„Wir kämpfen darum, alle Spiele zu besetzen.“

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Reinhard Pietz ist seit 25 Jahren Arnsbergs Schiedsrichter-Chef

Text: Paul Senske

Das Plädoyer kommt aus berufenem Mund: „Wir können jungen Menschen aus voller Überzeugung empfehlen, Fußballschiedsrichter zu werden. Diese ehrenamtliche Funktion ist anspruchsvoll, zeugt von großem Idealismus, stärkt das Selbstvertrauen und dient zugleich der Persönlichkeitsentwicklung“, sagt Reinhard Pietz.

„Die jungen Menschen können viel für sich tun und Führungsqualitäten entwickeln.“ Der 71-jährige Neheimer ist seit 1976 Referee sowie seit 25 Jahren Vorsitzender des Schiedsrichter-Ausschusses des Fußballkreises Arnsberg und weiß, wovon er spricht. „Die Entwicklung der letzten Jahre ist leider nicht positiv. Wir kämpfen darum, dass wir alle Spiele besetzen können.“

Allein der Blick auf die Statistik unterstreicht das Dilemma. Im Fußballkreis Arnsberg sind insgesamt 99 Schiedsrichter aktiv. Seit der Saison 2018/2019 sind wieder vier Schiedsrichterinnen im Einsatz. Benötigt werden jedoch – ohne den Bereich der D-Jugend – 108 Referees. Die Folgen: Im Jugendbereich müssen sich die Teams selbst auf einen Spielleiter einigen, wenn kein amtlicher Schiedsrichter da ist. „Das gilt im Seniorenbereich auch für die D- und C-Liga“, betont Pietz. „Die Tendenz ist also nicht positiv.“ Auch im Fußballkreis Hochsauerland, den beiden ehemaligen Fußballkreisen Meschede und Brilon, fehlen Schiedsrichter. Stefan Vollmer, der Vorsitzende des dortigen Schiedsrichter-Ausschusses, beziffert die Zahl fehlender Spielleiter auf rund 50. „Bei uns werden pro Saison 3000 Spiele gepfiffen. Jeder Schiedsrichter leitet bei uns im Schnitt 24 Spiele, in der Regel sollten es 15 Partien sein.“

Welche Gründe sind für diese Tendenz verantwortlich? Pietz sieht eine Ursache in der Tatsache, dass viele Schiedsrichter weitere Funktionen im Fußball ausüben und „Schiedsrichter nebenbei“ seien. „Darunter leiden wir. Früher war man in erster Linie Schiedsrichter. Die früheren Belehrungen – heute Fortbildungen – waren Pflichttermine, die auch konsequent wahrgenommen wurden. Heute ist das schwieriger. Daher bieten wir auch Ausweichtermine für die Fortbildung an.“ Im Nachwuchsbereich seien viele junge Schiedsrichter „mit Leib und Seele“ bei der Sache. „Wenn sie studieren und daher nicht vor Ort sind, wird es aber schwierig, sie an den Wochenenden in den Spielen einzusetzen. Daher nehmen wir bei der Planung Rücksicht auf das Studium oder andere private Dinge.“

Reinhard Pietz (Foto: Rainer Seidler)

Fußball ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft
Dass Anfeindungen und Beleidigungen auf den Fußballplätzen zugenommen haben, ist ein weiteres gravierendes Problem. „Der Fußball ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft“, sagt Pietz, der zugleich feststellt, dass dieses Problem in den unteren Klassen weit deutlicher wahrzunehmen ist als in den höheren Ligen. „Früher hat es auch harte Spiele gegeben, aber hinterher hat man sich die Hand gegeben,dann war alles ausgestanden.“ Große Sorgen bereitet den Verantwortlichen die Einflussnahme des Umfeldes besonders bei Jugendspielen. „Die Eltern versuchen nicht nur Einfluss auf die Trainer zu nehmen, sondern auch und besonders auf die Schiedsrichter. Das ist ein wirkliches Problem, das uns große Sorgen bereitet.“ In den Fortbildungen, in denen es nicht nur um das Regelwerk geht, werden die Schiedsrichter daher sensibilisiert, dass „sie Emotionen, die zum Fußball gehören, vertragen müssen, Beleidigungen aber auf keinen Fall“. Wichtig, so Pietz, seien Erfahrungsgefühl und Durchsetzungsvermögen. „Wir bilden die Referees aus. Ob es auch gute Schiedsrichter sind, das zeigt sich erst in der Praxis. Und das wissen die Vereine.“

„Wir gehen auf die Vereine zu“
Vor diesem Hintergrund geht der Fußballkreis Arnsberg neue Wege. Es ist ein Pilotprojekt. „Wir gehen auf die Vereine, die Verantwortlichen und Trainer zu und laden sie zu unseren Fortbildungen auf einen Erfahrungsaustausch ein, natürlich auch zur Information über neue Regeln“, so Pietz. „Unsere beiden Lehrwarte Matthias Busch und Markus Töpfer sind in dieser Hinsicht unterwegs. Es geht um mehr Miteinander.“ So ist Anfang der neuen Saison Alex Bruchhage, der Trainer des SC Neheim, zu einer Fortbildung eingeladen. In der Folge werden auch Gespräche mit Vereinsfunktionären angeboten.

Wenn Pietz, ehemaliger Steueramtsrat, über das Schiedsrichterwesen
spricht, dann geht sein Herz auf. Er ist auch bei den Vereinen hochangesehen. „Fußball ist eine herrliche Sache! Die Schiedsrichter sind das Bindeglied, damit der Sport funktioniert. Daher versuchen wir alles, um Schiedsrichter zu gewinnen“, sagt Pietz und unterstreicht sein Plädoyer für das Schiedsrichter-Amt: „Junge Menschen können viel für sich tun.
Zudem kann sich das auch positiv bei beruflichen Bewerbungen auswirken
und Eindruck bei Personalchefs hinterlassen.“ Stefan Vollmer berichtet,
dass junge Schiedsrichter ihn des Öfteren um eine entsprechende Bescheinigung für Bewerbungsgespräche gebeten haben – und das nicht erfolglos. „Schiedsrichter engagieren sich und entwickeln Führungsqualitäten. All das ist auch im Beruf wichtig!“, sind sich Pietz und Vollmer einig.