Über Kirchen, die noch atmen und einen engagierten Erzbischof

Foto: Ralf Litera

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker im WOLL-Interview

Von Hermann-J. Hoffe

Hans-Josef Becker ist Erzbischof von Paderborn und gebürtiger Sauerländer. Der 71-Jährige stammt aus Belecke und hat sein Amt nun schon seit fast 15 Jahren inne. Grund genug, ihn persönlich zu aktuellen Geschehnissen in der Kirche zu befragen. Vor allem interessiert im WOLL-Magazin natürlich seine Verbindung zum Sauerland. Also bitte, sehr geehrter Herr Erzbischof, erzählen Sie!

WOLL: Sauerländer und Erzbischof – ist das ein Widerspruch?
Erzbischof Becker:
Nein, das hat es schon öfter gegeben und ist somit nichts Ungewöhnliches.

WOLL: Fünfzehntausend Quadratkilometer Fläche, fast fünf Millionen Menschen und davon eine Million Sauerländer. Der Anteil der Katholiken liegt bei knapp 32 Prozent. Wie wird das im Erzbistum Paderborn in Zukunft aussehen?
Erzbischof Becker:
Demographisch, wirtschaftlich und sozial passiert gerade viel. Besonders in den ländlichen Gebieten wird es in Zukunft gravierende Veränderungen geben. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir den Wandel meistern können. Das bedeutet: Auch zahlenmäßig weniger Christen können Kirche mit Leben füllen. Es gibt kein generelles Hindernis, aber die spürbaren Veränderungen müssen wir realistisch wahrnehmen. Wenn wir uns mit der Sauerländer Standfestigkeit ausrüsten und nicht gleich auf jedes Gerede hysterisch reagieren, dann werden wir einen Weg finden. Da bin ich zuversichtlich!

WOLL: Es wird immer wieder erzählt: Paderborn, Köln, München – das sind die reichen Bistümer. Entspricht dies der Wahrheit? Und wenn ja: Woher kommt dieses Vermögen und wie sieht die weitere Entwicklung aus?
Erzbischof Becker:
Zuerst einmal ist die Bilanzsumme keine Vermögenssumme. Das, was an Vermögen da ist, ist zum allergrößten Teil gebundenes Vermögen, also nicht frei verfügbar. Das Geld ist für Bildungseinrichtungen, Personal und caritative Einrichtungen bestimmt. Das meiste Geld geht dann in die Seelsorge. Paderborn hat offensichtlich immer gut und solide hausgehalten, sodass ich einen geordneten Haushalt und somit gute wirtschaftliche Verhältnisse von meinem Vorgänger übernehmen konnte. Ich hoffe natürlich, dies fortzusetzen. Die Aufgaben sind unterschiedlich und stellen sich immer anders dar. Ich denke, dass wir eine qualitative Finanzpolitik, auch was Nachhaltigkeit angeht, betreiben und dass die Investitionen, die geplant sind, besonders gut geprüft werden. Wir haben Verantwortung auch für die nachfolgende Generation der Christinnen und Christen im ErzbisÜbertum Paderborn. Das nehmen wir sehr ernst und da müssen wir uns immer wieder neu engagieren und aufstellen. Unsere Kirchengebäude sind vielleicht kunsthistorisch wertvoll, aber wenn man versucht, sie zu verkaufen, bekommt man keinen Euro dafür, der Paderborner Dom ist nicht zu veräußern. Angesichts der expansiven Bautätigkeit in den letzten Jahrhunderten muss man natürlich fragen: Was davon ist unter den Bedingungen der Gegenwart alles haltbar und was nicht? Das muss man jeweils vor Ort beantworten, weil der Träger nicht das Erzbistum ist, sondern die Kirchengemeinde.

WOLL: Die Zahl der Gottesdienstbesucher geht deutlich zurück. Manche bezeichnen das als Krise, andere eher als Umbruch. Was löst das in Ihnen aus?
Erzbischof Becker:
Keine Freude, aber auch keine Dramatik. Wir kennen immer noch die „Sonntagspflicht“, den sonntäglichen Besuch der Messe. Man trägt die Verantwortung dafür, das, was einem wertvoll ist, weiterzugeben. Aber ich muss selber auch etwas dafür tun. Darum können wir die Zahlen aus den 50er Jahren nicht mit den heutigen Zahlen vergleichen. Der Rückgang hat auch mit einer gesamten Tendenz zu tun, die sich in unserer Gesellschaft heute deutlicher abzeichnet als noch vor vierzig Jahren. Aber die Tatsache, dass Menschen Glaube und Kirche stärker in Frage stellen und sich von der Religion abwenden, das hat ja nicht erst jetzt angefangen. Das ist ein langer Prozess, der schon seit Ende der sechziger Jahre zu verzeichnen ist.

WOLL: Es ist immer wieder zu hören, die Kirche müsse sich erneuern, die Kirche müsse sich der gesellschaftlichen Entwicklung im Zeitalter der Digitalisierung stellen. Was muss passieren?
Erzbischof Becker:
Das Entscheidende ist doch, wie sich die Menschen in der Kirche verändert haben und verändern. „Kirche“ hat immer mit konkreten Menschen zu tun. Wir dürfen keine pauschalen Urteile fällen. Gefragt sind da Echtheit, ein hohes Maß an Bescheidenheit und Ehrlichkeit. Überzeugen kann man nur durch Menschen, glaubwürdige Hinwendung und ein echtes Interesse. Wichtig ist auch der Bezug zur heutigen Zeit, nicht zu der Situation, wie sie vor achtzig Jahren war oder in hundert Jahren sein wird. Der Gegenwart muss man sich bewusst stellen, auch mit ihren Unsicherheiten. Auch in der Kirche gibt es nicht für alles Patente. Man ist gemeinsam auf dem Weg und muss entsprechende Erkenntnisse anwenden und nicht nur aus einem Gefühl heraus agieren. Ein „Mir ist heute mal danach“ ist keine verlässliche Regelung für die Zukunft, nicht im Sinne der Sorge um die nächste Generation. Ich würde mir außerdem wünschen, dass die Kultur des Dialoges, die jetzt schon besteht, mehr genutzt und wahrgenommen wird. „Dialog“ heißt übersetzt „durch das Wort“. Somit bietet jeder Dialog die Möglichkeit, sich und andere zu bereichern. Das Leben des anderen, seine Herausforderungen oder Fragestellungen geben mir Einsicht in seine Welt und können auch meine eigene Sichtweise verändern, ergänzen und bereichern. Ein echter Dialog ist immer ein Gewinn. Es kann ja nicht sein, dass der Pastor entscheidet, wann Heu gemacht werden darf und wann nicht, wie das früher der Fall war! Das war ein anmaßendes Verhalten, weil der Dorfpastor von der Landwirtschaft in der Regel überhaupt keine Ahnung hatte. In diesem Bewusstsein zu handeln, das meine ich mit Bescheidenheit.

WOLL: Das Sauerland bildet sich aus dem kurkölnischen katholisch geprägten Sauerland und dem protestantisch geprägten Märkischen Sauerland. Die Sauerländer sehen sich als eine gemeinsame Volksgruppe, da spielt die Religionszugehörigkeit kaum noch eine Rolle. Wann kommt es zur Vereinigung von katholischer und evangelischer Kirche?
Erzbischof Becker:
Das wird bereits gefördert. Nicht nur vor Ort, auch auf der Landeskirchenebene haben wir sehr gute Verhältnisse zueinander. Es hängt immer von Personen ab, stelle ich fest, sowohl von Strömungen in Gemeinden als auch von „Wortführern“ – auf allen Ebenen. Die Ökumene im Sauerland ist keineswegs problematisch. Wenn wir alle Möglichkeiten nutzen, die gegeben sind, dann können wir noch mehr zusammen erreichen. Man muss es nur wollen und die Möglichkeiten kennen. Jedoch muss man auch verantworten, was man tut, nicht mit dem Ziel einer Trennung, sondern einer Verbindung. Es ist wichtig, dass man aus dem Reichtum der eigenen Glaubensgeschichte und der Konfession auch die andere Konfession versteht. Was den Einigungsprozess, den Weg zur Einheit, betrifft, gibt es eindeutig positive Zeichen. Das Zusammenleben ist das geringste Problem. Es gibt bestimmte, noch kirchentrennende theologische Dinge, die natürlich einer fachkompetenten Bearbeitung bedürfen. Aber es geschieht bereits sehr viel!

WOLL: Sie sind bekennender Sauerländer und Schützenbruder. „Glaube, Sitte, Heimat“ ist der Wahlspruch des Sauerländer Schützenbundes. Welche Verbindung besteht zwischen Kirche und Schützen?
Erzbischof Becker:
Ich schätze die Schützenfestkultur sehr. Ihre Entwicklung hat eindeutig einen christlichen und auch einen kirchlichen Bezug. Der Glaube ist das, was uns ausmacht, das, wozu wir uns bekennen. Bedeutend ist die Beziehung zu Christus, danach richtet sich der Lebensstil.

WOLL: Sie sind bei der Bischofskonferenz Vorsitzender der Kommission „Erziehung und Schule“. Lassen sich in der Erziehung und in den Schulen heute noch christliche Werte vermitteln?
Erzbischof Becker:
Die Schulen können sekundär unterstützen. Für die Erziehung ihrer Kinder sind allerdings in erster Linie die Eltern selbst verantwortlich. Durch die gesellschaftlichen Beanspruchungen von Familien hat sich viel geändert, alleine durch Erwerbstätigkeit und durch Mobilität. Wir sind ein älterer Bildungsträger als der Staat, da muss man sich natürlich fragen, was im Sinne von Bildung gefördert werden kann. Das kirchliche Engagement auf diesem Gebiet lässt nicht nach, allerdings bin ich skeptisch, inwieweit wir es noch ausbauen können. In NRW haben wir Religionsunterricht als reguläres Schulfach und nicht als Wahlfach. Es ist deutlich, dass wir den konfessionellen Religionsunterricht bei allen Konfessionen, die möglich sind, für den Menschen als einen allgemeinbildenden, menschenbildenden Faktor wertschätzen. Das scheitert manchmal am Lehrkräftemangel. Einige Lehrkräfte werden, obwohl sie die Lehrbefähigung haben, im Religionsunterricht nicht eingesetzt, denn das ist eine Frage der Schulleitung. Das sind alles aber, wie gesagt, ergänzende,stützende Einrichtungen, die es den Familien ermöglichen sollen, Beruf und Familie kompatibel zu machen.

WOLL: Sie sind hin und wieder in Ihrer Heimat Belecke.
Wo sind Sie sonst im Sauerland gerne unterwegs?
Erzbischof Becker: Wenn ich einen freien Tag habe, fahre
ich auch schon mal öfter durch das Sauerland. Zum Beispiel
habe ich das Siegener und Berleburger Land durch die
letzte Visitation noch besser kennengelernt. Der Arnsberger
Wald ist natürlich naheliegend und generell liegt das
Nordsauerland näher als das Südsauerland. Aber wenn ich
privat verschiedene Bekannte und Freunde besuche, mache
ich bei der Gelegenheit auch mal einen Schlenker dorthin.

WOLL: Nun ein paar persönliche Fragen. Sie sind ein Feinschmecker?
Erzbischof Becker:
Für die guten Gaben Gottes, ja!

WOLL: Für welchen Fußballverein schlägt Ihr Herz?
Erzbischof Becker:
Da muss ich aufpassen! Es gibt hier zwei Bundesligavereine, Dortmund und Paderborn, und es interessiert mich natürlich, wie beide spielen. Ich würde mich aber nicht als Fan bezeichnen.

WOLL: Wein oder Bier?
Erzbischof Becker:
Beides. Je nach Gelegenheit.

WOLL: Ein Sauerländer Wort oder eine Redensart, die Sie ab und zu mal brauchen, um sich Luft zu machen?
Erzbischof Becker:
„Man kann se nicht alle helfen.“

WOLL: Mit welchem kurzen Gebet beginnt für Sie der Tag?
Erzbischof Becker:
Ich fange immer mit dem Kreuzzeichen an.