Warum heißen eigentlich Schmallenberger „Breybälger“ und Fredeburger “Zemmels“?

Wie aus Feuersnot eine Jahrhunderte überdauernde Neckerei entstand …

Text von Jens Feldmann

Nachbarschaft treibt mitunter seltsame Blüten. Man schaue nur in die Welt des Sports, insbesondere auf die grünen Rasen der Republik, auf denen es landauf, landab in schöner Regelmäßigkeit zu sogenannten Derbys kommt: den Duellen lokaler oder regionaler Nachbarn. BVB gegen S04, Bremen gegen HSV, Bayern gegen 1860, Effzeh gegen Fohlen, Arpe gegen Schmallenberg: Wo anfangen, wo aufhören? Und oftmals ist das sportliche Schauspiel ja nur die Ouvertüre für den Ernst des Lebens. Man frage mal Kölner und Düsseldorfer, ob sie nicht einmal Lust hätten, zusammen etwas trinken zu gehen. Das scheitert schon an der Wahl des Getränks: Kölsch oder Alt?! Dass lokale Rivalität zu Tische ausgetragen wird, ist auch hierzulande keine Seltenheit.

Wer den Schaden hat …
Die Geschichte, die Schmallenberger „Breybälger“ und
Fredeburger „Zemmels“ seit nun beinahe 200 Jahren verbindet,
beginnt mit einem Flammenmeer … Gerade die Städte früherer Zeiten, mit ihren eng aneinandergebauten Häusern aus leicht entflammbaren Materialien, wurden öfter von Feuersbrünsten heimgesucht. Schmallenberg bildete da keine Ausnahme. Am 31. Oktober 1822 kam es zum letzten großen Stadtbrand. Den verheerenden Flammen fielen nahezu alle 128 Wohn- und Wirtschaftsgebäude zum Opfer. Der mühevolle Wiederaufbau – der übrigens die prägende klassizistische Gestaltung des Stadtbildes zur Folge hatte – war das eine. Als weit drängender aber erwies sich die Notlage der Bevölkerung, denn diese war nicht allein ihrer Heimstätten beraubt, sondern auch all ihrer für den nahenden Winter eingelagerten Vorräte. Wer aber gute Nachbarn hat, der kann auf Hilfe zählen. Und so erhielten die damals 667 Schmallenberger Bürger aus den benachbarten Ortschaften das, was man dort entbehren konnte: vornehmlich Hirse, Roggen und Hafer. Dies ließ sich gut zum Anrühren von Breispeisen nutzen – eine einseitige Ernährung. Die Schmallenberger hatten zwar die schwere Zeit überstanden, entwickelten aber durch die Breie alsbald sogenannte Breibäuche: „De Schmallersken Breybälger“ waren geboren. Die Nachbarn aus Fredeburg betonen gerne, dass man genüsslich und dennoch schlank bleibend seine Semmeln – seine „Zemmels“ – esse, während die Nachbarn jenseits des Robbecker Berges ihre Breybälger zur Schau trügen.

Wo ein Breybalg noch heute bei Tische hockt …
Wie wenig diese Geschichte mit ernsthaften Animositäten zu tun hat, zeigt sich am südöstlichen Ende der Schmallenberger Innenstadt, wo Ost- und Weststraße aufeinandertreffen. Dort findet sich seit 2009 eine Skulptur des freischaffenden Bildhauers Werner Klenk aus Oelde, der „Schmallenberger Breybalg“. Hier hockt er an einem Tisch, vor sich die große Schüssel Brei, mit wohlgerundetem Bauch, ausgestreckten Beinen und einem dennoch nicht ganz so glücklichen Gesichtsausdruck … Wohl durchaus verständlich, wenn sich einem das Hab und Gut gewissermaßen über Nacht in Rauch auflöst und man fürs Überleben auch noch Figurprobleme in Kauf nehmen muss … Vielleicht sollte man überlegen, dem Breybalg einen Zemmel an die Seite zu setzen. Geteiltes Leid ist doch halbes Leid, woll?!