Warum heißt der Tittenberg bei Fleckenberg eigentlich „Tittenberg“?

Der Tittenberg bei Fleckenberg. Doch woher kommt der Name?

Eine Frage zum Schmunzeln, viele Antworten zum Staunen

Von Jens Feldmann – Fotos: Heidi Bücker

In sanft geschwungener Rundung erhebt er sich knapp über 450 Meter hoch in die Landschaft des Schmallenberger Sauerlands: der Tittenberg bei Fleckenberg. Ja, da sind sich alle Experten einig: Die Form kann den Namen des Berges motiviert haben. Es muss aber nicht so sein. Und schon ist man mitten drin in der spannenden Suche nach dem Grund, woher dieser immer wieder zum Schmunzeln Anlass gebende Flurname denn nun eigentlich herrührt: Tittenberg … Dass gleich mehrere Koryphäen auf ihrem Gebiet bemüht werden mussten und am Ende dennoch keine vollends schlüssige Antwort gegeben werden kann, spricht wohl für sich.

Dem Phänomen „Tittenberg“ war der Autor dieser Zeilen erstmalig in Bastian Struwes unterhaltsamer Wissenssammlung „Sollteste kennen: Unnütze Fakten ‚Sauerland’“ (www.
woll-verlag.de oder im Buchhandel) begegnet. Und das gleich zweimal, denn den Tittenberg gibt es noch mindestens ein weiteres Mal im Sauerland, nämlich bei Fretter im Kreis Olpe, nebst alljährlichem Hobby- und  ekenfußball-Turnier um den begehrten „Tittenberg-Pokal“! Aber, warum denn nun „Tittenberg“? Schaut man über unser Land der tausend Berge, so mag man sicherlich nicht wenige Erhebungen ausmachen können, die unzweifelhaft eine Form-Ähnlichkeit zu gewissen Hügeln ganz anderer Art aufweisen. Soweit so gut, aber das Naheliegende muss hier nicht der Weisheit letzter Schluss sein!

Der „Zeitberg“?
So hat der Fleckenberger Ortsheimatpfl eger Bruno Ermecke eine ganz andere Erklärung parat: Einst, so wurde es im Ort berichtet, stieg ein Fleckenberger auf jene Anhöhe, die sich zwischen Ober- und Niederfl eckenberg erhebt und hinter der die Sonne aufgeht, um
zu schauen, „ob es Zeit wäre“. Seit jenen Tagen des ausgehenden 15. Jahrhunderts wird der einstmals als „Fleckenberg“ bekannte Berg „Titenberg“ (so die bis ins 19. Jahrhundert gebräuchliche Schreibweise) bzw. „Tittenberg“ genannt. Wenn auch nicht überliefert ist, für oder zu was es Zeit sein sollte, hat sich im Fleckenberger Platt die Flurbezeichnung „Teytmerech“ erhalten, wobei „Teyt“ für „Zeit“ steht und „merech“ für „Berg“, man im Ort also vom Tittenberg als dem „Zeitberg“ gesprochen hat.

Hier meldet allerdings Werner Beckmann vom Sauerländer Mundartarchiv in Cobbenrode Zweifel an, denn eine derart abstrakte Bezeichnung als Flurname sei eher unwahrscheinlich, da für gewöhnlich weit eher konkrete Bezüge in die Benennung
eingeflossen seien. Wie zum Beispiel die Berge „Ziegenhelle“ (bei Züschen) oder „Kuhhelle“ (bei Altenhundem) so viel wie „Ziegenhang“ bzw. „Kuhhang“ bedeuten, also auf eine konkrete Nutzung verweisen. Beckmann äußert die Vermutung, dass die Fleckenberger Bezeichnung „Teytmerech“ eher eine Abwandlung des ursprünglichen Namens sein könnte,
möglicherweise auf Basis eines Verhörens oder Missverstehens. Der Fachmann für das Sauerländer Platt fügt hinzu, dass Erscheinungen in Flur und Gelände oftmals tatsächlich
auf Formähnlichkeiten verweisen. Heinrich Middendorf führe in seinem „Altenglischen Flurnamenbuch“ von 1902 aus, dass das in Abwandlung auch im Altenglischen vorkommende Wort „titte“ soviel bedeute wie „Zitze, Brustwarze, Brust; im Namen von Anhöhen auch ‚tit’, ‚Zitz’, Spitze“. Doch ist das Rätsel damit wirklich gelöst?

Der Berg des Dietmar?
Dr. Michael Flöer von der Universität in Göttingen und Frau Dr. Friedel Roolfs vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben sich beruflich intensiv mit Namenskunde auseinandergesetzt und knüpfen bei der Deutung des Namens Tittenberg genau dort an. Der Bestandteil „Titten“ in seinen unterschiedlichen Ausprägungen ist als Orts- bzw. Flurname alles andere als eine Seltenheit. Im Flurnamenarchiv des LWL finden sich dann auch gleich verschiedene Beispiele: Tittenbrink, Tittenthal, Titenkamp, Titekammer, Tittemecke, auch ein Tütenberg bzw. Tüttenberg. Und schaut man sich in unserer Region ein wenig um, stößt man zum Beispiel auch auf die Tittmecke, eine Quelle bzw. einen Wasserlauf bei Kirchveischede im Kreis Olpe.

Wie Dr. Flöer vermutet auch Dr. Roolfs, dass der Name seinem ersten Bestandteil nach auf einen Personennamen zurückgehen könnte, der möglicherweise im altsächsischen Wort „thioda“ wurzelt und die Bedeutung „Volk“ hat. Besagtes „thioda“ findet sich als Bestandteil von zweiteiligen germanischen Personennamen wieder, wie zum Beispiel in „Dietmar“ („ eudemar“) oder „Dietloff “ („ eudulf“). Als Kurzform der auf „thioda“ zurückführbaren Namen fi nden sich u. a. „Tiete“, „Tutt“,„Tittel“ oder eben auch „Titte“ oder „Titto“. In der Grafschaft Bentheim, zwischen Münster, Osnabrück und Enschede gelegen, finden sich die Flurbezeichnungen „Tittenkamp“ und „Tittenstegge“, die sich gesichert auf den Familiennamen von Dedem zurückführen lassen, ebenfalls von „thioda“ abgeleitet. Ließe sich also für den Tittenberg eine entsprechend lokal oder regional bedeutsame Person fi nden, welche die Benennung der Erhebung motiviert haben könnte? Gleiches müsste
dann aber auch entsprechend für den Fretteraner Tittenberg möglich sein. Beides würde zur Überprüfung ein tiefes Eintauchen in die Siedlungsgeschichte beider Orte verlangen, was für unsere kleine Reihe dann doch etwas zu viel des Guten wäre.

Von kleineren und größeren Erhebungen
Schauen wir noch mal aufs Plattdeutsche … Im Münsterländer Platt, einem „Nachbar-Dialekt“ des Sauerländer Platt, stößt man bezüglich der Bedeutung des Wortes „Titte“ auch
auf „Scharte“ bzw. „kleine Spitze“, verwendet dort, wo es zum Beispiel um den Zustand der Schneide einer Sense oder ähnlicher Gerätschaften geht. Entsprechend ließe sich die Hypothese formulieren, dass die verschiedenen „Tittenberge“ ihrer Bezeichnung nach als kleinere, höheren Erhebungen vorgelagerte Berge verstanden werden können, wie im Falle des Fretteraner Tittenbergs (413 m) in Relation zu den umliegenden Höhen des Dupp (476 m) und des Stolleshagen (517 m). Im Falle des Fleckenberger Tittenbergs (452 m) ließe sich die Schmallenberger Höhe mit ihren 668,2 Metern als dominierende Erhebung
ausmachen. Eine weitere Deutungsmöglichkeit also – und damit eine weitere, die sich nicht eindeutig belegen lässt.

Möglicherweise ist es einfach unangemessen, die Sauerländer Tittenberge bei der Herleitung ihres Namens über einen Kamm scheren zu wollen. Funktioniert der Fleckenberger Berg tatsächlich als „Zeitberg“, muss das nicht gleich auch für den Fretteraner gelten, der wiederum „vorgelagerte Spitze“ sein kann, aber auch einstmals einem Ur-Fretteraner namens „Dietmar“ gehört haben könnte. Oder sind es am Ende eben
doch die nicht nur für die Schönheit(en) des Sauerlands so typischen sanft geschwungenen Rundungen?! Wer als Leser dieser Zeilen etwas zur weiteren Klärung beitragen kann, darf dies gerne tun – ob zum „Mysterium“ Tittenberg oder zu einem anderen Sauerländer Orts- oder Flurnamen, dem wir uns in zukünftigen Ausgaben widmen werden.