„Das würde ich sehr gerne noch erleben!“

Kerstin Thielemeier (re.) im Gespräch mit Paula Rück.

Von damals bis heute: Die 90-jährige Paula Rück aus Arpe erinnert sich

Text: Kerstin Thielemeier – Fotos: Klaus-Peter Kappest

Geboren ist sie im Jahre 1928. Eine unbeschwerte Kindheit und Jugend erlebte sie in ihrem Heimatdorf Kückel heim. Noch heute erinnert sie sich gerne an diese Zeit. Paula Rück, geborene Hufnagel, erzählt aus ihrem be wegten Leben, in dem sie viele, eigentlich zu viele Schicksals schläge durchmachen musste. So sind in unserem Gespräch das Lachen und das Weinen, das Glück und die Trauer, der Verlust und der Gewinn sehr nah beieinander.

„Meine Eltern betrieben früher Landwirtschaft und Viehzucht. So war das damals, das hatten eigentlich alle. Ich durfte immer die Kühe melken“, erinnert sich Paula Rück. „Das Melken habe ich von der Pike auf gelernt. Ich war richtig gut“, schmunzelt die 90-Jährige, die Endes dieses Jahres 91 wird. Man war es gewohnt, dass harte körperliche Arbeit den Tag be stimmte – von morgens bis abends. Auch das war ganz normal. „Unvorstellbar“, sagt sie heute, schließlich gebe es mittlerweile für alles eine Maschine. Sogar für das Rasenkantenabschneiden. Herz haft lacht sie darüber.

Das harte Arbeiten und die Kriegsjahre als Jugendliche zu erleben, habe ihr weder körperlich noch seelisch zugesetzt. Das sollte erst später kommen. Im Krieg zogen die Amerikaner auch durch Kückelheim: „Die Amis waren alle nett und haben uns in Ruhe gelassen. Aber Schiss hatten wir trotzdem“, erzählt Paula Rück. Mit ihrem Ehemann zog sie 1958 nach Werdohl. Er war Erntehelfer und bekam dort eine gut bezahlte Arbeit auf einem großen Bauernhof. „Ich durfte damals mit“, strahlt die rüstige Paula. „Ich habe mich um den großen Haushalt auf dem Hof, den Garten und alle Kinder gekümmert.“ Selbstverständlich waren ihre eigenen fünf Kinder (Thea, Erika, Annette, Petra und Margarete) auch dabei.

Als ihr Ehemann plötzlich und unerwartet verstarb, zog sie mit ihren Töchtern nach zehn Jahren zurück in die Heimat. „Wir haben ein kleines Häuschen in Arpe gefunden, wo wir alle Platz hatten und ich einen eigenen Garten anlegen konnte“, erinnert sie sich. Wie sie es geschafft hat, ihre Kinder zu ernähren, ihnen eine schulische und berufliche Ausbildung zu ermöglichen, darüber staunt sie heute selber: „Es musste ja irgendwie weitergehen. Die Mädchen sollten auf jeden Fall eine vernünftige Ausbildung machen, das war mir immer wichtig. Es haben auch alle geschafft“, strahlt sie stolz. 40 Jahre hat sie nebenbei in Arpe morgens die Zeitungen verteilt.Dieser Arbeit konnte sie gut nachgehen, ohne ihre Kinder zu vernachlässigen: „Bei Wind und Wetter bin ich um vier Uhr morgens losmarschiert. Durch Eis und Schnee, war egal.“

Emotionale Talfahrten und große Trauer
Sehr gerne erinnert sie sich an den kleinen Manuel aus dieser Zeit. Er war damals als portugiesisches Gastarbeiterkind ein wahrer Sonnenschein in ihrem Mädelshaushalt. „Er hat damals die Woche über bei uns gewohnt und am Wochenende war er bei seinen Eltern. Über zehn Jahre war er ‚mein‘ Baby, ‚mein‘ Junge.“ Die Tränen fließen bei ihr. Denn irgendwann kam er plötzlich nicht mehr. Sie zieht die Schultern hoch und sagt: „Ich war so lange seine Ersatzmama und dann war plötzlich ohne Grund Schluss. Das hat sehr weh getan.“ Die beiden haben heute – nach all den Jahren – wieder einen guten Kontakt zueinander. Mehr als einen guten Kontakt hatte Paula Rück zu ihrem Nachbarn Franz Tillmann. Als er Witwer wurde, kümmerte sie sich um seinen Haushalt. „Eines Tages kommt er zu mir und fragt mich, ob wir nicht zusammenziehen wollen. Da war ich erst mal baff. Aber warum nicht?“ Seitdem hat sie den Stammplatz auf der Bank vor seinem Haus. Nach getaner Arbeit noch die Sonne genießen und die vorbeifahrenden Dorfbewohner begrüßen, das macht gute Laune. Geheiratet haben die beiden nicht mehr, aber Wohnrecht auf Lebenszeit habe sie in dem Haus. Vor zwei Jahren verstarb ihr Partner Franz Tillmann. „Jetzt bin ich wieder alleine“, erzählt sie und wirkt dabei sehr nachdenklich.

Die Traurigkeit von Paula Rück und die seelischen Wunden kommen richtig zum Vorschein, als sie nicht nur vom Tod ihres späten Partners und ihrer Mutter erzählt, die sie sehr lange gepflegt hat, sondern auch vom Tod ihrer ältesten Tochter Thea. „Das eigene Kind zu verlieren, ist unbeschreiblich schlimm. Sie wurde 63 Jahre alt. Da hat der Herrgott die falsche Reihenfolge bestimmt.“

Feste feiern, wie sie fallen
Doch dann blickt sie auf die Dorfstraße und das gegenüberliegende Lokal Heumes Scheune und im nächsten Moment mischt sich ein Lächeln in das verweinte Gesicht: „Da drüben habe ich meinen 90. Geburtstag gefeiert. Und das ganze Dorf hat mich mit einer Feier überrascht. Alle waren da, haben Kuchen gebacken und wollten mit mir feiern. War das schön!“, strahlt sie. „Ich habe dieses Fest so sehr genossen, es war wirklich toll“, freut Paula Rück sich. Das Feiern hat sie schon als junge Frau genossen: „Wir haben manchen Sturm erlebt, ich habe aber auch nichts anbrennen lassen, ich war bei jeder Feier dabei, ob Schützenfest oder privat. Wir hatten ja auch sonst nichts zu lachen.“ Am liebsten hat sie damals einen oder auch zwei, drei Kümmerling getrunken. Sie lacht: „Ja, den trinke ich auch heute noch ganz gerne.“Ruhig und entspannt sitzt sie auf ihrer Bank vorm Haus und sagt: „Naja, so spannend war mein Leben nun auch wieder nicht. Viel Arbeit. Vieles ist einfach immer noch furchtbar traurig. Unfassbar. Aber das Leben geht weiter.“

Heute freut sie sich auf einen schönen Fernsehfilm, am liebsten sieht sie eine Romanze von Rosamunde Pilcher: „Da verpasse ich keine Sendung. Die sehe ich immer.“ Handy und Computer sind was für junge Leute, damit will sie nicht mehr anfangen. Neben dem Fernsehen am Abend sitzt sie noch gerne an ihrer Nähmaschine. Auch die Hochzeiten, Taufen und Einschulungen, die innerhalb der Familie anstehen, will sie auf keinen Fall verpassen: „Sonst fehlt ja wieder einer. Das geht nicht.“ Und: Sie freut sich sehr auf ihren 100. Geburtstag in neun Jahren, denn dann gibt es, so vermutet sie zu Recht, bestimmt wieder eine Überraschungsparty in Heumes Scheune: „Das würde ich sehr gerne noch erleben!“