Warum heißen Kartoffeln eigentlich wie Frauen?

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So viel mehr als nur des Bauern schöne Töchter…

Die Linda! Die Annabelle! Die Nicola! Und erst die Sieglinde! Vielleicht wird beim Lesen dieser ersten Zeilen manches Mal ein „Ach ja, da kannte ich auch mal eine …“ fallen, ehe man sich bewusst wird, wobei es in dieser Rubrik eigentlich geht.

Bedrohte Knollen-Vielfalt
Also: Sieglinde ist mitnichten die Hübsche aus dem Tanzkurs, sondern eine seit 1935 angebaute, früh reifende Kartoffel mit gelbem, festkochendem Fleisch. Sie gehört zu den in Deutschland kultivierten 210 Kartoffelsorten, von denen allerdings nur ein kleiner Teil aus der Gemüseabteilung, vom Wochenmarkt oder aus dem Hofladen bekannt ist. 210 Sorten finden Sie beeindruckend? Die sind tatsächlich nur ein kleiner Teil der weltweit bekannten Sorten, von denen es nicht weniger als 5.000 gibt! Eine stattliche Zahl, deren Bestand allerdings bedroht ist, denn die Wissenschaft verzeichnet ein weltweites Schrumpfen der Sortenvielfalt bei Kartoffeln. Seit 1971 versucht man mit dem „International Potato Center“ (IPC) im peruanischen Lima, dem entgegenzuwirken, indem man den 15.000 Hektar großen „Parque de la Papa“ als eine Art „Arche Noah“ der Kartoffel nutzt, um dort langfristig den Großteil jener 5.000 bekannten Kartoffelsorten für die Zukunft zu bewahren. Zeichen eines Bewusstseins, dass sich mit der guten alten Knolle zukünftig Hungersnöte abfangen lassen können. Das wusste schließlich schon Friedrich der Große, der mit seinen „Kartoffelbefehlen“ ab 1746 den Anbau von „Tartoffeln“ in den preußischen Provinzen durchzusetzen versuchte, um Mensch und Vieh mit einer leicht zu kultivierenden Erntefrucht besser versorgen zu können. Selbst die Geistlichkeit wurde damals hierfür als „Knollenprediger“ eingespannt…

Des Bauern schönste Tochter…
Wer hätte gedacht, dass es sich beim Thema „Kartoffel“ so gelungen abschweifen lässt?! Zurück zu Sieglinde und den anderen hübschen „Damen“. Warum aber tragen die Kartoffeln denn nun vorzugsweise Frauennamen? Eine Antwort verweist auf den nur allzu naheliegenden Umstand, dass die Kartoffel eben „die“ Kartoffel ist, ihrem grammatikalischen Geschlecht nach also weiblich. Eine andere und ungleich schönere Antwort bezieht sich darauf, dass es bei den Bauern beziehungsweise Kartoffelzüchtern Brauch sei, eine neue Züchtung nach der schönsten Tochter im Hause zu benennen. Und so stößt man auf eine schier endlose Riege an „schönen Töchtern“, von Adelina, Adretta und Bernadette über Daniela, Elvira und Natalie bis hin zu Sara, Ulla oder Zuzanna. Das klingt doch gleich weit malerischer und phantasieanregender als zum Beispiel „Am 71 1578“, oder? Einer solchen doch recht einfallslosen Buchstaben-Zahlen- Kombination stehen allerdings auch Benennungen gegenüber, welche die landwirtschaftlichen Mühen in ein beinahe lyrisches Licht rücken: Ackersegen, Erntestolz oder Feldeslohn sind doch ein wahrer Wohlklang! Irritierend hingegen erscheinen German Butterball, Heideniere, Mehliges Nüdeli, Moorblut, Mount St. Helens, Reichskanzler, Rote Ohne Namen, Russian Banana, Späte Krautfäuleresistente, Toms Unbekannte, Vielauge, Vierzigjährige Österreicher oder der Violette Bomber. Auch die Tierwelt muss als unerschöpfliche Quelle für Namen herhalten: So könnten einem auf dem Teller durchaus Wisent, Forelle, Kormoran, Zebra oder Spatz begegnen.

Wenn Erdäpfel zu Helden werden
Es zeigt sich also, dass sich mitnichten sagen lässt, Kartoffeln würden immer Frauennamen tragen. Ganz im Gegenteil, denn manch Züchter hat sich angesichts seines Zuchterfolges zur Vergabe eines männlichen Namens für sein Kunstwerk hinreißen lassen. Auffällig gern bedient man sich dem Anschein nach in den Sphären der Hoch- und Populärkultur oder der Welt des Sports. So tummelt sich eine wahrhaft illustre Schar von „Heroen“ in den ellenlangen Namenslisten: Achilles, Apollo, Asterix, Calimero, Cicero, Donald, Fidelio, Figaro, Fontane, Godzilla, Hamlet, Ikarus, Maradona, Oasis, Obelix, Picasso, Rambo, Santana, Senna, Tarzan, Tristan, Tyson, van Gogh, Vivaldi oder Wotan. Hier und da „mogelt“ sich ein gewöhnlicher Alexander, Marius, Siegfried oder Stefano dazwischen, aber wenn schon „männlich“, dann offenbar auch richtig! Und wer weiß, vielleicht verbindet die Kartoffelliebhaberin beispielsweise mit „Stefano“ auch ein erinnernswertes Tanzkurserlebnis?! Sie können sich ja am heimischen Mittagstisch über einer Schüssel dampfender Brat-, Pell- oder Salzkartoffeln gerne einmal darüber austauschen. Die Kartoffel ist halt alles andere als eine dröge Sättigungsbeilage… So oder so hoffen wir, dass unsere kleine Reihe Ihnen hoffentlich wieder etwas Lesevergnügen und Wissenszuwachs bringen konnte.

Zuguterletzt dürfen wir aber noch auf etwas verweisen, was wahrscheinlich weiten Kreisen der WOLL-Gemeinde bislang unbekannt geblieben sein dürfte: Offenbar ist auch unser Chefredakteur heimlich unter die Kartoffel-Züchter gegangen und hat dabei gleich einmal seiner Gattin ein bleibendes Denkmal gesetzt. Damit ist nicht die Kreation „Hermanns Blaue“ gemeint, sondern selbstverständlich die Sorte „Roswitha“!