Warum heißen die leckeren Teilchen beim Bäcker eigentlich “Teilchen“?

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Im Bäckerhandwerk ist Stückwerk manchmal das Ah! und Oh! …

Text von Jens Feldmann

Ein neuer Wohnort erfordert mitunter das Angewöhnen neuer Gewohnheiten: Als ich neulich beim Bäcker in meinem neuen Wirkungskreis ein paar Teilchen für meine Kollegen besorgen wollte, wies ich mit der Hand auf die verheißungsvolle Auswahl vor mir: „Geben Sie mir doch bitte von den Teilchen hier sechs Stück. Mischen Sie einfach …“ Statt des Gewünschten erhielt ich von der älteren Dame hinter der Theke einen freundlichen, aber leicht verständnislosen Blick. Schließlich lächelte sie: „Von dem Plunder möchten Sie sechs?!“ Nun war ich leicht irritiert, denn so etwas wie Plunder finde ich eigentlich eher ganz hinten im Schrank oder in einer entlegenen Kellerecke. Dann aber dämmerte es auch mir: Plunder! Klar, andere Gegenden, andere Sitten. Wie ein Brötchen hier als Semmel, dort als Wecke bekannt ist, so ist das Teilchen, wie wir es im Sauerland kennen, als solches natürlich nicht bundesweit verbreitet.

Von Teilchen, Stücken und anderem Plunder
Warum nun aber „Plunder“? Oder warum „Teilchen“? Die Bezeichnung der süßen kleinen „Standardbackwerke“, wie es bäckereifachsprachlich wohl heißt, als „Teilchen“ ist außer in Nordrhein-Westfalen auch in Rheinland-Pfalz, in Hessen und im westlichen Niedersachsen verbreitet. Schnecken, Amerikaner, Schweinsohren, Nussecken, aber auch, eindeutiger, Puddingteilchen oder Obstteilchen: Man findet sie in jeder Bäckerei in unterschiedlichster Vielfalt im Angebot. Wandert der Blick von ihnen herüber zum Angebot der sich wie köstliche Bergmassive erhebenden Kuchen und Torten, so erklärt sich zumindest schon einmal die Verkleinerungsform „-chen“. Eindeutige Belege für die Herkunft der Bezeichnung gibt es nicht. Allerdings eine plausible Erklärung, denn möglicherweise dient die Benennung „Teilchen“ dazu, den Unterschied zu jenen Sorten von süßem Gebäck hervorzuheben, die erst nach dem Backen in Stücke geschnitten werden.

In anderen Gegenden wird auch vom „Stückchen“, vom „Kaffeestückchen“ oder von „süßen Stücken“ gesprochen. In Luxemburg sind unsere Teilchen als „Kaffiskichelcher“ bekannt und in der Schweiz verlangt man beim „Beck“, dem schweizerischen Bäcker, diesbezüglich nach einem „Stückli“. An dieser Stelle kommt man nun nicht umhin, auch die Bezeichnung „Plunder“ zu klären, denn hier und da begegnet einem beim Kauf leckerer Hefebackwaren auch die Bezeichnung „Plunderteilchen“.

Was die Hefe für (Namens)Blüten treibt …
Das Wort Plunder stammt aus dem Spätmittelhochdeutschen und bedeutet soviel wie „sich blähen, bauschen“ oder auch „flatterig sein“. Man kennt es zum Beispiel auch von der Pluderhose. Für die Verwendung als „Plu(n)der(teilchen)“ im Bäckerhandwerk ist natürlich die verwendete Hefe sinngebend. Weit wichtiger aber als die Bezeichnung ist doch der Zweck des Bezeichneten. Plunder, Teilchen oder Stückchen sind eine Bereicherung für jeden Kaffeetisch … oder für den Schreibtisch im Kreise der Kollegen.

Zum Schluss noch eine schöne Weisheit aus dem Rheinland. Der beliebte Büttenredner Willibert Pauels, gebürtig aus dem Oberbergischen stammend, meinte einmal vielsagend: „Teilchen kauft man, wenn es Besuch gibt und Kuchen zu schade wäre, Plätzchen aber zu geizig aussehen würden.“ In diesem Sinne: Lassen Sie es sich schmecken!