Kinder, wie die Zeit vergeht…

Steigen Sie mit uns in die „Zeitdroschke“ und erfahren Sie, welche Rösser und Reiter in den 40er und 50er Jahren von sich reden machten

Von Christiane Gast

Zunächst zu den 1940er Jahren. Dieses Jahrzehnt schmilzt genau genommen um mehr als die Hälfte zusammen. Nicht nur der Zweite Weltkrieg, sondern zum Beispiel auch das bange Warten auf die Heimkehrer oder die Ungewissheit, wie es weitergehen kann, prägte dieses Jahrzehnt zunächst. Daher im eigentlichen Fokus, auch im Land der tausend Berge, die Gründung des neuen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen (1946/47), zu dem auch das Sauerland größtenteils politisch gehören sollte. Auch die Pferdemenschen in der Region verspüren (wieder) erste Aufbruchs- beziehungsweise Gründerstimmung und deshalb …

… wird bereits 1946 der Reitverein Calle-Meschede gegründet und 1948 endlich das realisiert, wofür die Ambitionierten schon im Jahre 1935 den Grundstein gelegt hatten: Der Zucht-, Reit- und Fahrverein der Ämter Schmallenberg und Fredeburg wird Realität – 1949 gibt es dann auch wieder ein Turnier. Genauer gesagt am 1. und 2. Oktober, also nach der Erntezeit, wird der Turniersport in Schmallenberg wiederbelebt. Nachdem Lebensfreude und unbeschwertes Miteinander über Jahre sozusagen Pause hatten, wird dieses Turnier auf der Lake ein Volksfest mit Blasmusik und Umzug.

Am 19. November 1947 gründen in Neheim-Hüsten 48 Mitglieder des Reit- und Fahrvereins des Kreises Arnsberg den Zucht-, Reit- und Fahrverband Sauerland. Präsident wird Hans-Josef Cosack. Aber auch hier liegt das eigentliche Geburtsjahr weit vor diesem Gründungstermin, denn bereits 1926 wird der Reiter-Kreisverband Arnsberg gegründet. Der Hüstener Bürgerschützenverein stiftet eine Standarte, die durch Oberst Georg Topp in einer großen Zeremonie auf dem Hüstener Markt an Max Graf von Landsberg-Velen, als
Vorsitzenden des Reiterverbandes, übergeben wird. Das ist aber längst nicht die einzige und auch nicht zwingend die älteste Wurzel des Sauerlandverbandes, denn im Jahr 1928 verschriften die Chronisten Folgendes: Am 14. Januar gründen Vertreter der Reit- und Fahrvereine in Hüsten den Verband der Ländlichen Zucht-, Reit- und Fahrvereine des Kreises Arnsberg, Vorsitzender Max Graf von Landsberg-Velen (1889–1957, Wocklum, Großvater der aktuellen Turnierleiterin des Longines Balve Optimum, Rosalie von Landsberg-Velen, und der ersten Vorsitzenden des RV Balve, Barbara Gräfin von Brühl). Dies führt jedoch zu Auseinandersetzungen mit dem bereits zuvor gegründeten Reit- und Fahrverein für den Kreis Arnsberg (1817–1974), Vorsitzender Hans-Josef Cosack (1891–
1963, Rittergut Wildshausen) und diese Unstimmigkeiten spitzen sich 1931 dann (vordergründig im Zusammenhang mit einer geplanten Veranstaltung des Verbandes in
Hüsten) sogar zu. Im Weiteren aber wird auch dieser Zwist überlagert von der politischen Gesamtsituation, die ihn für Jahre oder besser für immer zur Nebensache werden lässt. Aus heutiger Sicht hat dies jedenfalls den Anschein, denn 1947 macht man sich mit Namensbestandteilen der Einen und dem Vorsitzenden der Anderen, getragen von vielen Ehemaligen beiderseits, wieder auf den Weg – allerdings mit einer sehr interessanten Neuerung: der Namensergänzung „Sauerland“. Durch diese Positionierung als geographische – und nicht (kommunal-) politisch begrenzte – Region schaffen Pferdeleute das, wovon PR-Agenturen träumen und wozu Tourismusexperten heute verstärkt drängen: Ausgerechnet die Züchter, Reiter und Fahrer werden zur Mutter der Regionalmarke(n) beziehungsweise zu dem „Brand“ mitten im von Besatzungsmächten dominierten Deutschland.

H. J. Cosack mit eigenem blutgeprägtem Gespann

Erster Vorsitzender des Verbandes: Hans-Josef Cosack. Der ist allerdings weniger in dieser Rolle als später dann als Vorsitzender (1954–1960) des Deutschen Jagdverbands in die gesamtdeutschen Annalen eingegangen. Es kann jedoch mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass es für das Sauerländer Reiterwesen keinesfalls von Nachteil gewesen ist, einen – wie sagt man doch heute so treffend? – so genialen Netzwerker an der Spitze zu gehabt zu haben – oder anders ausgedrückt: einen so ambitionierten und routinierten Pferdemenschen an den Zügeln beziehungsweise Leinen gewusst zu haben.

Apropos Verband: Am 6. April 1948 erfolgt dann auch die offizielle Gründung des
Provinzialverbandes Westfälischer Reit- und Fahrvereine und für diesen gilt das Gleiche wie für die Schmallenberger und die Sauerländer – die eigentliche Geburtsstunde liegt Jahr(zehnt)e zurück und ist auch in diesem Fall wieder untrennbar mit einem Turnier verbunden: Die Rede ist vom 1. Provinzialturnier am 3. August 1924 beim Märkischen Reiterverein (MRV) in Hamm. Der MRV ist dann selbstverständlich auch der Gastgeber
beim 25. Provinzialturnier am 17. und 18. August 1973, als 32 Bewerber den Wettkampf um die Verbandsstandarte austragen. Die Sauerländer Züchter, Reiter und Fahrer haben sich als solche also in der zweiten Hälfte der 40er formiert – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Auch das folgende Jahrzehnt, die 1950er, beginnt direkt mit Vereinsgründungen: 1950 wird sozusagen nördlich der Ruhr der Zucht-, Reit- und Fahrverein Hohe-Lit Warstein-Suttrop aus der Taufe gehoben (der aufgrund des Standortwechsels von einer Höhe auf die andere seit 2006 der Einfachheit halber nur noch Warsteiner RV heißt). 1951 wird ganz im Osten der Reit- und Fahrverein Marsberg gegründet und im Fokus in Neheim-Hüsten (bereits 1925 gegründet) steht … Außerdem gewinnen bei diesem Turnier Balver Reiter bereits zum vierten Mal nach dem Krieg den Verbandswettkampf und nehmen die neu gestiftete Standarte des Sauerländer Reiterverbandes mit nach Wocklum (wo inzwischen der Turnierplatz fest umzäunt ist und der charakteristische Richterturm plus Meldestelle, aus Holz errichtet, „in malerischer Landschaft“ steht). Die galt es bereits im Jahr darauf in Attendorn zu verteidigen …

1956. Die 14. Olympischen Spiele in Stockholm (und Melbourne) haben zwar nicht direkt mit dieser Chronik zu tun, aber erwähnt werden müssen sie dennoch, denn durch den Gewinn der Mannschafts- und Einzelgoldmedaille im Springen (Hans-Günter Winkler, Alfons Lütke-Westhues und Fritz Thiedemann) sowie der Mannschafts- und Einzelsilbermedaille in der Military (August Lütke-Westhues, Otto Rothe und Klaus Wagner) erlebt Deutschland Ähnliches wie beim Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern. Durch ihre AuftRITTE und insbesondere den legendären Ritt von „HGW“ auf der Wunderstute Halla geben sie einem ganGrauen der Nazidiktatur wieder ein unbezahlbares Stück Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zurück. 1958 kommt es dann im sauerländischen Warstein zu einem legendären Turnier mit Rekordhochspringen. Mit einem Ergebnis für die Ewigkeit entscheidet der für Schmallenberg startende Bubi Gast mit 2,10 Metern diese Konkurrenz für sich.

1959 findet im Ortskern von Oedingen – unter organisatorischer Federführung des Schmallenberger Vereins (angeführt von Bubi Gast) und des örtlichen Hoteliers und Pferdenarren Horst Plebuch – ein in der Presse hoch gelobtes Pilotturnier statt, bei dem unter anderem der damalige Schüler und heutige Gastronom Karl Dornseifer (Schmallenberg) seinen ersten Turnierstart hatte, was diese Silbermedaille noch heute beweist. Wir erwähnen diese Veranstaltung aber auch noch aus zwei weiteren Gründen, denn am Start waren 40 Pferde und der Turnierplatz war laut Chronisten umsäumt von 1500 Zuschauern – eine wirklich beachtliche Relation. Vielleicht nicht zuletzt deshalb, weil die Verantwortlichen schon damals (also vor 60 Jahren) mit einem Show Act arbeiten – zu der Zeit aber noch Schaunummer geheißen. Die Rede ist von der „sympathischen Werksreitergruppe“ beziehungsweise der Voltigiergruppe der Edelstahlwerke Schmidt und Klemens aus Berghausen, Bezirk Köln, die schon damals Publikum und Presse gleichermaßen zu beeindrucken wissen.