„Hier gibt es alles, aber niemand muss alles besitzen“

„Hier gibt es alles, aber niemand muss alles besitzen“ In der Kommune „Gut Möglich“ führen 15 Menschen ein solidarisches Leben

„Hier gibt es alles, aber niemand muss alles besitzen“ In der Kommune „Gut Möglich“ führen 15 Menschen ein solidarisches Leben

In der Kommune „Gut Möglich“ führen 15 Menschen ein solidarisches Leben 

Text: Anne von Heydebrand
Fotos: S. Droste

Bei dem Wort „Kommune“ springt sofort mein Kopfkino an. Ich denke an die Idee, jeden Besitz teilen zu müssen. Ich denke an nackte, zottelige Hippies und 68er-Parolen. Und vor allem denke ich an die Kommune 1 in West-Berlin, in der „freie Liebe“ ganz großgeschrieben wurde. Ob es in der Kommune in Schüren auch so zugeht, frage ich mich, als ich das Grundstück der einzigen Kommune im Sauerland betrete.

Tatsächlich begrüßen mich hinter der grünen Holztür des alten Gutshofs nicht Rainer Langhans und Uschi Obermaier, sondern Vera und Nadja. Die beiden leben mit 13 weiteren Bewohnern auf dem 1,2 Hektar großen Anwesen. Der jüngste Bewohner ist zwei Jahre alt und der älteste feiert in diesem Jahr seinen sechzigsten Geburtstag. Früher war hier in Schüren mal ein Gasthaus mit einer Kneipe untergebracht, doch seit 2017 bauen die Kommunarden das alte Gebäude und die Stallungen sukzessive um. Mittlerweile sind hier zehn Wohneinheiten und 25 Zimmer entstanden. Außerdem ein Atelier und eine kleine Sauna, die in dem alten Hühnerstall ihren Platz gefunden hat.

Abenteuerspielplatz für die Kinder

Vera und Nadja wollen mir das Gelände zeigen, das zu dieser Jahreszeit noch im Winterschlaf steckt. Hündin Rala und Nadjas kleiner Sohn Anuk begleiten uns. Für den Zweijährigen ist das Gelände mit der Streuobstwiese, den Bienenvölkern und dem kleinen Bach ein Abenteuerspielplatz. Nadja bereut es nicht, dass sie im letzten Sommer mit ihrem Freund Fabian und den beiden Söhnen Jakub und Anuk ins Sauerland gekommen ist. Damals haben sie in Dortmund gelebt und genau so eine Gemeinschaft gesucht. „Wir wollten so nachhaltig und sozial-ökologisch wie möglich leben. In einer Großstadt ist das nicht möglich, aber hier können wir unseren eigenen Garten anlegen und so eine große Gemeinschaft ist toll für eine Familie. Hier achtet immer jemand auf die Kinder“, erzählt mir die 26-Jährige.  

Doch in der Kommune und vor allem auf dem Gelände gibt es auch immer viel Arbeit. Der Garten muss weiter angelegt werden. Die Scheune, in der die Schreinerei untergebracht ist, braucht bald vermutlich ein neues Dach und außerdem soll in Kürze auch eine Großküche und ein neuer Gemeinschaftsraum entstehen. Während andere verzweifeln würden, zeigt sich hier die besondere Stärke einer Kommune. Hier hat jeder Bewohner andere Talente und Fähigkeiten. Jeder kann sich einbringen und von den anderen lernen. „Hier gibt es ein Netzwerk, in dem man viel lernen und ausprobieren kann. Jeder bringt neues Wissen in die Gemeinschaft. Man lernt z. B. nähen oder wie man Wände verputzt“, erzählt mir Vera wenig später bei einem heißen Kaffee im Gemeinschaftsraum.

„Wir übernehmen für jeden die Verantwortung“

Hier haben sich auch die anderen Mitbewohner zusammengefunden. Sie alle wissen bereits, dass ich einen Artikel über die Kommune und ihre Bewohner schreiben möchte. Über meine Anfrage wurde im wöchentlichen Plenum gesprochen. Hier entscheidet nicht der Einzelne. Niemand hat mehr oder weniger zu verantworten. Aber was gerecht klingt, ist wohl die größte Herausforderung für die Gemeinschaft. „Jede Entscheidung ist ein Aushandlungsprozess. Man muss immer mit 14 anderen Personen arbeiten. Das erfordert kommunikative Fähigkeiten und ist eine permanente Arbeit“, erzählt mir der 36-jährige Tobias, der aus der Schweiz ins Sauerland gekommen ist und zu den Gründungsmitgliedern gehört. „Man muss seinen Ort in der Gruppe finden. Aber man muss auch lernen, eine Balance zu finden, zwischen Gemeinschaft und Individualität“, ergänzt Vera. Deswegen ist es für die Kommune wichtig, dass jeder seine eigene kleine Wohnung hat, in die er sich zurückziehen kann. Trotzdem finden die Abendessen fast immer zusammen im Gemeinschaftsraum statt.

Solidarisches Zusammenleben

Aber warum entscheidet man sich überhaupt für das Leben in einer Kommune? Tobias schätzt, neben dem ökologischen Faktor, vor allem die solidarische Komponente: „Hier herrscht eine Solidarität, die es sonst eigentlich nicht mehr gibt. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer und hier ist ‚Teilen‘ der Grundstein. Wir können aus einem großen Pool schöpfen, da jeder etwas mitbringt. Hier gibt es alles, aber nicht jeder muss alles besitzen.“ Anders als in anderen Kommunen ist aber auf „Gut Möglich“ niemand dazu verpflichtet, sein finanzielles Vermögen abzugeben. Jeder gibt das, wozu er bereit ist und das nächste Ziel der Gemeinschaft ist eine Genossenschaftsgründung, um den gemeinsamen Wohnraum zu sichern und in Selbstverantwortung leben zu können.

Aktuell ist die Gemeinschaft immer noch auf der Suche nach neuen Mitbewohnern.  Bis zu 20 Erwachsene könnten insgesamt auf „Gut Möglich“ leben und die Gruppe bietet jeden ersten Samstag im Monat die Möglichkeit, die Kommune kennenzulernen. Wer sich dann für einen Umzug entscheidet, der darf zunächst Probewohnen. Dann entscheiden das Plenum und der Bewerber.

Zum Schluss bin ich aber neugierig. Gibt es überhaupt ein Vorurteil, das zutrifft? „Keine Sorge, wir haben uns alle gerade wieder angezogen“, antwortet Tobias, aber sein  verschmitztes Lächeln verrät, dass das nicht ganz ernst gemeint war.  

“Jeder bringt neues Wissen in die Gemeinschaft.“ (Vera)

Haus – „Hier gibt es alles, aber niemand muss alles besitzen“ In der Kommune „Gut Möglich“ führen 15 Menschen ein solidarisches Leben
Mitglieder – „Hier gibt es alles, aber niemand muss alles besitzen“ In der Kommune „Gut Möglich“ führen 15 Menschen ein solidarisches Leben
Garten – „Hier gibt es alles, aber niemand muss alles besitzen“ In der Kommune „Gut Möglich“ führen 15 Menschen ein solidarisches Leben