WOLL-Magazin hat den Sauerländer Wirtschaftsfachmann und Politiker interviewt

Schmallenberg/Sauerland – Samstag, 7.09.2019

Die Frage, ob er ein hohes Amt in Berlin übernehmen will, hat Friedrich Merz schon mehrmals in etwa gleichtlautend beantwortet: „Diese Frage stellt sich derzeit nicht.“ Also dann mal anders: Mal angenommen, Herr Merz, Sie würden morgen Bundeskanzler und hätten drei Wünsche frei, was würden Sie direkt verändern?

Friedrich Merz: Es gibt aus meiner Sicht, ganz unabhängig von jedem Regierungsamt, eine Reihe von Themen, die dringend angepackt werden müssten, und dazu gibt es dann auch eine gewisse Reihenfolge. Meiner Sicht nach hat oberste Priorität der Zusammenhalt in Europa, denn ohne Europa
wird auch uns Deutschen in der Welt des 21. Jahrhunderts nicht viel gelingen. Zweitens würde ich mir wünschen, dass wir in Deutschland endlich zu einem vernünftigen Konsens zwischen Wirtschaft und Umwelt kämen. Und drittens würde ich gern sehen, dass die ländlichen Räume – so wie das Sauerland – auch in Zukunft gute Bildungs- und Berufschancen für junge Menschen bekämen.

„Wir sollten aus deutscher Sicht allerdings nicht meinen, gleich die ganze Welt retten zu können.“

In den weiteren Ausführungen des Interviews geht Friedrich Merz bei den Fragen der jungen WOLL-Redakteurinnen Carla Wengeler und Stepyh Kesting vor allem auf die Situation der Menschen im Sauerland ein.

WOLL: Bei uns im Sauerland ist das Waldsterben aktuell ein großes Thema.
Macht sich das auch deutschlandweit in der Wirtschaft bemerkbar? Was könnte Ihrer Meinung nach dagegen unternommen werden?
Friedrich Merz:
Die Belastung unserer Natur mit den Folgen unserer Lebensweise und dem zu großen Ressourcenverbrauch ist natürlich ein Thema, das sich überall bemerkbar macht. Deshalb wird die umweltpolitische Debatte ja auch mit so großer Leidenschaft geführt. Wir sollten aus deutscher Sicht allerdings nicht meinen, gleich die ganze Welt retten zu können, wenn wir bei uns nur alles richtig machen, was immer denn „richtig“ sein mag. Wir sollten aus meiner Sicht vor allem den Anspruch haben, technologisch einen Beitrag zur Lösung der Probleme zu leisten, also zum Beispiel mit moderner Kraftwerkstechnologie, mit Anlagen der Wind- und Sonnenenergie und mit moderner Abgasreinigung weltweit Angebote zum besseren Umweltschutz
unterbreiten.

WOLL: Wie bewerten Sie die „Friday for Future-Bewegung“? Was denken
Sie über den Klimawandel und seine Folgen?
Friedrich Merz:
Ich finde es zunächst einmal gut, dass sich junge Menschen
politisch wieder mehr engagieren. Das üttelt die Gesellschaft auf und löst
Diskussionen aus. Und solange die Teilnehmer an den Demonstrationen
sich nicht einseitig parteipolitisch instrumentalisieren lassen und solange sie bereit sind, auch zuzuhören, also in einen echten Dialog einzutreten, bringt uns diese Bewegung gedanklich und politisch ja auch weiter. Der Klimawandel ist im
Übrigen ein sehr ernsthaftes Thema, der auch die Lebensräume in unserer Region betrifft, und deshalb sind politische Entscheidungen dringend notwendig. Sie müssen aber tatsächlich etwas bewirken und dürfen nicht nur aus Symbolpolitik bestehen.

WOLL: Thema Windkraftanlagen: Gerade hier bei uns im Sauerland stehen sie sehr in der Kritik. Ich habe mir die Frage gestellt, ob Windkraftanlagen nicht einfach nur ein enormes Imageproblem haben. Was meinen Sie dazu?
Friedrich Merz:
Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Windkraftanlagen
unser Landschaftsbild erheblich beeinträchtigen, und es gibt Standorte, da passen sie einfach nicht hin. Trotzdem brauchen wir die Anlagen in einem gewissen Umfang, denn sie sind längst Teil unserer Energieversorgung. Also
gilt auch hier: Es muss ein vernünftiger Interessenausgleich geschaffen werden, bei dem auch auf das äußere Erscheinungsbild unserer Kulturlandschaft
Rücksicht genommen wird.

WOLL: Bleibt dem Nachwuchs vom Lande nur die Flucht in die Stadt?
Friedrich Merz:
Nein, da bin ich völlig anderer Meinung. Natürlich gehen viele
zum Studium oder zur Ausbildung in die großen Städte, aber die beruflichen
Möglichkeiten in den ländlichen Regionen sind richtig gut. Wir haben sehr gute Betriebe mit großen Karrierechancen, wir haben überwiegend gute Schulen, Sport und Freizeit haben einen hohen Wert und wir bewegen uns fast staufrei zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. Da wollte ich mit den Ballungsräumen nicht tauschen. Verbessern müssen wir sicher beständig das kulturelle Angebot, aber auch das kann sich vielerorts sehen lassen.

Das vollständige Interview steht im aktuellen WOLL-Magazin Arnsberg/Sundern/Ense und Schmallenberg/Eslohe.

Das Interview führten Carla Wengeler, Volontärin beim WOLL-Magazin, und Stephy Kesting. Sie trafen sich mit dem bekannten Sauerländer Wirtschaftsfachmann und Politiker und haben mit ihm über seine Identität als Sauerländer, über die Umwelt und die Themen Karriere, Familie und Bildung auf dem Lande unterhalten.

Friedrich Merz
Friedrich Merz mit den WOLL-Redakteurinnen Stephy Kesting (links) und Carla Wengeler (rechts)