Von Hermann-J. Hoffe (24. April 2020)

Schmallenberg/Meschede: Nach aktuellen Zahlen gibt es im Hochsauerlandkreis derzeit noch 172 Infizierte mit dem Corona Virus, 14 Menschen sind im Sauerland mit dem oder am Corona-Virus gestorben. WOLL hat mit dem Leiter der Gesundheitsamtes des Hochsauerlandkreises Dr. Peter Kleeschulte gesprochen.

WOLL: Herr Dr. Kleeschulte, wenn man die Zahlen über die Entwicklung der Corona Pandemie 2020 im HSK ansieht, könnte man sagen: „Der Gipfel ist erreicht. Der HSK hat die Krise gut überwunden.“ Was sagen Sie dazu?

Dr. Peter Kleeschulte: In den vergangenen zehn Tagen haben wir im Hochsauerlandkreis eine erfreuliche Entwicklung was die Anzahl der aktuell Infizierten betrifft. Heute am 23. April werden 10 Patienten stationär in fünf Krankenhäusern des Hochsauerlandkreises behandelt. Ein Patient liegt auf der Intensivstation.

Corona Pandemie 2020 im HSK (Stand 24.04. 2020 – 12:00 Uhr): 560 bestätigte Fälle, 374 Genesene, 172 aktuell Infizierte, 14 Verstorbene

WOLL: Sauerländer halten ja in der Regel gerne ein wenig Abstand, bis auf Schützenfeste und andere Festlichkeiten. Hat unsere zurückhaltende Mentalität vielleicht dazu beigetragen, dass der Verlauf der Krise nicht so dramatisch wie in anderen Regionen des Landes war?

Dr. Peter Kleeschulte: Nein, das kann man so nicht sagen. Wir hatten zu Beginn der Corona-Krise eine erste Welle mit täglich steigenden Zahlen. Das war so wie in fast allen anderen Kreisen des Landes.

WOLL: Die Corona-Krise im HSK zeigt, dass einige Städte und Gemeinden mehr und andere deutlich weniger Infizierte hatten und haben. Schmallenberg zum Beispiel war ein Hotspot, was angeblich auf Skifahrer, die das Virus aus dem Skiort Ischgl mit eingeschleppt hatten, zurückzuführen sei. Spricht das für eine individuellere, auf den jeweiligen Ort oder Raum bezogene Maßnahmenplanung und weniger für flächendeckende Maßnahmen und Einschränkungen im ganzen Land?

Dr. Peter Kleeschulte: Zu Beginn konnten 90 % der Infizierten auf die Ansteckung in Skigebieten der Alpen zurückgeführt werden. Insgesamt hatten wir eine regionale Häufung und dazu gehörte Schmallenberg.

WOLL: Maskenpflicht in Bus und Bahn und beim Einkaufen ab Montag in ganz NRW. Ist das nicht viel zu spät, wenn Masken und Schals angeblich nur eine kaum messbare Wirkung auf die Ausbreitung des Virus haben sollen?

Dr. Peter Kleeschulte: Mir ist eine diesbezügliche Untersuchung nicht bekannt. Aber es wird derzeit an vielen Stellen geforscht und man muss für die Zukunft solche Ergebnisse natürlich berücksichtigen. Bei dem Thema Masken sollte man auch nicht außer acht lassen, dass es für den Träger von Stoffmasken und Schals durchaus auch Risiken gibt. Reinigung und Hygiene sind entscheidend, wenn die Masken über einen längeren Zeitraum getragen werden. Das Thema Masken ist für die Ausbreitung des Virus nicht so entscheidend, Abstand und Hygieneregeln sind wesentlicher..

WOLL: Der beste Schutz gegen das Virus soll ja angeblich die Stärkung des Immunsystems sein. Wie sollte man sein Immunsystem hier im Sauerland zusätzlich stärken?

Dr. Peter Kleeschulte: Dazu gehört eine moderate sportliche Betätigung, viel Bewegung draußen an der frischen Luft, eine gesunde Ernährung mit frischen Lebensmitteln und ausreichend Schlaf.

WOLL: Wann dürfen die Sauerländerinnen und Sauerländer wieder zusammensitzen und in fröhlicher Runde ein frisches Sauerländer Bier genießen?

Dr. Peter Kleeschulte: Wenn ich das wüsste? Man weiß leider derzeit nicht, wohin die Reise geht. Wir haben noch lange keine Herdenimmunität von 60/70 %, bei der das Ansteckungsrisiko mehr oder weniger ausgeschlossen ist. Wenn das mit der Ansteckungsrate so weitergeht, wie augenblicklich, dann wird es bis zur Herdenimmunität noch lange dauern. Eine Alternative ist die Impfung, die bisher noch nicht vorhanden ist.

WOLL: Der Tourismus und die Gastronomie leiden ganz besonders unter den Einschränkungen und Verboten. Wann dürfen wieder Gäste – gegebenenfalls unter Auflagen – ins Sauerland kommen?

Dr. Peter Kleeschulte: Das sind politische Entscheidungen. In anderen Ländern,  zum Beispiel in Schweden, gibt es so gut wie keine Einschränkungen. In Frankreich dagegen dürfen sich die Menschen nur in unmittelbarer Umgebung ihrer Wohnung frei bewegen. Bei den Einschränkungen und Verboten müssen meiner Meinung nach unbedingt auch die Folgeschäden berücksichtigt werden. Es ist kaum zu verstehen, dass 15 Personen in Klassenzimmern sitzen können, Baumärkte mit großem Publikumsverkehr geöffnet sind und andere Versammlungen erlaubt sind, aber Menschen nicht mit gebotenem Abstand im Biergarten oder Restaurant sitzen dürfen.

WOLL: Welche Vorbereitungen wurden im HSK getroffen, um neue Epidemien oder Pandemien noch besser zu bewältigen?

Dr. Peter Kleeschulte: Der Krisenstab des Hochsauerlandkreises ist derzeit 24 Stunden und 7 Tage in der Woche aktiv. Hier beraten und entscheiden die Fachleute aus allen relevanten Bereichen und Abteilungen im Rahmen der rechtlichen Vorschriften, was jeweils zu tun ist. Nach Ende dieser Pandemie werden sicherlich neue Überlegungen in die Zukunftsplanung einfließen. Wir sind jedenfalls sehr froh über die Entwicklung in den vergangenen Tagen und fühlen uns für die Herausforderungen, die möglicherweise in den kommenden Wochen und Monaten noch bevorstehen, gut vorbereitet. Dabei hilft uns auch die Erfahrung, die wir ganz zu Beginn der Corona-Krise machen mussten. Ein Großteil der Führungspersonen der Kreisverwaltung, ich auch, waren als Kontaktpersonen zu Corona-Infizierten für viele Tage In häuslicher Quarantäne. Das hat uns allen den Blick für solche Situationen geschärft.

WOLL: Herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin eine gute Hand beim Kampf mit dem Corona-Virus und bleiben Sie gesund.