„Wir suchen Lösungen – keine Schuldigen!“

Der Wachstum der Pflanzen wird überprüft und festgehalten. (Foto: Heidi Bücker)

Einfluss des Wildes auf die Waldvegetation

Text: Andrea Gödde-Kutrieb – Fotos: Heidi Bücker

Die Waldsituation in Deutschland ist besorgniserregend. Stürme, Trockenheit und Schädlinge setzen den Bäumen zu. Ein weiteres Problem existiert schon länger – hohe Wildbestände! Denn für Schalenwild, vor allem Rot-, Reh-, Dam- und Muffelwild, sind die jungen, nachwachsen den Triebe und Blätter der Bäume eine Leibspeise. Einmal verbissen, kann kein kräftiger Baum mehr daraus wachsen.

Doch welcher Wildbestand ist, besonders jetzt im Klimawandel, der richtige für ein intaktes Ökosystem Wald? Um hier einen Indikator zu entwickeln und somit zukünf tig den Waldbesitzern, Förstern und Jägern strategische Planungshilfen zu liefern, hat die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) vor drei einhalb Jahren mit dem Projektbüro in Schmallenberg das BioWild-Projekt gestartet. Mit Hilfe dreier Partner, der Universität Göttingen, zuständig für Vegetationsaufnahmen, der TU Dresden mit der Untersuchung verschiedener Jagdstrategien und der TU München für die Erstellung statistischer Modelle werden in fünf Pilotregionen in Deutschland wissenschaftlich verlässliche Daten gesammelt, um Zustände zu dokumentieren und Zukunftsstrategien zu entwickeln.

Erste Ergebnisse vorgestellt
Um den Einfluss des Wildes auf die Waldvegetation zu untersuchen, hat man zu Projektbeginn bundesweit 248 Waldflächen – jedweils 12 mal 12 Meter groß – eingezäunt und untersucht dort, wie auch auf einer gleichgroßen, unmittelbar benachbarten Vergleichsfläche die Entwicklung der nachwachsenden Flora – ohne und mit Wildeinwirkung. Sechs Jahre sollen die Untersuchungen für das vom Bundesamt für Naturschutz geförderte Vorhaben mindestens laufen. Jetzt, zur Halbzeit des Projektes, wurden erste Ergebnisse vorgestellt – so auch in der Pilotregion NRW, die circa 50 Untersuchungsstandorte im Sauerland zwischen Winterberg und Schmallenberg umfasst.

Auch wenn dreieinhalb Jahre im Hinblick auf die lange Wachstumsphase eines Baumes nur eine relativ geringe Zeitspanne sind, scheint sich bei den Untersuchungen auch in der Pilotregion NRW abzuzeichnen, dass sich die Vegetation innerhalb und außerhalb der Zaunflächen unterschiedlich entwickelt. Projektleiter Hans von der Goltz meint dazu: „Während Sträucher, Kräuter und Moose bisher nicht vom Zaunschutz profitieren konnten, sieht es bei den jungen Bäumchen schon anders aus. Bei den über 50 Zentimeter hohen Exemplaren sind die seltenen Arten bereits herausgefressen. Anders ausgedrückt: Die Entstehung eines dringend benötigten heranwachsenden Mischwaldes ist hier gefährdet!“

Auf den meisten Waldflächen in Deutschland sei es prinzipiell möglich, mit jagdlichen Mitteln angepasste Wildbestände herzustellen und auf diese Weise Naturverjüngungen mit den gewünschten Waldbäumen zu gewährleisten, prognostiziert die Wissenschaft. Der Zustand der Vegetation sollte daher der ausschlaggebende Indikator für die Höhe des Abschusses werden, nicht – wie bisher – die Stückzahl Wild/100 Hektar. Erste Ergebnisse der TU Dresden zeigen, dass eine effiziente Jagd in der Region Sauerland, mit alternativen, ausgeweiteten Jagdzeiten und einhergehend mit konsequenten Jagdruhezeiten, sowohl für Tiere als auch für die Vegetation von Vorteil sein könnte.

Auch die bisherigen Datenerhebungen der TU München deuten darauf hin, dass mit einer ausgewogenen Mischung verschiedenster Baumarten die Stabilität des Waldes maßgeblich gesteigert werden kann. Stabiler Wald ist – wie wir es gerade schmerzlich in vielen Borkenkäfer-Regionen erleben – eine wichtige Voraussetzung für die optimale Erbringung seiner Funktionen für uns Menschen – Wasser, Erholungsraum und auch CO2-Speicher.

„Und die Untersuchungen innerhalb des BioWild-Projektes haben noch einen anderen, sehr interessanten Aspekt ergeben, dem in Zukunft noch mehr Bedeutung beizumessen sein wird“, freut sich der Projektleiter: „Eine artenreiche Bodenvegetation ist Lebensraum für ganz viele sogenannte Nützlinge des Waldes, wie zum Beispiel Schlupfwespen. Diese können die Massenvermehrung von Borkenkäfern oder anderen Schädlingen maßgeblich in Grenzen halten.“ Von der Goltz weiter: „Nach nun vier von fünf Halbzeitveranstaltungen habe ich den Eindruck, dass wir mit dem Bio-Wild-Projekt auf einem guten Weg sind. Es gibt viele aus den Reihen der Waldbesitzer, der Forstleute, der Jäger und nicht zuletzt auch aus Politik und Gesellschaft, die sich engagiert für den Wald einsetzen möchten. Das stimmt mich zuversichtlich, dass wir gemeinsam etwas für zukunftsfähigen Wald erreichen werden. Wir suchen ja nach Lösungen – nicht nach Schuldigen!“, so der Projektleiter.