Ein Leben für den Glauben

Zufriendenheit und Besinnlichkeit hinter Klostermauern

Von Heike Schulte-Belke – Fotos: Heidi Bücker

Steht man vor dem großen, gläsernen Eingangsbereich, so hat man nicht unbedingt den Eindruck, dass man vor einem Kloster steht. Doch als die junge Ordensschwester, die uns bereits erwartet hat, die Tür des Bergklosters Bestwig öffnet und uns freundlich hineinbittet, wird klar: An diesem Tag und an diesem Ort wird es sicher viele neue Eindrücke geben, die das Leben hinter Klostermauern erklären und verständlicher machen. So zumindest geht es uns, denn neben vielen Fragen zum Alltag und zur Lebensweise der
Ordensschwestern steht eine Frage im Vordergrund: Was bewegt eine junge Frau dazu, in einen klösterlichen Orden einzutreten und sich damit ganz und gar auf diese Lebensweise einzulassen? Schwester Judith, früher Jasmin Beule, kommt gebürtig aus Schmallenberg und lebt seit 2015 im Bergkloster Bestwig. Sie ist mit 27 Jahren die jüngste von etwa 80 Schwestern in der Ordensgemeinschaft in Bestwig, insgesamt sind es in Deutschland
168. Ihre sprühende und lebensbejahende Art verbreitet sofort eine angenehme Atmosphäre. Nach einem kleinen Rundgang durch das Kloster lädt sie uns in einen Gesprächsraum mit freundlich gedecktem Tisch ein, denn heute will sie uns einen Einblick
in ihr Leben geben und unsere Fragen beantworten.

WOLL: Wie kam es dazu, dass Sie in diesen Orden eintraten?
Schwester Judith: Ich war in Schmallenberg schon immer sehr aktiv als katholische Christin, ob als Messdienerin, in der katholischen öffentlichen Bücherei, bei der Jugendkirche oder in der Jugendarbeit. Dann suchte ich nach einer christlichen Schule und machte eine Ausbildung zur Kinderpflegerin und Erzieherin am Berufskolleg Bergkloster Bestwig. Damals wohnte ich in einem Mädchenwohnheim und konnte an Gebetsfeiern im Kloster teilnehmen, so kamen erste Kontakte zustande. Nach und nach lernte ich das Mutterhaus der europäischen Provinz der Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel besser kennen und wurde dann 2012 Kandidatin. Das heißt, man hat eine freiwillige, lockere Anbindung an den Orden, wohnt aber noch nicht ganz im Kloster. Durch die
Kontakte ist aber der Wunsch immer mehr gewachsen, in den Orden einzutreten. Ich konnte mich sehr gut mit der Ordensgründerin Maria Magdalena Postel identifizieren und
mein Wunsch war es immer, unter den Menschen zu sein.

WOLL: Wie reagierten Familie, Freunde und Bekannte, als Sie den Entschluss fassten, ins Kloster einzutreten?
Schwester Judith: Die Idee dazu ist ja gewachsen und durch die Kandidatur waren sie vorbereitet. Dennoch haben meinen Entschluss manche zuerst nicht verstehen können. Schon bei der Aufnahme ins Noviziat 2016, spätestens aber 2018 bei der Ordensprofess, der öffentlichen Ablegung des Glaubens- und Ordensgelübdes, haben alle gemerkt, dass es für mich genau der richtige Weg ist.

WOLL: Warum legt man im Kloster seinen Vornamen ab und warum heißen Sie nun Schwester Judith?
Schwester Judith: 2016 wurde ich ins Noviziat aufgenommen und damit bekommt man seinen Ordensnamen. Man kann mehrere Wunschnamen äußern, von denen einem einer zugeteilt wird. Mein erster Wunsch war Judith, denn die biblische Judith war eine starke Frau und sie hatte immer Gottvertrauen. Das erinnerte mich an unsere Ordensvorbilder.

WOLL:
Wie war der Weg vom Eintritt in den Orden bis heute und wie geht es weiter?
Schwester Judith: Die Ordensausbildung dauert fünf bis neun Jahre. Nach den drei Jahren Kandidatur – die freiwillige Kandidatur zählt noch nicht offiziell dazu – wurde ich 2015 ins Postulat aufgenommen. Mit dem Einzug ins Kloster geht man alle vorgegebenen Verpflichtungen ein, die Wohnung und vieles andere muss aufgegeben werden. Nach weiteren sechs bis neun Monaten wird man ins zweijährige Noviziat aufgenommen, das war bei mir 2016. Im Herbst vergangenen Jahres war das Noviziat beendet und es begann die erste Profess. Dabei bekennt man sich durch das erste Ordensgelübde für die nächsten zwei Jahre zur Gemeinschaft – man bekommt ein Kreuz, einen Ring und einen schwarzen Schleier. Eine weitere zeitliche Profess erfolgt dann für drei Jahre, bevor man die ewige Profess gelobt. Einen Tag nach Ablegung der Profess bin ich zum Studium nach Berlin gegangen, um an der Humboldt-Universität Deaf Studies zu studieren, ein Studiengang mit Fachrichtung Gebärdensprache und Gehörlosenkultur. Da ich selbst eine Hörbehinderung habe und es für gehörlose Menschen immer noch große Barrieren gibt, möchte ich dort aktiv werden. Das Studium dauert voraussichtlich sechs Semester. Es vermittelt fundierte Kompetenzen für die pädagogische, therapeutische, sprachpraktische und beratende Tätigkeit mit Hörgeschädigten. Ich möchte in der Gehörlosenseelsorge tätig werden und als
Gebärdensprachdolmetscherin arbeiten, wozu ich noch den Master machen oder einen anderen speziellen Kurs beziehungsweise ein Studium für Hörgeschädigte absolvieren
müsste.

WOLL: Wie sieht ein Tag im Kloster aus?
Schwester Judith: Zuerst einmal leben wir nach der Lebensordnung, das heißt: Gehorsam, in evangelischer Armut und Keuschheit. Auch die Werke der Barmherzigkeit spielen immer eine große Rolle in unserem Leben. Zum Tagesablauf zählen regelmäßige Gebetszeiten, Anbetung, Messen, Ordenstheologie, Küsterdienste und andere Aktivitäten, jeder hat seine Aufgaben. Die jüngeren Schwestern arbeiten in ihren Berufen, die älteren packen überall mit an, wo Bedarf ist. Jeder setzt sich mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten ein. Wenn für mich persönlich bei allem noch Zeit ist für Freizeit, dann lese ich gern oder spiele Flöte, und ich brauche auch meinen Sport. Es sind schon viele Sportarten erlaubt. Vor dem Morgengebet gehe ich oft joggen und im Rahmen des Hochschulsports habe ich wieder mit dem Kampfsport begonnen, das habe ich vor meinem Klostereintritt immer gerne gemacht.

WOLL: Was fasziniert Sie besonders an der Ordensgemeinschaft und was ist für Sie eine Erfüllung?
Schwester Judith: Geradlinigkeit des Herzens hat die Gründerin verlangt und ihr Leitsatz hat mir besonders gefallen: „Die Jugend bilden, die Armen unterstützen und nach Kräften die Not lindern.“ Danach möchte ich leben. Denn sieht man die Nöte der Zeit, passt dieser Leitsatz immer wieder aufs Neue. Ältere Menschen, junge Menschen, Gehörlose und viele weitere brauchen Unterstützung. Das Leben in der Ordensgemeinschaft erfüllt mich, weil ich mit diesen Aufträgen in Gemeinschaft leben und glauben darf.

WOLL: Derzeit leben Sie in Berlin und sind nur selten im Sauerland. Was gefällt Ihnen besonders an unserer Region? Würden Sie woanders leben wollen oder war immer klar, hierher zurück zu kommen?
Schwester Judith: Ich hätte nie gedacht, nach Berlin zu gehen, aber dieses Studium war für mich aufgrund meiner Hörbehinderung nur dort möglich. Mein Wunsch ist es aber, wieder zurück ins Sauerland zu kommen und etwas Neues aufzubauen, aber das ist in „seiner“ Hand. Es ist so viel ruhiger hier als in Berlin und ich mag unsere Natur.

An der Uni in Berlin ist Schwester Judith die einzige Studierende in Ordenskleid und Schleier. Anfangs traute sich keiner so recht, sie darauf anzusprechen, doch schnell änderte sich das und ihre Studienkollegen gehen heute selbstverständlich damit um. Für Schwester Judith ist die Ordenskleidung ein äußeres Zeichen und sie trägt sie gern, daher war es für sie keine Frage, ob sie sie auch in der Uni tragen soll. Nach dem Gespräch bewundern wir die Ruhe und Zufriedenheit, aber auch die Bescheidenheit hinter den Klostermauern. Schwester Judith hat ihren Weg eingeschlagen und ihre Freude und
Begeisterung beim Erzählen zeigen, dass es der richtige ist. Denn wie bringt es die Schmallenbergerin auf den Punkt? „Der Weg geht weiter und jeder muss seinen Weg finden.“