„HACH, ALS DU NOCH GEBACKEN HAST…“

„HACH, ALS DU NOCH GEBACKEN HAST…“ Die Backkünste von Julius Probst werden in Hüsten bis heute schmerzhaft vermisst

„HACH, ALS DU NOCH GEBACKEN HAST…“ Die Backkünste von Julius Probst werden in Hüsten bis heute schmerzhaft vermisst

Die Backkünste von Julius Probst werden in Hüsten bis heute schmerzhaft vermisst

TEXT: Inga Bremenkamp
FOTOS: Tom Linke

„Wenn wir sonntags von der Kegeltour nach Hause kamen und noch kurz einen Absacker in der Kneipe nehmen wollten, mussten meine Freunde immer ein wenig schmunzeln. Denn ich musste nach jeder Tour erst kurz in der Backstube vorbei, um den Teig zu säuern. Erst danach ging’s mit den Jungs in der Kneipe weiter. Das war damals so und das war wunderschön“, erinnert sich Julius Probst an die alten Zeiten in seiner Backstube zurück.

DER DIAMANTENE MEISTERBRIEF

Am 18. März 1959 wurde Julius Probst der Meisterbrief ausgehändigt. 61 Jahre später ist er stolzer Besitzer eines Diamantenen Meisterbriefes, den er am 18. März 2019 in der Hüstener Schützenhalle in Empfang genommen hat. „Da kommen Menschen hin, die einfach unglaublich stolz sind. Leute, die in ihrem Rollstuhl zur Briefübergabe geschoben werden und die lächeln, weil die Ehrung eine großartige Auszeichnung für jeden Einzelnen ist. Die Handwerkskammer Südwestfalen macht das so, so toll“, lobt der 84-Jährige begeistert.

IN DIE BACKSTUBE HINEINGEBOREN

Die Backkunst begleitet Julius Probst schon seit dem 26.11.1935 – seit seiner Geburt. „Mir wurde das Backen schon in die Wiege gelegt. Eigentlich wollte ich etwas ganz anderes machen. Aber wenn deine Eltern mit Tränen in den Augen vor dir stehen, dann machst du das halt doch“, erzählt Julius Probst, der die Bäckerei ‚Probst‘ in Hüsten in vierter Generation geführt hatte. 1994 war für ihn und seine Frau Inge Schluss mit dem Backen im eigenen Laden. „Ich war einfach nur glücklich. Wir haben das gerne gemacht, aber es war auch sehr, sehr viel Arbeit. In unseren letzten drei Jahren haben wir wöchentlich 80 bis 90 Stunden im Laden verbracht, weil alles nicht mehr ganz so schnell von der Hand ging“, sagt der Bäckermeister, dessen Vorfahren im 17. Jahrhundert von der Mosel ins Sauerland gezogen waren.

VOM KARNEVALSKOSTÜM IN DEN BÄCKERKITTEL

„Alles, was mit Essen und Trinken zu tun hat, ist schwere Arbeit. Deshalb haben wir unserer Tochter auch von der Übernahme unserer Bäckerei abgeraten. Sie ist mittlerweile ganz schön dankbar für diesen elterlichen Rat“, stellt Julius Probst fest und lächelt liebevoll. Für ihn ging es damals um 3:00 Uhr in der Backstube los. „Damals war ja noch alles handgemacht, richtige Originale, die wir da produziert haben. Da ist man in der Früh ab und zu auch vom Karnevalskostüm direkt in den Bäckerkittel geschlüpft – so war das damals. Und das war gut so“, erinnert er sich weiter.

PROBSTS SCHWEDENBRÖTCHEN

Inge Probst ging ihrem Mann an der Verkaufstheke des Ladens zur Hand und erzählt voller Enthusiasmus von den Probst‘ Leckereien, die an der Kasse ein Dauerbrenner waren. „Wir hatten ganz tolle Vanillekipferl und Kirschhörnchen. Das absolute Highlight waren aber unsere Schwedenbrötchen, die eine Art blättriges Brötchen waren. Die gab’s nur bei uns Probsts“, berichtet die 81-Jährige. Das Ehepaar Probst gönnte sich in all den Jahren immer wieder und ganz bewusst eine mehrwöchige Auszeit: „Das war ganz, ganz wichtig für uns. Wir haben den Laden jedes Jahr für vier Wochen zugemacht und sind in dieser Zeit gerne an die Ostsee gefahren – bis uns die zu kalt war und es uns weiter nach Mallorca trieb“, verrät Julius Probst, dem bis heute nur selbstgebackenes Brot auf den Tisch kommt.

DAS GLÜCK, BROT BACKEN ZU KÖNNEN

Wie wichtig es ist, sein eigenes Brot backen zu können, ist Julius Probst zum ersten Mal in der Nachkriegszeit bewusst geworden. „Nach dem Krieg waren die Schnitten in unserem Laden ganz genau abgezählt. Jeder, der eine Essensmarke hatte, bekam exakt eine Scheibe Brot dafür. Ich war damals froh, dass ich wusste, wie man Brot backt“, berichtet der Sauerländer, der die Bäckerei seiner Eltern nach seiner Übernahme immer mehr zu einer Konditorei hin verändert hatte.

Die Weihnachtsplätzchen bei Familie Probst waren natürlich besonders lecker – und trotzdem gab es jedes Jahr am Heiligen Abend Ärger. „Weihnachten war immer Theater, weil ich nicht wusste, ob ich für die Bescherung aufstehe oder einfach mal im Bett liegen bleibe“, erzählt Julius Probst und schmunzelt.

BESCHEIDEN, DANKBAR & GLÜCKLICH

Nach seiner Bäckerkarriere hat Julius Probst, der für sein beispielhaftes bürgerschaftliches Engagement im vergangenen Jahr die Bürgermedaille der Stadt Arnsberg bekommen hat, den Posten des Hallenwarts in der Schützenbruderschaft in Hüsten übernommen. „Es gibt nichts Schöneres, als im Alter gebraucht zu werden. Glauben Sie’s mir“, versichert der bescheidene und glückliche Bäcker aus Hüsten, der bis heute auf der Straße angesprochen wird mit den Worten: „Hach, was war das lecker, als du noch gebacken hast.“

JULIUS PROBST

„Damals war ja noch alles handgemacht, richtige Originale, die wir da produziert haben.“

„Es gibt nichts Schöneres, als im Alter gebraucht zu werden.“

Meisterbrief – „HACH, ALS DU NOCH GEBACKEN HAST…“ Die Backkünste von Julius Probst werden in Hüsten bis heute schmerzhaft vermisst
„HACH, ALS DU NOCH GEBACKEN HAST…“ Die Backkünste von Julius Probst werden in Hüsten bis heute schmerzhaft vermisst
„HACH, ALS DU NOCH GEBACKEN HAST…“ Die Backkünste von Julius Probst werden in Hüsten bis heute schmerzhaft vermisst