„Ein Jahr Barrierefrei im Sauerland“

Vor einem Jahr startete die Plattform „Barrierefrei im Sauerland“, initiiert und verantwortet vom Lenne-Werk im Sozialwerk St. Georg und gefördert durch die Aktion Mensch. WOLL befragte die Projektverantwortlichen Marc Brüggemann und Bernhard Pilgram sowie die Projektteilnehmer Natasha S. und Torsten Hillebrand zu ihren Schritten im ersten Jahr und die weiteren Ziele.

WOLL: Was wollen Sie mit „Barrierefrei im Sauerland“ erreichen?
Brüggemann: Das Ziel ist, allen Menschen den gleichberechtigten Zugang zu Bauten, Veranstaltungen, Verkehrsmitteln, Informationen und Kommunikation zu ermöglichen. Wir bieten Kommunen, Vereinen, Gewerbetreibenden und öffentlichen Einrichtungen Beratung und Unterstützung an und möchten dafür sensibilisieren, Barrieren zu erkennen. Wir entwickeln Lösungsvorschläge, die im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten umgesetzt
werden können.

WOLL: Wo haben Sie bereits etwas bewirkt beziehungsweise verändert?
Brüggemann: Ich glaube, dadurch, dass wir uns täglich mit Barrierefreiheit auseinandersetzen, haben wir ein anderes Selbstverständnis zum Thema erhalten. Auch in
unserem LenneWerk haben wir Barrieren entdeckt, die wir nach und nach abbauen möchten. Gute Erfahrungen machen wir, wenn wir Menschen für Barrierefreiheit sensibi-lisieren. Das versuchen wir durch Öffentlichkeitsarbeit, Präsenz auf Veranstaltungen,
Gespräche und, indem wir uns mit „Barrierefrei im Sauerland“ in die Gesellschaft einbringen, zum Beispiel in die Veranstaltungsvorbereitungen zum diesjährigen Schmallenberger Stadtjubiläum.

WOLL: Mit den Themen „Barrierefreie Veranstaltungen“ und „Leichte Sprache“ haben Sie sich Schwerpunkte gesetzt. Warum ausgerechnet diese beiden?
Brüggemann: Als wir uns zu Beginn des Projekts intensiv mit Barrierefreiheit befasst haben, waren wir überrascht, wie groß beziehungsweise breitgefächert dieses Thema ist.
Daher haben wir uns, auch mit Blick auf das Know-how, das wir aus den Bereichen Veranstaltungen und Sprache einbringen, zunächst auf „Barrierefreie Veranstaltungen“ und „Leichte Sprache“ fokussiert. Mit diesen Schwerpunkten sind wir in der Lage, relevante Themen in Bezug auf Barrierefreiheit zu bearbeiten.

WOLL: Es gibt auch einen Erklärfilm zu „Barrierefrei im Sauerland“. Mit welcher Absicht haben Sie den Film produziert?
Pilgram: Mit dem Erklärfilm möchten wir in einfacher Sprache und durch leicht verständliche Bilder „Hindernisse im Alltag“ für jedermann nachvollziehbar machen. Es handelt sich um einen animierten Film von bewusst nur zweieinhalb Minuten Länge, den wir mit einem Spezialisten für Animationsfilme realisiert haben. Der Film transportiert unsere Anliegen und Fragen sehr anschaulich: Wo gibt es Hindernisse im Alltag? Wie werden Menschen durch Barrieren davon abgehalten, am öffentlichen Leben teilzuhaben? Und was tun wir von „Barrierefrei im Sauerland“ dagegen? Zu sehen ist dieser Erklärfilm unter
anderem auf unserer Website www.barrierefrei-imsauerland.de.

Die Barrierefrei Projektverantwortlichen: Marc Brüggemann (links) und Bernhard Pilgram (rechts), mit den Teilnehmern Torsten Hillebrand und Natasha S. (nicht im Bild)

WOLL: Sie haben von Beginn an Menschen mit Assistenzbedarf in das Projekt einbezogen. Wer macht alles mit?
Brüggemann: Um ein professionelles Beratungsangebot aufbauen zu können, war uns klar, dass wir ein Expertenteam benötigen. Und die besten Experten in Sachen Barrierefreiheit sind Betroffene selbst. Deshalb arbeiten Beschäftigte der Lenne-Werkstatt mit im Team von „Barrierefrei im Sauerland“. Frau Natasha S. und Herr Torsten Hillebrand sind zum Beispiel zwei Experten, die dabei sind.

WOLL: Wie ist die Mitarbeit bei „Barrierefrei im Sauerland“ für Sie, Frau S. und Herr Hillebrand?
Natasha S.: Für mich ist sie hilfreich. Ich habe mich vorher nicht mit Barrierefreiheit beschäftigt. Es ist aufregend und spannend, was man für Menschen mit Handicap bewirken
kann.
Hillebrand: Mir macht es einfach Spaß, Menschen damit zu helfen. Es ist ein wichtiges Projekt. Ich möchte, dass wir Menschen wachrütteln und dass mehr Steuergelder für Barrierefreiheit eingesetzt werden.

WOLL: Lohnt es sich, das Thema Barrierefreiheit für Schmallenberg weiterzudenken, oder ist es eher ein Nischenthema?
Pilgram: Ich meine, es würde der Stadt Schmallenberg sehr gut anstehen, wenn sie das Thema Barrierefreiheit auf ihre Fahnen schriebe. Bedenken Sie nur den Mehrwert für das
Image dieser Stadt und auch für die Bereiche Touristik und Wirtschaft. Eine Kommune, die glaubwürdig soziales Engagement zeigt und in der beim Thema Barrierefreiheit alle an einem Strang ziehen: Nennen Sie mir einen lohnenderen Ansatz, mit dem eine Stadt für sich wirbt. Insofern sollte Barrierefreiheit sogar Chefsache sein.

WOLL: Wo wollen Sie zum Ende des Projektzeitraumes, also nach den veranschlagten drei Jahren stehen?
Brüggemann: Wir hoffen, dass wir das Thema Barrierefreiheit der Gesellschaft in unserer Region näherbringen konnten, und wir wünschen uns, dass Barrierefreiheit ganz selbstverständlich in allen Lebensbereichen mitgedacht wird.

WOLL: Wer sind Ihre Netzwerk-Partner?
Brüggemann: Wir arbeiten eng mit örtlichen und überörtlichen Behinderten- Interessenvertretungen und dem Sozialpsychiatrischen Dienst des Hochsauerlandkreises sowie mit überregionalen Akteuren zusammen, die sich mit dem Thema Barrierefreiheit befassen.

WOLL: Sie haben einen Wunsch für „Barrierefrei im Sauerland“ frei. Wie lautet er?
Pilgram: Ich wünsche mir für die Schmallenberger Bewohner und Gäste, mit und ohne Handicap, eine Vereinbarung zwischen der Stadtverwaltung, der Behinderten-Interessenvertretung und „Barrierefrei im Sauerland“. Darin sollten sich alle Beteiligten verpflichten, aktiv auf das Ziel der Barrierefreiheit und Behindertengerechtigkeit hinzuwirken.

WOLL: Der Wunsch sollte also bald Realität werden …
Pilgram: Von uns aus ja. Andere Kommunen sind uns da bereits ein Stück voraus. Deshalb sollten wir da den Anschluss nicht verpassen. (hh)