🖊️ Philip Stallmeister  📷 Vereinsring Hirschberg/Philip Stallmeister

Umsäumt vom Arnsberger Wald auf einem Berg gelegen – die herausragende Lage Hirschbergs wusste schon Kurfürst Clemens August von Bayern zu schätzen. Der Jagdliebhaber und Kölner Erzbischof residierte regelmäßig im damaligen Schloss des Ortes und ließ dort große Jagdgesellschaften ausrichten. Nach dem Tod von Clemens August 1723 ließ das Interesse der Kurfürsten am Jagdsitz nach. Das Schloss wurde abgerissen. Trotzdem besitzt Hirschberg noch immer eine große Anziehungskraft und eine hohe Lebensqualität. Dafür sorgen auch die engagierten Bewohner des einstmals mit Stadtrechten privilegierten, heutigen Warsteiner Ortsteils. Sie stellen in Eigeninitiative viel auf die Beine.

Das ganze Jahr in Hirschberg wird geprägt von Veranstaltungen der lebendigen Dorfgemeinschaft: vom Frühlingsmarkt bis hin zum Weihnachtsmarkt. So werden Gäste aus nah und fern ins Dorf gelockt. Die Veranstaltungen werden alle aus eigener Kraft gestemmt, dank des guten Zusammenhalts im Dorf.

Die Stimmung war nicht immer bestens. Im Jahr 2010 wurde das Freibad und 2012 die Grundschule des Ortes geschlossen. Die Befürchtung war groß, dass nach und nach das Leben immer mehr aus dem idyllischen Dorf verschwinden würde, nachdem der Ort 2008 mit dem 700. Stadtjubiläum ein herausragendes Ereignis mit zahlreichen Höhepunkten und Gästen gefeiert hatte. Der zehntägige Festreigen blieb nicht nur nachhaltig in Erinnerung, sondern warf auch etwas ab. Mit der Errichtung einer Bürgerstiftung aus dem Erlös des Jubiläums haben die Hirschberger es geschafft, noch mehr Aktivität in den Ort zu bekommen. Statt aus dem Gewinn des Festes nur ein Projekt zu stemmen, wurde beschlossen mit der Stiftung Rücklagen für die Zukunft zu nutzen. „Wir haben ein Brainstorming gemacht und geschaut, wie wir den Trend stoppen könnten“, erklärt Burkhard Vitt vom Vereinsring Hirschberg. „Was die Veranstaltungen angeht, waren wir vorher schon recht aktiv. Es waren aber immer dieselben Leute im Einsatz“, ergänzt der langjährige Ortsvorsteher und jetzige Vorsitzende des Vereinsrings Franz Linneboden. Mit neuen Ideen und der Bürgerstiftung sind die Hirschberger breiter aufgestellt und haben bereits einige positive Ergebnisse vorzuweisen.

Bürgerstiftung sorgt für nachhaltiges Engagement

Mithilfe der Stiftung wurde unter anderem die Erstellung eines Bürgerradwegs angestoßen, der Hirschberg an das überörtliche Radwegesystem anbindet. Die Drachenschule, wo ehemals Grundschüler unterrichtet wurden, ist mittlerweile zur modernen Begegnungsstätte ausgebaut worden. Für Kleinkinder über Vereine bis hin zu den sehr aktiven Senioren des Dorfes – allen stehen die Türen offen. Manch einer scherzt in Hirschberg von der „Rentnerkrabbelgruppe“, wenn er über die Drachenschule spricht. Neben dem namensgebenden Hirsch ist der Drachen ein Symbol, das sich durch den Ort zieht. Den Spitznamen Drachen bekamen die Hirschberger aufgrund der Form ihres Berges.

Dabei sind die Bewohner alles andere als feuerspeiende Drachen. Sie begrüßen Neubürger mit offenen Armen und einem Paket wertvollen Infomaterials. Die Hirschberger harmonieren und koordinieren die Zusammenarbeit der einzelnen Vereine über den Vereinsring. Dieser besteht bereits seit 1976 und organisiert federführend die Veranstaltungen des Ortes. Die nächsten großen Projekte, die in Hirschberg anstehen, sind die Renovierung der Kindertagesstätte und die Renaturierung des ehemaligen Freibadgeländes. Für die Kindertagesstätte steht ein großer Schluck aus der Förderpulle bereit. Bereits jetzt geht von dem Gebäude ein Signal aus, das von den Jugendlichen des Dorfes sehr begrüßt wird. Im gesamten Zentrum von Hirschberg gibt es ein offenes, leistungsfähiges W-LAN. Innovative Ideen wie der einfache Zugang zum Internet entstehen durch gemeinsamen Gedankenaustausch wie beim Bürgerworkshop, der dazu verhalf, die Aktion „Hirschberg blüht auf“ zu reaktivieren. Die Gemeinsamkeit drückt sich auch über das Label „Hirschberg – natürlich im Sauerland“ auf. Nicht nur auf Schildern oder Aufklebern ist der Spruch überall zu lesen, viele Bewohner des Dorfes tragen ihn mit Überzeugung auf der Kleidung. Der Ort besitzt im alten Rathaus sogar einen eigenen Fanshop.

Die Arbeit in Hirschberg ist nachhaltig. Einige der Bürger haben sich zu ehrenamtlichen Klimacoaches ausbilden lassen. Für sie wurde eine eigene Wärmebildkamera angeschafft. „Wir hatten als Erste im Warsteiner Stadtgebiet eine Elektroladestation für Autos“, ergänzt Burkhard Vitt. Die Klimacoaches geben beispielsweise Tipps zum CO²-neutralen Kochen. Neben dem Blick Richtung Zukunft werden auch Traditionen gelebt. Die SGV-Abteilung Hirschberg zelebriert alle vier Jahre auf einer alten Kohlenmeilerstätte unterhalb des Ortes das alte Handwerk der Holzverkohlung. Dieses Event zieht auch zahlreiche Zuschauer an. Die Hirschberger schotten sich schließlich mit ihrem starken Zusammenhalt keinesfalls ab. Gastfreundschaft wird großgeschrieben. Vier Gasthöfe und ein Imbiss sowie zahlreiche Ferienwohnungen stehen bereit. Der Frühlingsmarkt lockt beispielsweise nicht nur Besucher aus dem ganzen Umland an. „Wir möchten den Händlern aus der Region eine Plattform bieten“, erklärt Vitt. Zur Rast für Wanderer rund um den Ort laden gemütliche Bänke ein, die zur Hirschberger Bank- und Wanderroute verknüpft sind. Erstellt wurden die Bänke vom Seniorentrio, das auch liebevoll „Bankrentner“ genannt wird.

Radfahrer begegnen der Hirschberger Wand mit viel Respekt

Man könnte meinen, dass somit alle Gäste gerne nach Hirschberg kommen. Doch es gibt bundesweit eine Gruppe, die dem Ort mit sehr viel Respekt begegnet. Das sind die Radfahrer. In deren Szene ist die Hirschberger Wand mit 33 Prozent Steigung berühmt-berüchtigt. Denn es heißt hier, ordentlich in die Pedale zu treten. Eine solche Steigung gibt es selbst bei den Bergetappen der großen Profi-Radrenn-Veranstaltungen nicht. Am 22. September führt die Sauerland-Rundfahrt zum Abschluss der Rad-Bundesliga wieder zwei Mal über die Hirschberger Wand. Hunderte Zuschauer werden den steilen Anstieg dann wieder säumen, was für die Radfahrer und Veranstalter ein Ansporn ist. Damit dieses Ereignis in und um Hirschberg reibungslos ablaufen kann, organisiert der Vereinsring Straßensperren und koordiniert die Helfer. Seit nunmehr 43 Jahren ist die übergreifende Organisation nunmehr ein Garant für ein aktives Dorfleben. Die Hirschberger wurden für ihr Engagement schon mehrmals belohnt und erhielten bei dem bundesweiten Dorfwettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ zahlreiche Auszeichnungen.