Das Einzigartige und Schöne vor der Haustür schätzen

Interview mit Theo Melcher, Kreisdirektor von Olpe

Text von Hermann-J. Hoffe – Foto: Heidi Bücker

Die Ausstellung „Das Paradies vor der Haustür. Vom Revier ins Sauerland“ beleuchtet in eindrucksvoller Weise die Entwicklung des Tourismus im Sauerland. Sauerland-Tourismus e.V. mit Sitz in Bad Fredeburg vertritt die Interessen der Tourismusdestinationen und -organisationen des gesamten Sauerlands: des Hochsauerlandkreises, des Kreises Olpe, des Märkischen Kreises und teils der Kreise Soest und Willingen. Seit Januar dieses Jahres ist turnusmäßig der Kreisdirektor von Olpe, Theo Melcher (59) aus Fretter, der 1. Vorsitzende von Sauerland-Tourismus e.V. Wir treffen den Sauerländer Verwaltungsexperten im Kreishaus in Olpe.

Auf unsere erste Frage, was denn seinen Wohnort Fretter zu einem besonderen Ort im Sauerland mache, antwortet Theo Melcher ohne zu zögern: „Natürlich die hervorragende Lage in einem wunderschönen Tal, das leider touristisch unterschätzt wird, was die Schönheit anbelangt. Fretter hat noch etwas Ursprüngliches. Da ist Heimat spürbar. Da sind die Menschen noch zugewandt. Es gibt intakte Vereine. Die Kirche steht mitten im Dorf.“ Fast sein ganzes berufliches Leben ist Theo Melcher bereits für den Kreis Olpe tätig, davon seit über 20 Jahren als Kreisdirektor. Was hat sich in dieser Zeit im Kreis Olpe und im Sauerland getan, was hat sich verändert?

Theo Melcher überlegt ein wenig: „Das ist eine sehr interessante Frage. Die habe ich mir selber noch gar nicht gestellt. Also, ich glaube, wenn wir mal Bezug auf touristische Themen nehmen, dann hat sich das Verhalten der Menschen, ihre Bereitschaft, das Schöne in der unmittelbaren Nach-barschaft, in der Heimat, zu sehen, deutlich verändert. Viele Menschen haben schon viel von der Welt gesehen. Sie schätzen das Nahe, das vor der Haustür liegt, deutlicher, als das vor Jahrzehnten der Fall war. Es wurde auch Einiges an der touristischen Infrastruktur getan, wenn wir unsere Highlights mal anschauen: Angefangen mit dem Rothaarsteig, mit dem Sauerland-Höhenflug, mit der Sauerland-Waldroute. Eine gute Infra-struktur, die wir jetzt auch für das Radfahren haben: den Sauerland-Radring, den Ruhrtalradweg und viele andere infrastrukturelle Maßnahmen. Sie alle haben dazu beigetragen, dass sich die Lebensqualität im Sauerland deutlich erhöht hat. Zudem darf man nicht vergessen, was die Regionale 2013 geleistet hat. Nicht nur im Kreis Olpe, sondern darüber hinaus. Es sind einige Infrastrukturprojekte realisiert worden, mit sehr viel Geld, mit sehr vielen Fördermitteln, und ich glaube, dass sich das Bewusstsein von vielen Politikerinnen und Politikern auf kommunaler
Ebene gewandelt hat.“

„Es geht nicht mehr in erster Linie darum, etwas für andere, für die Gäste, zu tun, sondern wenn wir etwas für die Infrastruktur tun, dann in erster Linie für die Menschen, die hier wohnen, für diejenigen, die fast 365 Tage hier sind. Sie profitieren in erster Linie von dem, was für die Infrastruktur im Tourismus getan worden ist. Und da hat sich im Laufe der 30 Jahre vieles getan.“ Die Bedeutung des Tourismus für das Sauerland kann aus Sicht des 1. Vorsitzenden des Sauerland-Tourismus e.V. nicht genügend hervorgehoben werden: „Die Übernachtungszahlen, die wir im Sauerland seit Jahrzehnten generieren, sind weiter steigend. Für das ganze touristische Sauerland sind wir 2018 bei über 8 Millionen Übernachtungen angelangt.“

Für Theo Melcher ist es jedoch auch wichtig, diese Zahlen differenziert zu betrachten: „Es gibt Orte, die von der touristischen Nachfrage stärker profitieren, und es gibt einige, da ist das, ich sage mal, ein Zubrot. Winterberg zum Beispiel ist der Ort bei uns im Sauerland, der von der touristischen Nachfrage nahezu lebt, der natürlich auch zahlreiche touristische Attraktionen hat, und zwar nicht nur im Winter. Es sind dort Angebote geschaffen worden, die uns allen zugutekommen. Wir sind diejenigen, die am stärksten davon profitieren. Da geht es insbesondere auch um gastronomische Angebote, die in erster Linie von uns genutzt werden. Was wären unsere Dörfer, wenn es keine gastronomischen Einrichtungen mehr gäbe? Intakte Dörfer mit einem gastronomischen Angebot erhöhen die Lebensqualität, sind also nicht nur attraktiv für Leute, die kurzzeitig kommen. Solche Orte können helfen, dass die Menschen hierbleiben oder Menschen kommen, die sich hier niederlassen, Häuser bauen, Häuser kaufen und Arbeitsplätze besetzen, worauf wir dringend angewiesen sind.“

Image des Sauerlandes immer noch eher touristisch
100 Jahre Tourismusgeschichte vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Entwicklung der Regionen Ruhrgebiet und Sauerland lassen sich ab dem 1. März in der Ausstellung „Das Paradies vor der Haustür“ nachverfolgen. Heute ist das Sauerland darüber hinaus eine bedeutende Industrieregion, mit bekannten Familienunternehmen und zahlreichen Weltmarktführern. Doch warum ist das Image dennoch nach wie vor touristisch geprägt? Theo Melcher und die anderen Verant-wortlichen in den Kreisen, Städten, Gemeinden und Organisationen haben sich, so die Aussage, diese Frage immer wieder gestellt, nicht zuletzt bei der Gründung der Südwestfalenagentur im Regionale-Prozess 2013: „Wir haben uns damals die Frage gestellt, was die richtigen Begrifflichkeiten für die Region der fünf Kreise sind – Südwestfalen, Siegerland, Sauerland, Wittgenstein? Das Image des Sauerlandes ist immer noch durch Attribute wie ‚grün‘ und ‚naturverbunden‘ geprägt. Die meisten Menschen außerhalb des Sauerlandes und auch relativ viele im Sauerland wissen wenig oder nichts über die industrielle Bedeutung der Region. Daran arbeitet der Sauerland-Tourismus e.V. und da arbeitet auch die Südwestfalen-Agentur GmbH. Doch eine Veränderung in den Köpfen dauert.“

Theo Melcher ist stolz auf seine Sauerländer Identität. „Ich bin Sauerländer, da mache ich keinen Hehl draus. Aber ich weiß, dass ich auch Teil der größeren Region Westfalen bin. Und innerhalb dieser großen Region gibt es die fünf Kreise im Süden von Westfalen, die ihre gemeinsamen Interessen verbinden und unter dem Dach von Südwestfalen vertreten.“ Ob der beschrittene Weg richtig oder falsch ist, wird sich in Zukunft herausstellen. „Das müssen dann unsere Nachfolger bewerten und entscheiden, ob der beschrittene Weg richtig war“, meint Theo Melcher.

Und wo hat Theo Melcher aus Fretter sein ganz persönliches Paradies vor der Haustür? „Es gibt Ecken und Plätze in der unmittelbaren Nähe unseres Dorfes, an denen ich mich besonders gerne aufhalte. Zum Beispiel gibt es einen Weg von Fretter nach Melbecke. Dort kommt man an einer Weg-kreuzung mit dem Heiligenhäuschen der Hl. Lucia vorbei. Von hier aus eröffnet sich ein fantastischer Blick ins Elspe-Lennetal. Und wenn ich dann zu Bölkers Ulla gehe und draußen auf der Veranda ein frisches Bier trinke, habe ich Urlaub vor der Haustür.“

Theo Melcher: wohnhaft in Fretter, ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und ist seit 1983 Mitglied der CDU. Der 59-Jährige ist seit fast 30 Jahren beim Kreis Olpe beschäftigt, seit 1. April 1997 in der Funktion des Kreisdirektors. Er ist derzeit der Vorsitzende des Sauerland-Tourismus e.V. und will 2020 Landrat im Kreis Olpe werden.