Hilfe in der Corona-Krise: Den Alltag strukturieren und Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen einplanen

WOLL hat mit dem Chefarzt der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland, Dr. Jens Schneider, über die seelischen Auswirkungen gesprochen.

Dr. Jens Schneider
Dr. Jens Schneider von der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland

Von Hermann-J. Hoffe

Bad Fredeburg 02. April 2020: Die Johannesbad Fachklinik Hochsauerland in Bad Fredeburg bietet Therapien für internistisch-psychosomatische Erkrankungen an. Nach eigenen Aussagen der Fachklinik Hochsauerland werden Menschen mit Erkrankungen behandelt, die in erster Linie seelisch bedingt sind. Darüber hinaus werden Patienten therapiert, bei denen körperliche Beschwerden seelische Belastungen erst hervorgerufen haben. WOLL hat mit dem Chefarzt der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland, Dr. Jens Schneider, über die seelischen Auswirkungen gesprochen, die sich durch die Corona-Krise und die dadurch entstehenden Situationen ergeben.

WOLL: Herr Dr. Schneider, Sie sind als Chefarzt verantwortlich für über 200 Patienten und fast ebenso viele Mitarbeiter der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland in Bad Fredeburg. Was hat sich durch Corona in der Klinik und bei Ihnen persönlich verändert?

Dr. Schneider: In regulären Zeiten behandeln wir im Schnitt 185 Patientinnen und Patienten in verschiedenen Therapieprogrammen. Zurzeit befinden sich aufgrund der von uns rigoros umgesetzten Präventionsmaßnahmen gegen das Corona-Virus noch etwa 90 Patienten in der Klinik. Mit diesen sind wir im Dialog, um gemeinsam Lösungen für die stetigen Anpassungen im Klinikalltag zu finden. Neuaufnahmen haben wir bereits vor mehr als zwei Wochen gestoppt.

Für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter versuchen wir, Kurzarbeit möglichst zu vermeiden, können es aber derzeit nicht ganz ausschließen. Wir sehen uns als Gesundheitsdienstleister gerade jetzt in der Verantwortung, Patienten mit psychischen und psychosomatischen Belastungen bestmöglich zu unterstützen. Dafür ziehen alle Kollegen an einem Strang – dadurch entstehen ein besonderes Wir-Gefühl und Solidarität.

WOLL: Was wird getan, damit sich Mitarbeiter und Patienten nicht mit dem Virus infizieren und was, wenn sich ein Mitarbeiter oder ein Patient doch mit dem Corona-Virus infiziert?

Dr. Schneider: Wir haben sehr frühzeitig in enger Abstimmung mit unserem Krankenhaushygieniker die Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes umgesetzt. Aber: In unserer Einrichtung achten wir schon immer besonders gut auf Hygiene und halten die passende Infrastruktur vor. Für unser Personal hat sich hier kaum etwas verändert. Darüber hinaus haben wir die Patienten informiert und mit ihnen die richtige Händedesinfektion eingeübt. Denn uns ist es wichtig, dass auch die Patienten die Hygiene jetzt noch besser einhalten.

WOLL: Sie bieten aktuell eine Hotline für Menschen im Sauerland an, die durch die Corona-Krise psychische Probleme bekommen oder deren psychischen Probleme sich akut verstärken. Was genau ist darunter zu verstehen?

Dr. Schneider: Dies ist eine Einladung, sich mitteilen zu können, Ängste auszusprechen. Aber auch ein Angebot, das Zuversicht und Mut vermittelt. Ausgebildete Psychotherapeuten unserer Fachklinik stehen als Gesprächspartner zur Verfügung. Wir als ausgebildete Therapeuten können Verhaltensempfehlungen geben oder gezielte Übungen zum Aggressionsabbau vermitteln. Und oft hilft: einfach nur zuhören. Wir sind täglich da – die Anrufer werden dann mit dem diensthabenden Psychologen verbunden.

WOLL: Wie wird das Angebot angenommen?

Dr. Schneider: Schon an den ersten Tagen gab es einige Anrufe. Mit Blick auf die bevorstehenden Osterfeiertage erwarte ich eine verstärkte Nachfrage. Die Anrufer haben Interesse an weiterer telefonischer Begleitung, um so psychisch stabiler durch diese Krise zu kommen. Diese kontinuierliche Begleitung erachte ich für sinnvoll.

WOLL: Was empfehlen Sie grundsätzlich psychisch labilen Menschen in dieser allgemein schwierigen Zeit?

Dr. Schneider: Wir raten Menschen mit oder ohne psychische Probleme, in der aktuellen Situation noch mehr als sonst ihren Alltag zu strukturieren. Feste Rituale, Tagespläne sind ebenso wichtig, wie den Kontakt mit Arbeitskollegen und Freunden sowie der Familie zu halten. Telefonate oder Video-Calls helfen dabei. Gerade psychisch Kranke können sich auch telefonisch an Therapeuten wenden. Neben unserer Hotline für akute Fälle stehen auch ambulante Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung, um in dieser Situation zu unterstützen.

Psychosomatisch empfehlen wir auch Bewegungselemente, als Beispiel die altbekannten Kniebeugen oder der Liegestütz. Diese kann jeder in sein individuelles Tagesprogramm einbauen. Weiterhin können gezielte Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen zum Wohlbefinden beitragen. Auch die Rückbesinnung auf alte Hobbys, die in der Hektik des Alltages verloren gegangen sind, wie Malen oder ein Musikinstrument spielen, kann zur Psychohygiene einen wichtigen Beitrag leisten.

WOLL: Herr Dr. Schneider, wir bedanken uns ganz herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen und dem Team sowie den Patienten in der Fachklinik Hochsauerland, dass Sie alle möglichst heil und gesund durch diese Krise kommen.


Die Hotline der Johannesbad Fachklinik Hochsauerland ist wie folgt erreichbar: von Montag bis Freitag jeweils von 10 bis 12 und 13 bis 15 Uhr sowie samstags zwischen 15 und 16 Uhr und sonntags zwischen 11 und 13 Uhr. Unter der Telefonnummer 02974/730 können sich Betroffene melden.