🖊️ Anne von Heydebrand  📷 Thomas Weinstock/Kreis Soest/Privat

Die Geschichte von Regionen, die auszusterben drohen, wurde schon oft erzählt. „Landflucht“ ist ein Begriff, den wir aus der Zeit der Industrialisierung kennen, doch heute ist er aktueller denn je. Auch der Kreis Soest wird nach einer neuen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Jahr 2035 knapp fünf Prozent weniger Einwohner zählen als heute. Die Zahl scheint zwar im Vergleich relativ klein, aber oft sind es die jungen Leute, die es in die Städte zieht. Und mit ihnen Talente, die für die Region wichtig sind. „Brain Drain“ ist der englische Begriff dafür und auch Frederick Cramer, Vorsitzender des Vereins „We love Warstein“ benutzt ihn, um vor der Abwanderung der Jugend zu warnen.

Von einer Bierlaune zum Kulturprojekt

Damit es gar nicht erst zu so einer – zugegebenermaßen – dunklen Zukunftsvision kommt, hat der 32-jährige Warsteiner zusammen mit seinen Freunden den Verein „We love Warstein“ ins Leben gerufen. Ein Verein, der vor allem junge Leute erreichen und Warstein für sie attraktiver machen soll. „Der Verein ist 2013 aus einer Bierlaune heraus entstanden. Wir haben uns überlegt, dass wir mal wieder ein Event brauchen, das alle Ortsteile miteinander verbindet. Mit gerade einmal zwei Wochen Vorlaufzeit haben wir ein Programm mit Akteuren aus der Region auf die Beine gestellt. Alles unter dem Motto „Frühshoppen“. Es wurde unfassbar gut angenommen und es kamen über 4.000 Besucher“, blickt Fredrick Cramer zufrieden zurück. „Wir wollten die Einnahmen und den positiven Spirit weiter für Warstein nutzen und haben kurze Zeit später den Verein gegründet.“ Aus 20 Abiturienten und Berufseinsteigern wurden in weniger als sechs Jahren über 100 Mitglieder. Die Aufgaben des Vereins sind vielfältig und in den ersten drei Jahren wurden verschiedene Projekte und Events für die jungen Warsteiner umgesetzt. Außerdem hat der Verein viel Arbeit ins Marketing investiert und neben Shirts und Tassen auch Postkarten designt und vertrieben. „Wir haben durch das Merchandising einen hohen Wiedererkennungswert und sind in unseren Aktionen sehr breit aufgestellt“, erklärt Cramer, der das Handeln des Vereins als „Social Entrepreneurship“ bezeichnet. „Wir versuchen einen gesellschaftlichen Mehrwert für die Region zu entwickeln, immer mit dem Focus junge Leute anzuziehen und zu begeistern“, so Kramer weiter.

Das sei allerdings nicht immer ganz leicht, gibt Frederick Cramer zu, doch der Verein gibt nicht auf und arbeitet seit 2017 mit der Berliner Initiative „Happy Locals“ zusammen. Mit Geschäftsführer Dimitri Hegemann, der mit dem TRESOR in Berlin einen der bekanntesten Techno-Clubs der Welt eröffnete, haben sie einen starken Partner an ihrer Seite. Hegemann und die Initiative „Happy Locals“ fördern Kultur- und Jugendkulturprojekte im ländlichen Raum, um so der Bevölkerungsabwanderung entgegenzuwirken.

Dritter Ort als Raum für Kreativität und Rückzugsort

Ein großes Anliegen ist dabei ein physischer Raum für die Jugendlichen, in dem sie sich ausleben können. „Es soll der Leerstand in den ländlichen Gebieten genutzt werden, um jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren einen Raum zu geben, in dem sie komplett ausrasten können. Sei es mit Musik, Handwerk oder auch einfach nur zum Abhängen. Es soll ein Rückzugsort geschaffen werden, den es so aktuell in Warstein nicht gibt“, erklärt der Vorsitzende des Vereins. Frederick Cramer nennt so einen Raum „Dritter Ort“, da dieser – neben Arbeit und Zuhause – ein weiterer Lebensmittelpunkt werden soll.

„We love Warstein“ hatte so einen Ort bereits gefunden. Im November 2017 unterschrieben sie den Mietvertrag für die Räume, in denen einst die Kult-Kneipe MEXX untergebracht war. Das FH3, wie sie ihren Treffpunkt nannten, wurde in mühevoller Arbeit selbst renoviert und das urbane Gefühl aus Berlin aufgegriffen. Auch die Außenanlagen wurden neu angelegt und es wurde viel investiert. Das FH3 wurde zu einem großen Erfolg und auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und gewürdigt. Nicht umsonst wurde „We love Warstein“ bereits der Ehrenamtspreis 2017 des Kreis Soests und der LWL-Jugendkulturpreis 2018 verliehen. Eine besondere Auszeichnung für den Verein und der Erfolg des FH3 bestätigte sie bei ihrer Arbeit. „Wir hätten jedes Wochenende die Räume vermieten und mit den Einnahmen die Kosten decken können. Allerdings gab es niemanden, der die Organisation übernehmen konnte. Das Team ist noch sehr jung und die Organisation ist ein Full-Time-Job“, muss Cramer zugeben, der die Arbeit für den Verein als Ehrenamt betreibt.

Der Dritte Ort geht für die Regionale 2025 ins Rennen

Im Januar dieses Jahres dann der Schock für den Verein und seine Mitglieder! Die Vermieterin kündigt den Mietvertrag, denn das gesamte Gebäude soll verkauft werden. „We love Warstein“ lässt den Kopf allerdings nicht hängen und nutzt die einmalige Gelegenheit, das Konzept weiter auszubauen. Der Dritte Ort geht als Förderprogramm für die Regionale 2025 ins Rennen. „Der Entwurf, wie die Räume weiterhin genutzt werden können, liegt bereits bei der Jury und die Resonanz auf unsere Ideen war durchweg positiv“, gibt sich Frederick Cramer optimistisch. So positiv, dass ihnen bereits von Landrätin Eva Irrgang der erste Stern für die „herausragende konzeptionelle Idee“ überreicht worden ist. Die erste Hürde ist somit geschafft und Cramer ist zufrieden: „Das zeigt uns einfach noch mal, dass unsere Ideen und Aktivitäten wirklich gesellschafts- und kulturfördernd sind, und dass dies auch gewürdigt wird. Wir sind kein gewöhnlicher Verein. Wir sind einzigartig.“

Für Frederick Cramer ist allerdings klar, dass in der Region noch viel mehr getan werden muss, um junge Menschen im Sauerland zu halten. „Es müssen mehr urbane Impulse gesetzt werden, die es hier lebenswert machen. Angefangen bei den Wohnimmobilien, die oft nicht modernisiert sind, bis hin zum kulturellen Angebot. Die Region hat genug Kapital, das nur in die Hand genommen werden muss“, ist sich der studierte Betriebswirt sicher und hat für die Zukunft noch eine weitere Vision. „Musik ist ein Element, mit denen man Leute ziehen kann. Ein großes Musikfestival hier in Warstein wäre doch mal ein Projekt für die Zukunft!“