Hundertwasser im Möhnetal

Künstler mit Weltruf verbrachte 14 Tage in Sichtigvor

🖊️ Helmut Fröhlich  📷 Privat

Die Region an Möhne und Haarstrang lockt dank ihrer idyllischen Lage immer wieder bekannte Künstler an. Einer von internationalem Weltruf war Friedensreich Hundertwasser, der eine kurze Zeit lang in Sichtigvor beheimatet war. Der Text von Helmut Fröhlich (aus dem Jahrbuch des Heimatkalenders Kreis Soest 2012) erzählt die Geschichte von Hundertwasser im Möhnetal:

14 Tage lang Hundertwassers Zuhause: Das Haus „auf dem Schützenkamp“ in Sichtigvor

Im Sommer 1958 hatte sich Friedrich Stowasser, so war sein bürgerlicher Name, bereits als Maler und Künstler etabliert. Er hatte sich ein Jahr zuvor am Rande der Normandie ein Bauernhaus gekauft, kein repräsentatives Gebäude, nicht viel mehr als ein steinernes Gehöft. Friedrich war ein Einzelgänger, er liebte das Alleinsein inmitten der Natur. Um diese Zeit war er bereits durch erste Ausstellungen bekannt geworden, er hatte einen Vertrag mit einer Galerie in Paris, die seine Werke verkaufte. Die Mutter Elsa lebte in seiner Geburtsstadt Wien, seinen Vater Ernst lernte Friedrich nicht kennen, dieser starb bereits 1929, als der Sohn noch nicht einmal ein Jahr alt war. Nach der Matura, dem österreichischen Abitur, und einigen Monaten Kunstakademie in Wien begann sein rastloses schöpferisches Wirken. Friedrich reiste viel, es hielt ihn nicht lange an einem Ort. Er lebte zu Beginn der 1950er Jahre „von der Hand in den Mund“, seine Malutensilien hatte er stets im Gepäck. Jede freie Minute, gleichgültig wo, nutzte er um zu malen. Den Kontakt zu dem Vielreisenden hielt neben seiner Mutter insbesondere seine Tante Gisela Krech (geborene Scheuer), die in Berlin lebte, aufrecht. Elsa Stowasser und Gisela Krech waren Geschwister. Die Mutter der Scheuer-Geschwister stammte aus einer jüdischen Familie, nach den Nürnberger Rassegesetzen waren Else und Gisela „Mischlinge ersten Grades“. Nur mit viel Glück hatten die zwei die Gräuel des Nationalsozialismus überlebt, während zwei weitere Schwestern in Konzentrationslagern umkamen.

Auf Empfehlung von Oma Gisela Krech ging es ins Möhnetal

Eleonore, die Tochter von Gisela Krech, heiratete 1942 Walter Stiassny. Walter und Eleonore Stiassny wohnten mit ihren Kindern Martin, er kam 1943 in Berlin zur Welt und Brigitte, sie wurde 1945 in Wien geboren, „auf dem Schützenkamp“ in Sichtigvor.

Im Juli 1958 verbrachte Hundertwasser, nach der Akademieausbildung in Wien hatte er diesen Künstlernamen angenommen, auf Empfehlung von Oma Gisela Krech in Berlin 14 Tage bei seiner Cousine Eleonore in Sichtigvor. Hier reiste er aus La Picaudière in Frankreich kommend eines Tages mit einem roten Renault Dauphine an. Familie Stiassny nahm ihn wohlwollend auf. Ein Zimmer stand ihm zur Verfügung. Onkel Fritz, so wurde er liebevoll von der Familie Stiassny genannt, war ein Sonderling, aber überaus gutmütig und liebenswert. Zum Leben benötigte er nicht viel. Martin Stiassny, damals 15-jähriger Oberschüler erinnert sich an diesen Besuch noch sehr gut: „Ich glaube, er besaß nur eine Hose aus einem Flanellstoff mit grau-schwarzen Längsstreifen. Den Autoschlüssel hatte er mit einem Bindfaden fest mit dieser Hose verbunden. Das entdeckte ich, als er mich in seinem Renault zur Tankstelle Puppe mitnahm.“

Hundertwasser wohnte bei seiner Cousine Eleonore Stiassny in Sichtigvor

Im Haus Stiassny in Sichtigvor zog er sich in sein Zimmer zurück und malte, ununterbrochen, den ganzen Tag. Eine Staffelei benötigte er nicht, ein großer ausziehbarer Tisch reichte ihm. Martin Stiassny schaute ihm gelegentlich bei der Arbeit zu, wenn er neben Schule und sportlicher Betätigung Zeit dazu fand. Ein Gespräch zwischen Martin und Onkel Fritz kam dabei nicht zustande. Friedrich Hundertwasser lebte in „seiner Welt“, es war nicht leicht, an ihn heranzukommen. Er malte um diese Zeit flächenhafte abstrakte Kompositionen, in denen der Spirale als Symbol des Lebens und des Todes eine besondere Bedeutung zukommt. In den 14 Tagen in Sichtigvor lebte Friedrich Hundertwasser abgeschottet, nur wenn er zum Essen gerufen wurde, verließ er seinen Arbeitsplatz, gelegentlich auch dann, wenn er zum Anrühren neuer Farben seine Cousine Eleonore um ein paar rohe Eier bat. Das alles vollzog sich wortkarg. Doch eines Tages schöpfte Eleonore Stiassny Hoffnung auf mehr Kommunikation mit ihrem Vetter. Fritz lieh sich von ihr einen Kamm. Wenn sie nun geglaubt hatte, er würde sein Äußeres damit pflegen und man könne mit ihm gemeinsam einen Spaziergang durch den Ort wagen, dann sah sie sich bald getäuscht. Fritz verschwand mit dem Kamm in sein Arbeitszimmer, strich sich damit durch seinen Bart um ihn statisch aufzuladen und hob dann mit dem Kamm ein hauchdünnes Stückchen Blattgold von einem kleinen Block, um es auf die frische Farbe seines Bildes zu übertragen.

Augenwaage IV entstand im Möhnetal

Martin Stiassny erinnert sich: „Beeindruckt hat mich, dass Onkel Fritz gleichzeitig an mindestens drei Bildern malte. Er legte eins beiseite, das andere über eine Stuhllehne zum Trocknen, um ein drittes einfach mit einem anderen Motiv zu übermalen. Dann wiederum wischte er alles mit einem Lappen ab und begann erneut. Ich wusste nie, wann hat er ein Bild fertig, wann hat er es nicht fertig.“

Ein Bild jedoch vollendete Friedrich Hundertwasser in Sichtigvor: Augenwaage IV. Er signierte es so wie er es um diese Zeit bereits pflegte, mit Datum und Ort: „Juli 1958 Sichtigvor/Möhne“. Übrigens, seinen Vornamen Friedrich änderte er erst später um in Friedensreich und zwar nach seinem Japanaufenthalt. Bleibt noch nachzutragen, dass die Tante des Künstlers, Gisela Krech, ihre letzten Lebensjahre im Möhnetal in der Familie ihrer Tochter Eleonore und Walter Stiassny verbrachte.