Hat der Wald noch Zukunft?

Elmar Gilsbach über Veränderungen in der Forstwirtschaft, moderne Baumarten und patentierten Umweltschutz

Text von Carla Wengeler – Fotos von Klaus-Peter Kappest

Die Trockenheit und die Borkenkäfer-Plage haben dem Wald in den beiden vergangenen Jahren mächtig zugesetzt. Waldbesitzer, Förster und andere Forstexperten sind auch bei uns auf der Suche nach neuen Lösungen, um mit den Herausforderungen in Zukunft besser umgehen zu können. Als einer der zahlreichen forstwirtschaftlichen Betriebe im Schmallenberger Sauerland bietet der Forstbetrieb Gilsbach in Oberkirchen neben allen möglichen forstwirtschaftlichen Dienstleistungen auch Forstsamen und Forstpflanzen an. WOLL hat sich mit Diplom-Forstingenieur Elmar Gilsbach getroffen, um nachzufragen, wie es dem Wald aktuell geht und was getan werden kann, um den Wald zu retten.

Eine Bestandsaufnahme
„Der Zustand des Waldes ist beinahe katastrophal“, sagt Elmar Gilsbach. Nach dem Orkan Kyrill, der am 18. Januar 2007 durch die Sauerländer Wälder zog und diese größtenteils erlegte, ist der Wald noch nicht wieder da, wo er mal war. Nun das neue Problem: der Borkenkäfer. Unsere Fichten werden vom Buchdrucker oder vom Kupferstecher (beides Unterarten des Borkenkäfers) befallen. Sie sind sogenannte Rindbrüter, ihre Brut entwickelt sich in der Rinde. Nur 16 Grad Celsius im Schatten braucht es, damit sie sich vermehren, Hitze und Trockenheit sind für sie also ideale Bedingungen. Durch den enormen Wassermangel können die Fichten den Käfer nicht mit Harz bekämpfen und sterben ab. Außerdem beachtenswert: bis 100.000 Nachkommen kann ein Borkenkäferpaar pro Jahr in die Welt setzen.

Wer darunter leidet
Waldbesitzer sind gezwungen, die befallenen Bäume zu fällen und aus dem Wald zu transportieren. Doch wohin mit so viel Holz? Die Sägewerke sind im Dauereinsatz. Es ist nicht verwunderlich, dass auch die Holzwirtschaft enorm unter dieser Situation leidet. Der Preis für das Holz sinkt, da das Angebot größer ist als die Nachfrage. Auch Großabnehmer China befindet sich aktuell im Ausnahmezustand. „Da macht gerade niemand die Container mit Holz leer, die aus Deutschland kommen“, berichtet Elmar Gilsbach. Für die lokalen Betriebe, die finanziell auf die Forstwirtschaft angewiesen sind, kommt diese Situation schon einer Krise gleich.

Tschüss, Fichte?
Die Fichte ist ein Flachwurzler, das heißt, ihre Wurzeln breiten sich knapp unter der Oberfläche um den Baum herum aus. Durch die trockenen Sommer und das hohe Niederschlagsdefizit ist der Grundwasserstand nicht so hoch wie gewöhnlich. Folglich gelangen Flachwurzler schlechter an Wasser und sind ohnehin eher gefährdet, bei Sturm aus dem Boden gehebelt zu werden. Die Fichte und das Sauerland teilen eine circa 200-jährige gemeinsame Vergangenheit. Zwischen 1802 und 1815 wurde die Fichte hier eingeführt, doch damals hatte noch niemand viel übrig für den „Neuling“. „Viele Waldbesitzer haben die ersten Fichtensamen lieber verbrannt oder vertrocknen lassen, als sie angewiesen wurden, diese zu pflanzen. “, erzählt der Forstmann.

Ablösung der Monokultur
Die Fichte entwickelte sich mit der Zeit zu einer Monokultur und dem Erkennungsmerkmal für das Sauerland. „Es ist längst Zeit, umzudenken“, sagt Elmar Gilsbach, der diesen Prozess schon seit Kyrill verinnerlicht hat. Er hat sich umorientiert und setzt nun auf einen Mischwald. Douglasie, Küstentanne, Weißtanne, Esskastanie, Roteiche, Traubeneiche und Winterlinde sind seine Tipps für klimaresistentere Baumarten. „Man muss sich anpassen und sich gegenüber Neuem öffnen“, fasst er zusammen. In seinem anerkannten Forstsamen- und Forstpflanzenbetrieb zieht er die Pflanzen im Container auf. Das bringt viele Vorteile: Durch einen Luftschnitt wachsen sie qualitativ hochwertig, erleiden keinen „Pflanzschock“ und sind beinahe das ganze Jahr über pflanzbar.

Umweltschutz mit Patent
„Im Sinne der Öko-Bilanz ist es für mich als Waldbauer selbstverständlich, zuerst den Bedarf vor Ort zu decken“, resümiert Gilsbach. Damit auch in Zukunft genug Holz produziert werden kann, ist es eben notwendig, auf Baumarten zu setzen, die sich dem Klima besser anpassen können. Damit man zum Beispiel auch weniger Plastik in den Wald bringt, hat er ein Konzept entwickelt, das einen dauerhaften und natürlichen Schutz einer Pflanze ermöglicht. Das „Vorwälder Forstpflanzenschutzpaket“ ist sogar patentiert. Hier wächst beispielsweise eine Douglasie umringt von zwei Blaufichten, die durch einen Wachstumsvorsprung vor Verbiss geschützt ist. Die Blaufichten stützen die Douglasie und nehmen ihr als Flachwurzler den Stickstoff aus dem Oberboden, bis sie durch Pilze und die Sitkafichtenröhrenlaus natürlich absterben.

Elmar Gilsbach hat heute noch eine Vorreiterposition inne, aber das Interesse an klimaresistenter Forstwirtschaft ist da. Oft hat er Besuch und stellt seinen Gästen den Betrieb vor. Einhundert Waldbauern aus Hessen, Dirk Wiese, Bundestagsabgeordneter für den Hochsauerlandkreis, aber auch der Bundeswaldbeauftragte Cajus Caesar haben ihren Besuch angekündigt oder waren bereits vor Ort. Ebenso der ehemaliger Umweltminister Eckhard Uhlenberg, viele forstwirtschaftliche Zusammeschlüsse, adelige Verwaltungen, selbst Industrielle und viele Förster aus der Nachbarschaft. Wenn man die Art und Weise ändert, wie Wald „gemacht“ wird, gibt es definitiv neue Zukunftsperspektiven. Man muss nur mutig sein, sie finden und entwickeln.