🖊️  📷 Bernh. Göbel

Wenn ihr Jungen und Mädchen in Ramsbeck und Andreasberg, in Wasserfall und Heinrichsdorf, in Berlar und Heringhausen glaubt, daß eure Väter und Großväter die Ersten gewesen seien, die die blinkenden Erze aus dem Bastenberg und Stüppel geholt haben, so seid ihr schlecht beraten. Schon lange bevor eure Dörfer standen, waren die fleißigen Wichtelmännlein eifrig tätig, die Schätze an Zink, Blei und Silber zu gewinnen.

In der Zeit ist einmal das Söhnlein des Zwergenkönigs durch einen Felsspalt nach draußen geschlüpft, um mit den flinken Eidechsen zu spielen, die ihr ja heute noch häufig im Heidekraut des Stüppels antreffen könnt. Ganz eigenmächtig ist der Zwergenprinz in das Sonnenreich hinausgegangen, denn sein Vater war gerade in den Schatzkammern tief unten im Berg, um die Schätze zu zählen. So hat der Zwergenprinz großes Unheil über das Zwergenvolk gebracht. Während er gerade eine Eidechse erhascht und schnell sein blitzendes Krönlein darüber gedeckt hatte, damit sie ihm nicht so schnell entlaufe, da fiel ein mächtiger Schatten über das spielende Zwerglein. Und als es aufsah, ob etwa eine dunkle Wolke die Sonne verdecke, da – o Schreck! – sah es einen Risen durch den hohen Tannenwald stapfen. Schnell sprang es in die Felsenspalte, um zu sehen, wo er bleibe.

In der Eile hatte er aber sein blinkendes Krönlein vergessen. Das stach nun dem Riesen gewaltig ins Auge. Er hob es auf und streifte es als Ringlein über den Finger. Er wollte schon weiter stapfen ins Tal der rauschenden Valme, als ihn das Zwergenprinzlein aus der Felsenspalte anrief und sein Krönlein zurückforderte. Der Riese aber lachte es aus, daß die Bäume sich schüttelten. Dann rief er: ,,Ich bin der Riese Dörn. Schaff mir noch mehr her von dem Silber, du kleiner Wicht, oder ich breche eure Schatzkammer auf!“ Da mußte aber das Zwerglein lachen. ,,Du willst unsere Felsenkammer aufbrechen?“ rief es und lachte keck den Riesen aus, daß es silberhell erklang wie das lustige Plätschern der Bilmecke, wenn sie über die Steinbrocken abwärts springt. (So keck sind die kleinen Jungen ja auch heute noch in dieser Gegend!)

Da überkam den Riesen ein gewaltiger Zorn. Schnell griff er in die Spalte. Aber ehe seine große Tatze den weiten Weg gemacht hatte, war der Kleine schon längst im Berg verschwunden. Das steigerte die Wut des Riesen noch mehr. Mit gewaltigen Fäusten riß er die Felsbrocken aus den Seiten der Spalte und warf sie mit starkem Schwung hinter sich. Immer mehr Brocken flogen durch die Luft; eine ganz tiefe Delle riß er in den alten Leib des Stüppels, so daß heute das Dörfchen Dörnberg mit Häusern und Gärtchen bequem Platz darin hat. Die Felsbrocken aber könnt ihr noch heute über den Häusern von Andreasberg drohend am Berg hängen sehen.

Die Zwerglein im Berg hörten mit Schrecken das fürchterliche Poltern und Rumoren. Schnell rafften sie all ihre Silberschätze zusammen und flüchteten durch einen Spalt nach der entgegengesetzten Seite ins Elpetal. Unter den mächtigen Wurzeln alter Eichen und Buchen haben sie hier gehaust, weshalb das Örtchen auch Wichtelinghausen hieß. Heute heißt es Wiggeringhausen. Ob da noch Schätze im Acker zu finden seien, möchtet ihr wissen? Ganz sicher sind dort noch Schätze im Acker. Man müßte schon fleißig hacken und graben, dann wird man sie finden. Das aber ist sicher: Noch heute finden hier die Jungen in dem vom Pflug aufgerissenen Boden Scherbenreste von alten Tonkrügen. Das sind die Krüge der Wichtelmännlein gewesen, mit denen sie das Wasser aus der Elpe geschöpft haben.

Aber die Zwerglein hätten damals gar nicht zu fliehen brauchen. Als der Riese Dörn sich die Fäuste an den scharfen Felskanten blutig gerissen hatte, wollte er sie sich in der flinken Bilmecke waschen. Da entdeckte er, daß das Krönlein von seinem Finger verschwunden war. Wahrscheinlich ist es bei der schweren Arbeit zerbrochen und dann, als er die schweren Felsbrocken hinter sich schleuderte, im Schwung vom Finger geglitten. Da ist er ganz verärgert gewesen. Er soll nach dem Wilzenberg gezogen sein. Das Krönlein aber muß noch immer irgendwo am Hang des Stüppels liegen. Wenn an hellen Sommertagen die Sonne auf dem Berg liegt, dann sieht man es wohl vom Tal aus blitzen und blinken: Kommt man aber hin, um es aufzuheben, so kann man es nicht finden.

Ob die Wichtelmännlein wieder in den Berg gezogen sind? Man weiß es nicht genau. Zwar erzählen die Bergleute, daß sie in den weiten Gängen oft ein leises, silberhelles: ,,Pick, Pick“ gehört haben. Das sollen die Hämmer der Wichtelmännlein sein, die hier Silbererze brechen, heute wie vor undenklichen Zeiten. Mancher Bergmann lacht darüber und meint, das seien Wassertropfen, die vom Hangenden in die kleinen Tümpel fallen. Wer weiß!