🖊️ 📷 Frank Stratmann

In einem Werbefilm zeichnet ein Hersteller von Produkten zur Bewältigung männlicher Gesichtsbehaarung, ein neues Bild des modernen Mannes. Klischeehaft werden in dem Spot zunächst gesellschaftlich in die Kritik genommene Eigenschaften von Männern aufgegriffen. Plump nach Frauen gaffende Männer. Väter, die Ihre Söhne beim Raufen anfeuern. Ein Mob Halbstarker, der andere online verbal fertig macht. Brutal inszenierte Verhaltensmuster vollbärtiger Männer, die spalierhaft hinter rauchenden Grills salutieren, werden der eigentlichen Botschaft des Films vorangestellt. Dabei markieren die holzschnittartigen Überzeichnungen einen Generationenkonflikt.

Im Windschatten der MeToo-Bewegung wird das Stück in sozialen Medien fleißig geteilt. Mit dem Ergebnis, dass sich die Marketingverantwortlichen nach der Rasur alter Zöpfe zum vorherrschenden Männerbild mit dem eigenen Rasurbrand beschäftigen müssen. Denn der Film sammelt fünfmal mehr negative als positive Bewertungen auf einer Videoplattform. Sind da Machos am Werk? Nein. Die überwiegend männlichen Kommentatoren sind sich einig, dass Werbung für männliche Kosmetik eine Bewegung wie MeToo nicht kapern sollte. Die kommt schließlich von Frauen, die offen über Belästigung und Gewalt durch Männer berichteten.

Nach MeToo ist die Welt eine andere, behaupten auch die Macher des Streifens. Der Film schwenkt im zweiten Teil auf das Beste im Mann, und die allzu vertrauten Szenen raufender Cowboys werden ausgetauscht. Einige Männer, die die Gezeitenwende für die neue Männlichkeit bereits erkannt haben, ermutigen andere Männer, ihre Verantwortung zu erkennen. Sie sind Vorbild und leben vor, was die Welt jetzt braucht. Männer, die sich der eigenen Verletzlichkeit bewusst sind und sich mutig schlichtend und kooperativ würdigend zeigen. Brauchen wir Männer eine Aktualisierung unseres Selbstbildes?

Denn die Jungen, die heute das Beste sehen, sind die Männer von morgen.
Bei uns im Sauerland scheint es das neue Männerbild schwer zu haben. Ein bärtiger Mann hierzulande weiß schließlich noch, wie man Holz hackt und Feuer macht. Andererseits wird sich auf Schützenfesten weniger geprügelt als früher. Der neue Stammtisch heißt WhatsApp und dort wird munter dem alten Paradigma gefrönt. Stammtische finden nämlich neuerdings in der Woche statt. Weniger nach dem sonntäglichen Kirchgang, um die Welt mit Verbalattacken zu penetrieren. Und häufiger bei Apfelschorle und alkoholfreiem Bier.

Kommt nach der Frau im Hosenanzug, die der bessere Mann sein wollte, jetzt der Mann, der sich weichspülen lässt? Will keiner. Nicht einmal die Frauen. So sehr wir uns an kinderwagenschiebende Jungmänner gewöhnt haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass Frau und Mann unterschiedliche Pole besetzen. So ziehen sie sich an. Die neue Männlichkeit aber hat das kriegsauslösende Ego im Griff. Der Jäger und einstige Fels in der Brandung müssen sich nicht auflösen, weil er sich bewegt. Um seiner selbst willen und um zum Besten zu werden in seiner Beziehung mit der Welt. Ist das männlich? Ja. Aber wir trauen uns noch nicht ganz die Waffen niederzulegen.

Worunter heutige Männer leiden ist das, was der Werbespot zeigt. Der Zwiespalt, sich bewusst neuen Tugenden zuwenden zu wollen und dem Männerbild, das mit Kriegsgeschrei der Welt seinen Stempel aufdrücken soll. Dieses Weltbild wurde noch den Großvätern der heute Vierzigjährigen anerzogen. Das ist gerade einmal zwei Generationen her. All das Wehrhafte und Laute steckt im kollektiven Gedächtnis und in unserer Erziehung. Der gesellschaftliche Wandel braucht noch mindestens eine weitere Generation. Aber diese Generation ist schon unter uns.

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien. Der Soziologe Niklas Luhmann zeigt uns Mitte der Neunziger Jahre, wie Medien, längst Teil unserer Realität, in Ihrer Wirkung diese Realität beeinflussen. Unter Massenmedien verstehen wir die mit der Einführung des Buchdrucks begonnene Entwicklung, Inhalte in der Art zu verbreiten, dass sie von möglichst vielen Menschen wahrgenommen werden können. Heute leisten das Smartphones und jeder macht mit. Sozial vernetzt teilen wir männliche Nostalgie und zelebrieren im WhatsApp Status ein altes männliches Paradigma.

Wollen wir Männer uns gefallen lassen oder uns gar weiterhin beteiligen, wie wir von der medialisierten Gesellschaft als kriegslustige, laut pfurzende Grillmeister mit Flasche Bier an der großen Fresse vorgeführt werden? Wir Männer verändern uns, um die Alten zu bleiben. Dazu braucht es mehr Bewusstsein, worauf es künftig ankommt, ohne uns als Männer in Frage zu stellen. Mein Vorschlag an die Väter heute. Sprecht doch mal mit euren Söhnen, wie sie sich als Mann in der Zukunft sehen. Mit oder ohne Bart. Ist doch egal, wer den längsten hat. Bart meine ich.