. Geschmunzelt haben die Olsberger und ihre Nachbarn vor knapp zehn Jahren, als die Umgehungsstraße eröffnet wurde. Da bekam das kleine Helmeringhausen eine eigene Abfahrt samt Hinweisschildern. „Zusammen mit dem Ende 2019 eröffneten neuen Teilstück der Autobahn 46 ist das heute ein Segen für uns“, sagt Ortsvorsteher Winfried Henke. „Jetzt sind wir in drei Minuten auf der Autobahn. Das Ruhrgebiet ist damit nur noch eine dreiviertel Stunde entfernt.“

Seine Lage macht Helmeringhausen als Wohnort attraktiv für Pendler. Unter anderem für Wolfgang Vosshans, auch wenn er nicht ins Ruhrgebiet, sondern nach Rheda-Wiedenbrück zur Arbeit fährt. Der 56-Jährige zog vor vier Jahren der Liebe wegen aus Ostwestfalen ins Sauerland. In Helmeringhausen hat er Platz für sein Hobby. Er besitzt vier Hunde und hilft mit seinem Verein „Vossis Hundefreunde“ anderen Hundehaltern, ihre Vierbeiner besser zu verstehen. „Mensch und Tier müssen lernen, richtig miteinander zu kommunizieren“, sagt er. Oberhalb des Hauses, das er mit seiner Lebensgefährtin bewohnt, hat er einen Hundeplatz mit Parcours angelegt. „In einer Stadt fände ich nicht genug Platz dafür. Und falls doch, könnte ich ihn dort nicht bezahlen.“

Mit Häusern, die lange leer stehen, hat Helmeringhausen kein Problem. Die Vorteile des Ortes, vor allem die intakte Dorfgemeinschaft, haben sich herumgesprochen. Auch die Familie Overhageböck entschied sich deshalb vor sechs Jahren, hier ein Haus zu bauen. Nadine (37) und Sebastian, genannt Oggi (38), leben mit ihren Kindern Joke und Pepe, sieben und vier Jahre alt, in Helmeringhausen. „Allein in unserer Straße gibt es neun Kinder. Da findet sich immer jemand zum Spielen“, freuen sie sich. Auch Kinder- und Jugendgruppen gibt es. Nadine Overhageböck leitet die Gruppe der Fünf- bis Neunjährigen – eine von vier Gruppen, die von der örtlichen Kolpingfamilie getragen werden. Außerdem gibt es die sogenannte teiloffene Tür. Das sind offene Angebote für Jugendliche, die wie die Gruppen von Ehrenamtlichen begleitet werden. „In unserem Dorfgemeinschaftshaus, dem Hubertushaus, steht dafür ein Jugendraum zur Verfügung“, sagt Ortsvorsteher Winfried Henke. Erst kürzlich wurde dieser renoviert und dabei auch ein Großbild-Fernseher angeschafft.

Wie Nadine, engagiert sich auch ihr Mann Oggi ehrenamtlich für die Dorfgemeinschaft. „Mann für alles“ sei er, sagt er lachend. Wer handwerklich begabt ist, findet im Dorf immer Aufgaben – von der kleinen Reparatur bis zum Bau von zwei Strandkörben für den Dorfplatz. Dort gibt es auch eine öffentliche Boule-Bahn und neuerdings eine Ladestation für E-Bikes. Auch beruflich bleibt Oggi in Helmeringhausen: Mitte vergangenen Jahres hat er sich selbstständig gemacht. Mit seinem Bruder und vier Mitarbeitern hat er sich auf Altbau-Renovierungen und Küchenbau spezialisiert. „Vom Standard bis zur individuellen Maßküche bieten wir die gesamte Palette“, sagt er. Das geht bestens mit dem Firmensitz in Helmeringhausen. Demnächst kommen ein Lager und ein Studio im benachbarten Bigge dazu. In einem historischen Haus, das die Brüder selbst herrichten werden.

Im Werkraum im Keller des Hubertushauses trifft man nicht selten Bernd Imöhl. Der Schreiner in Rente ist auch einer derjenigen, die viele Stunden ehrenamtlicher Arbeit in das Dorf investieren. Im Werkraum gibt es eine Werkbank, eine Kreissäge und viele weitere Werkzeuge. Bernd Imöhl nutzt diese Ausstattung, um den Kindern und Jugendlichen die Arbeit mit Holz nahe zu bringen. Sein neuestes Projekt: eine Kugelbahn für den Vosspfad. Diesen gut zwei Kilometer langen Walderlebnispfad mit über 20 Stationen betreibt die Dorfgemeinschaft seit 2006 selbst, pflegt und erweitert ihn immer wieder. An einem Steilstück zwischen der Baumgitarre und der Hütte für die Rast im Wald hat Bernd Imöhl eine 40 Meter lange Kugelbahn gebaut, mit Looping und Zick-Zack-Passagen. Die Kinder aus dem Dorf finden das jetzt schon spannend. Sobald sich die neue Attraktion herumgesprochen hat, werden ab dem Frühjahr auch viele Besucher von außerhalb kommen. Start und Ziel der Runde ist übrigens der Parkplatz an der Vogelstange.

Anfang Januar hat die Stadt Olsberg das Engagement für den Bau der Kugelbahn mit ihrem Ehrenamtspreis honoriert. Ebenso die Aktion „KreatHelma 2.0“ vom Mai 2019. Die Kolpingsfamilie hatte sich damit an der 72-Stunden-Aktion des BDKJ beteiligt. Rund 120 Dorfbewohner und Mitwirkende von außerhalb waren drei Tage lang aktiv. „Über den gesamten Aktionszeitraum waren mehrere hundert Besucher im Ort“, freut sich Katharina Alkan, die Vorsitzende der Kolpingsfamilie. An 26 Workshops nahmen Menschen zwischen zwei und 70 Jahren teil. Unter anderem gestalteten sie Blumenkästen aus Holzpaletten, formten Leuchtschalen und Skulpturen aus Beton, sprayten Graffitis auf Holz oder nähten beim Upcycling neue Dinge aus altem Jeansstoff. Ergebnisse sind auch die selbstgebauten Strandkörbe auf dem Dorfplatz, der Schriftzug „Helmeringhausen“ im Hollywood-Stil in der Ortsmitte und eine Sitzgruppe aus Bänken und Tisch, auf dem ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfeld aufgemalt ist. „Jeder hat etwas für sich persönlich und alle gemeinsam etwas für unser Dorf geschaffen“, bilanziert Katharina Alkan.

Bleibt bei so viel Positivem ein Wunsch offen? Ja. „Wir sind das einzige Olsberger Dorf, das keine Breitband-Anbindung hat“, sagt Ortsvorsteher Winfried Henke. Darüber sei er mit der Stadt „positiv im Gespräch“, um eine Lösung zu finden. „Breitband würde Helmeringhausen noch attraktiver machen für Menschen, die für ihre Arbeit schnelles Internet benötigen.“ Freiberufler zum Beispiel oder Gewerbetreibende, die Produkte online verkaufen.

Sebastian und Nadine Overhageböck sind wegen der guten Dorfgemeinschaft nach Helmeringhausen gezogen. Sie engagieren sich an vielen Stellen im Ort. Auch ihre Kinder fühlen sich hier wohl.
Irrtum ausgeschlossen, wir sind in Helmeringhausen. Seit der Aktion „KreatHelma 2.0“ ziert dieser Schriftzug im Hollywood-Stil die Ortsmitte.
Wolfgang Vosshans ist der Liebe wegen nach Helmeringhausen gezogen und pendelt zur Arbeit. Sein Hobby ist das Training mit Hunden auf dem eigenen Hundeplatz.
Im „schönsten Fleckchen am Ende der Welt“ ist es tatsächlich idyllisch. Die Ruhe hat Helmeringhausen der Tatsache zu verdanken, dass es ein Sackgassendorf ist.
Pia hat die Kugelbahn schon getestet – und ist begeistert
Wer dem Vosspfad folgt, geht eine Weile am Vossbach entlang, der dem Walderlebnispfad seinen Namen gab.