HIER KANN JEDER KOMMEN, WIE ER IST

HIER KANN JEDER KOMMEN, WIE ER IST Das Café Inka in Arnsberg ruft den ‚Fair-Teiler‘ ins Leben und profitiert davon, ohne dabei an Profit zu denken

Dorothee Joch und ein Teil ihrer Mitarbeiterinnen im Café Inka.

Das Café Inka in Arnsberg ruft den ‚Fair-Teiler‘ ins Leben und profitiert davon, ohne dabei an Profit zu denken

TEXT & FOTOS: Inga Bremenkamp

Sie legt liebevoll eine Tüte Chips in das Fair-Teiler-Regal. Weiter folgen eine Packung Zucker, ein paar Nudeln und einige schnelle Gerichte aus der Dose. Beatrix Fuchs legt Lebensmittel ab, die bei ihr zu Hause nur noch den Weg in die Mülltonne gefunden hätten: „Wir fahren morgen für zwei Wochen in den Urlaub, da ist doch klar, dass die Lebensmittel hier deutlich besser aufgehoben sind als in der Tonne zu Hause“, erklärt die Leiterin des Seniorenhauses Sankt Anna in Arnsberg.

HIER MUSS SICH KEINER OUTEN

Beatrix Fuchs hat gemeinsam mit Dorothee Joch und den Kirchengemeinden das Foodsharing-Projekt ins Leben gerufen. „Die Tafel in Arnsberg hat Ende 2018 zugemacht. Wir hatten das Gefühl, das irgendwie ein Stück weit auffangen zu müssen. Hier leben so viele mittellose Menschen, die froh sind, wenn sie sich an unserem Regal frei bedienen dürfen“, erklärt Dorothee Joch, die das Café Inka an der Ruhrstraße führt. Anders als in der Tafel muss sich hier niemand outen. „Uns ist völlig egal, ob die Menschen mittellos sind oder nicht, ob sie aus ihrer Heimat haben fliehen mussten oder aus Deutschland kommen. Der kulturelle und soziale Status interessiert uns nicht. Wir heißen alle herzlich willkommen – das gilt für das ganze Café, aber natürlich auch für den Platz vor dem Fair-Teiler-Regal“, sagt Dorothee Joch, die von ihren Mitarbeitern und Kunden wahnsinnig viel Dankbarkeit und Anerkennung erfährt. Seitdem das Regal im Mai von der Arnsberger Jugend-Caritas aufgestellt und zum Auftakt befüllt wurde, kann sich das Café über noch mehr Laufkundschaft als ohnehin schon freuen.

EIN NEUSTART INS LEBEN

Im Café Inka, das auch als Bücher-Café fungiert und sowieso mehr einem Wohnzimmer als einem klassischen Café gleicht, finden viele Menschen den Weg zurück ins Leben. „Sowohl vor als auch hinter dem Tresen trifft man Menschen, die sich in einer speziellen Lebenssituation befinden oder befunden haben. Wir beschäftigen Langzeitarbeitslose, die Dank ihrer Tätigkeit bei uns wieder in ein geordnetes und eigenständiges Leben finden sollen“, erläutert Dorothee Joch. „Das funktioniert bei den meisten erstaunlich gut. Es ist schön zu sehen, wie sich die Menschen hier entwickeln“, führt die gelernte Krankenschwester fort. Dorothee Joch versucht ihr Team intensiv anzuleiten und an Punkten zu unterstützen, die für sie ohne Hilfe kaum zu meistern wären: „Wir führen gemeinsam Telefonate mit den Fallmanagern des Jobcenters, füllen Anträge aus oder hören einfach nur mal zu“, sagt die Wiemeringhausenerin. In der Küche des Cafés schnippeln, würzen und backen die Inka-Mitarbeiter selbst. „Im Kühlschrank des Fair-Teilers lag eines Tages ein zehn Kilogramm schwerer Sack voll Möhren. Damit der nicht verkommt, gab es bei uns Möhreneintopf, einen ziemlich großen Möhreneintopf“, sagt Dorothee Joch und schmunzelt.

DER GESCHÜTZTE RAUM

Hinter der Caféküche befindet sich eine Tür, die eigentlich immer geschlossen ist. „In dem ‚geschützten Raum‘ haben Frauen Platz, die geflüchtet sind und kaum Wurzeln in ihrem Leben haben schlagen können. Dort können sie einfach mal für sich sein. In Ruhe in ihrer Sprache sprechen. Weinen. Nähen. Essen. Wozu auch immer ihnen gerade ist. Der Raum ist für diese Frauen sehr wertvoll“, weiß Dorothee Joch, deren Liebe zum Detail im gesamten Café steckt. „Ich bin stolz wie Bolle, wenn ich sehe, dass wieder einmal einer unserer Mitarbeiter einen Ausbildungsplatz bekommen hat und die Chance voller Elan angeht“, sagt die Sozialarbeiterin der Diakonie Ruhr-Hellweg. Diese Erfolgsmomente kommen immer wieder vor, auch wenn hinter ihnen meist harte Arbeit steckt.

Am Ende des Tages kommt eine neue Kundin die Cafétür herein. Sie stöbert durch den Fair-Teiler, von dem sie im Internet gelesen hat: „Das ist eine wahnsinnig tolle Sache. Ich bin strikt gegen Lebensmittelmüll. Schön, dass es so etwas gibt“, unterstreicht Antje Schröer aus Freienohl und spricht damit vielen Gästen des Café Inkas aus der Seele.

„Der kulturelle
und soziale
Status interessiert
uns nicht“

„Viele mittellose
Menschen sind froh,
wenn sie sich an
unserem Regal frei
bedienen dürfen“

Der Fair-Teiler im Café Inka ist ein voller Erfolg.
„Kurz vor dem Urlaub hat Beatrix Fuchs „ausgemistet“. Der Fair-Teiler freut sich über Nachschub.