Heimat ja! – Traumjob leider nein

Besonders schwierig eine Anstellung zu erhalten, ist es in der Medienbranche. Filmproduktionen, Werbeagenturen und Verlage, die ausbilden können und vor allem wollen, sind im Sauerland mehr als rar.

„Ich will auf jeden Fall in die Großstadt, wenn ich die Schule beendet habe!“ Auch wenn diese Aussage aktuell ist, trifft sie längst nicht auf jeden Jugendlichen zu. Viele junge Leute zieht es nicht in die Großstadt. Sie erkennen die Vorteile darin, eine Ausbildung oder einen Studiengang in der Nähe ihres Heimatortes zu absolvieren. Schwierig wird es jedoch, wenn
man einen Beruf erlernen möchte, der nicht in der näheren Umgebung angeboten wird.

Die Problematik auf dem Land
In speziellen Berufsfeldern suchen Betriebe auf dem Land nach bereits ausgelernten, qualifizierten Kräften. Besonders schwierig ist es zum Beispiel in der Medienbranche. Filmproduktionen, Werbeagenturen und Verlage, die ausbilden können und vor allem wollen, sind im Sauerland mehr als rar. Schulabgänger, die in diesem Bereich tätig werden möchten, werden vor die Wahl gestellt: ab in die Stadt und dort sein Glück versuchen oder zur Notlösung greifen und Plan B verfolgen. Meistens macht jedoch keine der beiden
Möglichkeiten richtig glücklich. Das Problem besteht in unterschiedlichsten Branchen, leider
auch für Absolventen einer erfolgreich abgeschlossenen schulischen Ausbildung, wie die des Chemisch-technischen Assistenten (CTA). Obwohl diese fundierte Ausbildung in der Nähe angeboten wird, ist später kaum eine Festanstellung zu bekommen. Dazu habe ich einen bereits ausgelernten, berufstätigen jungen Mann befragt.

Die Sicht eines Chemisch-technischen Assistenten
Walter (Name ist der Redaktion bekannt): „Was mich am meisten nervt, sind die wenigen Firmen im Sauerland, die CTAs einstellen und auch dementsprechend bezahlen. Viele Firmen suchen sich hier Arbeitskräfte aus, weil der Arbeitsmarkt für CTAs vollkommen
gesättigt ist. Viele, die mit der Ausbildung fertig sind, ziehen um, studieren oder
machen eine andere Ausbildung, da keine Stellen verfügbar sind oder die Fahrzeiten unzumutbar und/oder unbezahlbar sind. Da fallen mir spontan nur das „Fraunhofer Institut“ oder einige Brauereien mit eigenem Labor ein. Die verfügbaren Stellen sind aber dauerhaft besetzt. Eine zu bekommen, ist extrem schwierig. Wenn man dann etwas bekommen hat, ist ein Auto notwendig. Vor allem in der Industrie ist Schichtarbeit keine Seltenheit und die öffentlichen Verkehrsmittel decken die nötigen Zeiten in keiner Weise ab. Die vielen Verspätungen, Ausfälle und häufigen Umstiege machen das nicht besser. Bei
Distanzen zum Arbeitgeber, die nicht selten die 40-Kilometer-Marke knacken, ist also alleine der Arbeitsweg schon mitunter sehr teuer. Will man sich dann nebenher noch weiterbilden und muss abends oder am Wochenende zur Uni oder FH, kostet die ganze Fahrerei eine Menge Zeit und Geld. Ich fahre zum Beispiel jeden Tag mindestens 90 Minuten, insgesamt 80 bis 90 Kilometer. Das bedeutet: Hoher Verschleiß am Fahrzeug,
teure Versicherung und viel Spritverbrauch.“

Die Sicht einer Mutter
Marina (Name ist der Redaktion bekannt): „Auch aus familiärer beziehungsweise Elternsicht stellt das Verhältnis zwischen Nachfrage und Angebot keine Befriedigung dar. Wir wollen und sollen „Glaube, Sitte, Heimat“ vermitteln und scheitern schon in der Umsetzung nach Erhalt des Schulabschlusses. Manch einer könnte auch auf dem Land eine erfolgreiche Karriere starten, die nicht zwangsläufig und ausschließlich durch ein Studium auf den Weg gebracht werden muss. Stichwort Handwerk. Stichwort Pflege. Stichwort Traumberuf. Leider zeigen sich hier schon die ersten Grenzen auf. Es zählt eben nicht nur die
Möglichkeit, eine gute Grundausbildung zu erhalten, sondern einhergehend auch die Garantie, vor Ort zu arbeiten, gut zu leben und bleiben zu können. All das im Rahmen einer finanziellen Machbarkeit, von Anfang an. Die Doppelbelastung durch einen zweiten Wohnsitz, der vielleicht zusätzlich noch die Anschaffung eines Automobils erfordert, belastet den ganzen Familienhaushalt. Ausgehend davon, dass wir mit anderthalb Kindern pro Haushalt rechnen, im Sauerland wahrscheinlich mehr, reden wir hier auch noch von einer weiteren Doppelbelastung. Da bleibt nicht viel Raum für die Verwirklichung von Träumen oder Traumberufen und unsere Jugend muss sich zwangsläufig für eine ungewünschte Alternative entscheiden.“

Im Zusammenhang meines Berichtes möchte ich auch nochmal auf den besonderen Status Quo der Pflegeberufe eingehen. Dazu habe ich eine gesundheitlich angeschlagene Frau
interviewt, die das Ziel verfolgt, eine bereits genehmigte Umschulung zu absolvieren. Ihr Traumberuf ist der als Sozialpädagogin „Fachrichtung Kinder mit Behinderung“.

Berufswunsch Sozialpädagogin
Charlotte (Name ist der Redaktion bekannt): „Man sollte doch nach aller Kenntnis durch diverse Medien und Berichte glauben, dass es kein Problem darstellt, eine passende Stelle im sozialen Bereich zu bekommen: „Wir suchen. Wir brauchen unbedingt. Zukunft liegt in der Pflege.“ Weit gefehlt. Ist man im Spezielleren suchend, sieht es im Sauerland schon
ganz anders aus! Hier bieten die Schulen nur „Erzieher“ oder „Sozialassistent“ als Ausbildung in schulischer Form an. Also würde selbst hier nur Plan B möglich sein, es sei denn, man ist bereit, das soziale Umfeld und alles, was damit zusammen hängt, für die Berufung zu verändern. Im Zuge einer Umschulung ist das doppelt schwer, da man in fortgeschrittenem Alter einen ganz anderen Background hat.“

Und wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schreiben Sie uns! Vielleicht kommen Ihre Erfahrungen ebenfalls hier zu Wort.