Von Uta Baumeister Småland/Schweden – früher Balve

Als ich im Dezember 2019 vom Sauerland ins Småland nach Schweden zog, war die Welt noch in Ordnung. Niemand hätte gedacht, dass ein Virus weltweit mit voller Macht zuschlagen würde. Hätte ich nicht die täglichen Nachrichten verfolgt, so hätte ich zunächst nicht viel von der Corona-Krise mitbekommen. Denn in Schweden nahm das alltägliche Leben seinen regulären Lauf.

Während Dänemark und andere Nachbarländer Mitte März die Grenzen schlossen, schien es für Außenstehende, als ignoriere Schweden das neuartige Virus COVID-19. Dem war nicht so. Im Gegenteil, die schwedische Regierung spann eine eigene Strategie: Schulen bis Jahrgang 9, Kindergärten, Geschäfte und Restaurants sind unter Hygienevorschriften geöffnet. Manche Firmen switchten auf Homeoffice um. Andere Unternehmen schlossen freiwillig vorübergehend. Veranstaltungen ab 50 Personen sowie Besuche in Krankenhäusern und Seniorenheimen sind verboten. Familien sollen dadurch entlastet und die Wirtschaft nicht übermäßig belastet werden. Zudem soll die Risikogruppe geschützt werden.

Auch weiterhin sieht Schweden von einem Lockdown ab, schnürt Hilfspakete für die Wirtschaft und setzt auf die Vernunft der Bürger. Menschen einzusperren, würde nicht funktionieren, sagte Schwedens führender Epidemiologe Anders Tegnell.

Bilder von vollen Straßencafés in schwedischen Städten gehen um die Welt. Es hagelt Kritik aus dem Ausland. Die schwedische Regierung bleibt bei ihrem Plan.
Das Leben änderte sich trotzdem auch hier, nur eben anders. Ich wohne abseits in einem kleinen Dorf mit gerade mal 40 Einwohnern, Distanz ist hier auf dem Land vorprogrammiert. Nach Deutschlands Lockdown war ich jedoch hin- und hergerissen. Welche Vorgehensweise war die Richtige? Sollte ich meine Auswanderung abbrechen? Oder sollte ich der schwedischen Regierung vertrauen? Ich entschied mich für Letztes – und blieb.

Aus Deutschland erreichten mich Nachrichten von Hamsterkäufen, Panik und immer neuen Regeln bis hin zum Kontakt- und Veranstaltungsverbot. Bei Einkäufen hier im Småland ist von Hamstern nichts zu bemerken. Erst seit einigen Tagen fehlt plötzlich Hefe in den Regalen. Toilettenpapier und Mehl sind weiterhin zu bekommen. Die Regierung wirbt ständig in allen Medien dafür, Abstand zu halten, auf Hand-Hygiene zu achten und bei Krankheitssymptomen sowie ab dem Alter von 70 Jahren Zuhause zu bleiben. Die Supermärkte bieten für die Risikogruppe Sonderöffnungszeiten sowie Lieferservice für Alle an.

Die Schweden gelten als reiselustig. Die Regierung gab jedoch eine weltweite Reisewarnung heraus. Kein Verbot, nur eine Empfehlung. Besonders vor Ostern wurde die Reisewarnung ständig wiederholt. König Carl XVI Gustaf hielt eine rührige Fernsehansprache und bat sein Volk, nicht zu reisen. Eine Strategie mit Erfolg. Am Tag nach Ostern verkündete die Regierung nicht ohne Stolz, dass es innerhalb des Landes eine Reiseminderung von 96 Prozent gegeben habe. Kaum ein Schwede hatte über Ostern Lust auf eine Urlaubsreise. Auch ich habe meine gebuchten Fährfahrten zwischen Deutschland und Schweden schweren Herzens abgesagt und mich stattdessen mit der Familie per Videokonferenz getroffen. Ebenso machten es auch meine schwedischen Nachbarn mit ihren Familien.

Die Menschen wirken gelassen, sind aber nicht ohne Sorge. Corona ist auch hier in aller Munde. Aber die Zahlen sprechen für sich: Es gibt 13.329 bestätigte Fälle (Stand 17.04.2020) und 1442 Todesfälle. Täglich um 14 Uhr geben die Verantwortlichen des Gesundheitsministeriums und der Behörden eine TV-Pressekonferenz. Vorsichtig zeigt man sich optimistisch, die Zahlen sind rückläufig.

Ich vertraue der schwedischen Strategie. Schweden bleibt stur und hält an seiner Strategie fest. Damit haben Schweden und Sauerländer etwas gemeinsam – als Sauerländer Sturkopf ist das für mich nichts Ungewöhnliches und ich komme gut damit klar.