Von Hermann-J. Hoffe

22. Februar 2020 – Schon seit einiger Zeit sorgt das Artenschutz-Projekt „Wisent-Welt Wittgenstein“ für heftige Diskussion und zahlreiche Aktivitäten auf der Nordseite des Rothaarsteiges. Die Stadt Schmallenberg, der Gesamtverkehrsverein Schmallenberger Sauerland, die privaten Waldbesitzer, die Vertreter der Landwirtschaft sowie insbesondere die Dorfgemeinschaft Latrop laufen Sturm gegen die Pläne, die frei lebenden Wisente in Zukunft im Stadtgebiet Schmallenberg in einem Wildgatter laufen zu lassen. Ulrich Lutter, der erste Vorsitzende der Dorfgemeinschaft Latrop begrüßte auf der gestrigen Pressekonferenz die anwesenden Journalisten und zahlreiche Zuhörer aus dem Ort mit den Worten: „Wir sehen uns leider gezwungen, diese Pressekonferenz abzuhalten, da der Bürgermeister von Bad Berleburg als Vorsitzender des Trägervereins Wisent-Wildnis Wittgenstein e. V. glaubt, über Schmallenberger Stadtgebiet verfügen zu können.“

Eingezäunte Wisente im Gebiet der Stadt Schmallenberg

Hintergrund für diese heftige Reaktion der Latroper Bürgerinnen und Bürger sind die seit einigen Jahren frei lebenden Wisente des Artenschutz-Projektes „Wisent-Welt Wittgenstein“, die, wie der Name schon sagt, im Wittgensteiner Gebiet, auf der Südseite des Rothaarsteiges, in den Wäldern und auf den Wiesen friedlich grasen sollen. Dass die angeblich sehr scheuen Tiere in der Vergangenheit häufiger auch die Wiesen und Wälder im Gebiet der Stadt Schmallenberg aufgesucht haben und es hier zu eher unangenehmen Begegnungen mit Wanderern oder Autofahrern kam, ist bekannt. Im Jahr 2018 gab es entscheidende Veränderungen der Vereinbarungen für das Projekt, so dass im Frühjahr 2019 die Landesumweltministerin Heinen-Esser zur „Befriedung des Wisent-Konflikts“ der Koordinierungsgruppe „Wisente im Rothaargebirge“ einen Vorschlag machte, der die Einzäunung einer 840 Hektar großen Waldfläche, vornehmlich im Gebiet der Stadt Schmallenberg, vorsieht. Hinter einem zirka zwei Meter hohen und 18 Kilometer langen Zaun dürfte sich die große Wisentherde dann auf 700 Hektar Staatswald und 140 Hektar der Wiggenstein-Berlebur’schen Rentkammer aufhalten.

Wissente bei Schmallenberg-Schanze
Foto: Klaus-Peter Kappest

Aus dem ursprünglich vom Kreis Siegen-Wittgenstein und der Stadt Berleburg gewollten Projekt wird durch die geplante Verlagerung nach Norden nun auch ein Projekt für die Stadt Schmallenberg. Ulrich Lutter dazu auf der Pressekonferenz: „Bereits vor 14 Jahren sind Bürgermeister Halbe und ich nach Düsseldorf in den Landtag gefahren und haben dort mit unserem Landtagsabgeordneten Klaus Kaiser und dem damaligen Landrat von Siegen-Wittgenstein, Paul Breuer, das Wisentprojekt diskutiert und deutlich klargemacht, dass Schmallenberg und die hier lebenden Bewohner und Gäste das Wisentprojekt völlig anders sehen als die Berleburger Seite. Schon damals haben wir betont, dass die Wisente auf unserer Seite des Rothaargebirges nicht erwünscht sind und die Berleburger geeignete Maßnahmen treffen müssen, die Wisente auf ihrem Gebiet zu halten. Tatsächlich hat sich der Trägerverein nie an diese Zusagen gehalten.“

Nicht endender Wisent-Konflikt

Wie geht es nun weiter? Die Latroper verweisen auf die vor Beginn des Wisent-Projektes geschlossenen Verträge. Darin hat sich Prinz Richard vom Fürstenhaus Sayn-Wittgenstein in Bad Berleburg verpflichtet, die Grundstücksflächen für die Auswilderung der Wisente, rund 4.300 Hektar, dem Trägerverein zur Verfügung zu stellen. „Jetzt ist Prinz Richard 2018 verstorben und die Erben bzw. der Erbverwalter will sich nicht mehr an den Vertrag von 2013 halten“, so Ulrich Lutter. Eine Änderung der Grundstücksflächen war aber, nach Aussagen der Latroper Bürger, in dem gesamten Projekt niemals vorgesehen. Ulrich Lutter: „Das Fürstenhaus wollte die Wisente unbedingt haben. Wenn die Flächen in Berleburg jetzt nicht mehr zur Verfügung stehen, so kann das nur eine einzige Konsequenz haben: Das Projekt ist gescheitert. Eine Fortführung gemäß Vertrag ist nicht möglich und damit muss das Projekt umgehend beendet werden.“

Dorfgemeinschaft wehrt sich
Dorfgemeinschaft wehrt sich

Die Latroper Dorfgemeinschaft versteht es als einen karnevalistischen Scherz, dass der Trägerverein jetzt eine Gatterhaltung der Wisentherde, wie in einem größeren Zoo, auf Schmallenberger Stadtgebiet fordert. Ulrich Lutter: „Wenn der Landrat des Hochsauerlandkreises, Dr. Karl Schneider, dies als Treppenwitz der Geschichte bezeichnet, so hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.“

Nach einer telefonischen Anfrage beim Bürgermeister der Stadt Bad Berleburg zu den Forderungen aus Schmallenberg, erhielten wir folgende Stellungnahme: „Die Stadt Bad Berleburg hatte keine Kenntnis von der heutigen Veranstaltung, deshalb steht es uns nicht zu, deren Inhalt zu kommentieren. Dass das Wisent-Projekt gescheitert ist, stimmt allerdings nicht – im Gegenteil. Hierzu verweise ich auf die Pressemitteilung des Wisent-Vereins.“ In der Pressemitteilung aus Bad Berleburg heißt es unter anderem: Es geht entscheidend voran.“ So fasst Bernd Fuhrmann die Ereignisse der vergangenen Wochen und den Ausblick für 2020 zusammen. Der erste Vorsitzende des Wisent-Vereins zeigt sich hinsichtlich der Zukunft des in Westeuropa einzigartigen Artenschutzprojektes im Rothaargebirge zuversichtlich: „Der Stillstand der vergangenen Jahre ist überwunden.“ Und weiter heißt es in der Presseinformation des Wisent-Trägervereins: „Anfang Januar hat der Wisent-Verein den Genehmigungsantrag für den Bau eines Zaunes zur befristeten Einhegung der frei lebenden Wisente gestellt. Nach Abstimmung mit den Projektpartnern übernahm der Wisent-Verein dies aus formalen Gründen. Zuständig für den Zaunbau bleibt der Landesbetrieb Wald und Holz. Nun muss noch ein Gutachten zur FFH-Verträglichkeit der Wisente erstellt werden, da es sich bei der vorgesehenen Fläche um ein Schutzgebiet nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie handelt, das besonders geschützt ist.“

Umwelt-Ministerin Heinen-Esser kommt nach Latrop

Für den außenstehenden Betrachter erscheint eine Fortführung des Projektes mit frei lebenden Wisenten nach der nun zu erfolgenden Eingatterung tatsächlich nicht mehr notwendig zu sein. Denn dafür lebt in einem Areal von 20 Hektar zwischen Jagdhaus auf Schmallenberger Seite und Aue-Wingeshausen auf Bad Berleburger Seite eine zweite Herde Wisente, die Besucher ohne Gefahr beobachten können. Auf den Seiten der Wisent-Wildnis wird das so beschrieben: „Weil sich die frei lebenden Wisente normalerweise dem Blick entziehen, wurde die Wisent-Wildnis für interessierte Besucher geschaffen. Dort lebt eine zweite Herde. Sie hat ihre Heimat in einem weitgehend naturbelassenen Areal gefunden. Es stellt damit einen repräsentativen Ausschnitt des echten Lebensraums der frei lebenden Herde im Rothaargebirge dar. Mit einem entscheidenden Unterschied. Sie sind dort nah dran an den Tieren.“ Eine solche Nähe zu Wisenten wollen die Latroper allerdings nicht haben. Nach der heutigen Pressekonferenz ist zu vermuten, dass sie alles in ihren Händen stehende unternehmen werden, dass es dazu auch niemals kommt. Ministerin Heinen-Esser vom Umwelt-Ministerium des Landes hat für Aschermittwoch einen Besuch in Schmallenerg angekündigt.