„Meine Wurzeln. Meine Heimat. Mein Niederberndorf.“

Richard Göbel hat eine Menge zu erzählen.

Richard Göbel erzählt von seinem Leben und seinen Leidenschaften

Von Kerstin Thielemeier – Fotos: Sabrinity

Es gab sie tatsächlich, die Zeiten, in denen aus heutiger Sicht alles schwerer war. Wo Kneipe im Dorf und Kirche im Nachbardorf die wichtigsten Orte der Begegnung und
Erfindungen noch richtig revolutionär waren. Zeiten, in denen man in kleinen Dörfern unabhängige Wirtschaftsstandorte erlebte. Wer diese Zeiten kennt, der kann Geschichte
aufleben lassen und durch viele Erinnerungen eine spannende Zeitreise starten. Richard Göbel aus Niederberndorf ist einer von vielen Zeitzeugen, die sich sehr gut erinnern. Der
87-Jährige lebt seit seiner Geburt in seinem Dorf. „Unseren Familiennamen gibt es seit über 500 Jahren an diesem Standort“, berichtet er stolz. Er sitzt in seinem großen Haus
und erinnert sich an den Trubel seiner Kindheit und Jugend, als Oma, Opa, Vater, Mutter, Tante, Onkel und seine fünf Geschwister keine Langeweile zuließen.

„Das war ein wahres Wespennest bei uns. Hier war immer was los. An den langen und kalten Winterabenden trafen sich bei uns die Nachbarinnen zum Klönen, Basteln und Stricken“, erinnert sich Richard Göbel. In Niederberndorf hatte damals jede Familie Landwirtschaft mit Ackerbau und Viehzucht. So musste auch in den harten Kriegsjahren
keiner Hunger leiden. Für den kleinen Richard war es wie im Schlaraffenland. Die geschlachteten Tiere hingen auf den Höfen parat. „Wir haben dann als Kinder gerne die
Lümmerkes (Filets vom Schwein) gestohlen. Wenn wir entdeckt wurden, gab es richtig Hafer“, schmunzelt er. Und eigentlich sind sie immer entdeckt worden. Das war bitter. In Erinnerung wird ihm auch immer der Vorbeimarsch der russischen Kriegsgefangenen bleiben, die 1945 durch Niederberndorf zogen, da war er 13 Jahre alt. „Das vergisst man nicht.“

Schlachten und Wursten
In der Schule war er richtig gut, er gehörte zu den Besten. Seine Ausbildung absolvierte er an den Landwirtschaftsschulen in Altenhundem und Eslohe. Aber ein Studium kam aus finanziellen Gründen nicht infrage. Das bedauert er bis heute. Seine Arbeitskraft war zuhause gefragt. Nicht nur auf dem Feld wurde geschuftet. Für zwei D-Mark die Stunde konnte Richard Göbel mit dem eigenen Pferd in der Nachbarschaft beim Pflügen helfen.
Aber auch im Stall stand Arbeit auf dem Programm. Kühe, Schweine, Hühner und ein Pferd: „Viecher hatten wir genug.“ So lernte er schnell das Schlachten und Wursten. Vieles hat er sich selber beibringen müssen. Früher war es ganz normal, dass zuhause geschlachtet wurde. Von Dezember bis März war er im Dorf gefragt, mit seinem „Wandergewerbe“. Aber erst, wenn der Fleischbeschauer da war. Es hatte auch früher alles seine Ordnung. Von den geschlachteten Tieren wurde alles verwertet, teilweise eingekocht oder gepökelt im Salztrog – man hatte ja keine Kühlung. Oder das Fleisch kam auf den sogenannten Räucherboden – auch den hatte eigentlich jeder im Dorf. Für das Schlachten und Zerlegen bekam er fünf D-Mark. Fast 20 Jahre hat er als junger Mann sein Fachwissen in der Metzgerei Meckeln in Schmallenberg perfektionieren können. Das Metzgereihandwerk liebt er bis heute. 12 bis 15 Wurstsorten kann er noch ohne Rezept herstellen. Alle Zutaten hat er im Kopf.

Großes Glück
Eine weitere Leidenschaft von ihm ist neben dem Trompete-Spielen das Fotografieren. Er war noch ein kleiner Junge, als sein Onkel eines Tages eine Box mitbrachte. Sein erster Fotoapparat. Auch diese Kunst brachte der Autodidakt sich selber bei. Noch heute liegen
unzählige Fotografien in seinen Schubläden oder feinsäuberlich abgeheftet in Bildbänden. Ob Hochzeiten, Tiere, Natur oder Sportbilder – er war als Fotograf sehr gefragt. So fotografierte und schrieb er nicht nur für den Almanach und das Landwirtschaftliche Wochenblatt, auch für die WP waren seine Beiträge für den sportlichen Bereich gesetzt. Traurig wird er, als er von seiner Ehefrau erzählt: „Mein größtes Glück habe ich erst im Alter von 44 Jahren erlebt: meine Frau Maria – sie hat hier Urlaub gemacht und wir haben uns sofort verliebt. Unsere gemeinsame Tochter Christa lebt in Dorlar. Meine Maria fehlt mir so – sie ist vor zehn Jahren gestorben.“

In den 90er Jahren hat er zwölf Jahre in der Küche bei St.Georg gearbeitet. „In dieser Zeit habe ich viel über Menschen und Respekt gelernt“, berichtet Richard Göbel nachdenklich. Nachdenklich macht ihn auch die Entwicklung in Niederberndorf: „Früher hatten wir hier
alles: einen eigenen Schmied, Stellmacher beziehungsweise Wagenbauer, Imker, Bäcker, Tante-Emma-Laden, sogar ein Standesamt – alles da. Schnaps haben wir heimlich selber gebrannt und Tabak haben wir auch angepflanzt.“ Nicht zu vergessen – die Dorfkneipe Gasthof Gehres (ganz früher Mester). „Da war immer was los“, freut sich das Multitalent. Ob abends auf ein schnelles Bier oder am Wochenende, nachdem man zweimal am
Sonntag bei Wind und Wetter von Berghausen aus zur Kirche gekommen war – zu Fuß versteht sich. Obwohl die attraktive Wirtin in vielen Haushalten für Eifersuchtsszenen sorgte, war die Kneipe immer voll. Das gibt es aber heute alles nicht mehr. Die gemütliche, schöne und einfach unkomplizierte Zeit ist vorbei, bedauert Richard Göbel und gibt doch zu: „Feiern können die Niederberndorfer, das steht fest. 1949 haben wir unseren
Karnevalsverein gegründet. Der Festumzug ist nach wie vor ein Highlight im Dorf.“ Aber nicht nur darauf freut sich der Rentner einmal im Jahr. Auch seine über 200 Narzissenzwiebeln zaubern ihm ein Lächeln auf sein Gesicht: „Wenn sie blühen, ist es eine Pracht. Ich liebe es immer wieder, neue Sorten anzupflanzen. Sonst ist ja hier nichts mehr los!“