Laufen, Lernen, Lachen

Hermann-J. Hoffe und Franz Müntefering im Gespräch.

Franz Müntefering hat ein Buch übers Älterwerden geschrieben – und blickt zurück auf ein aktives Leben inmitten einer bewegten Zeitgeschichte

Von Hermann-J. Hoffe und Carina Middel

„Ich stehe mit 79 zwar nicht mehr in der Mitte meiner Lebenszeit“, gesteht er, „aber ich bin mit Zuversicht unterwegs!“ Bei einem Eiskaffee in der Herner Innenstadt blickt Franz Müntefering zurück auf sein bewegtes Leben. Es ist kein leerer Sinnspruch, der sein jüngst erschienenes Buch übers Älterwerden einleitet: „Das Leben ist für jeden Menschen die einmalige Chance, aus ihm was zu machen.“ Ein Satz, den er selbst mit Leben gefüllt hat, persönlich wie politisch – als langjähriges Mitglied des deutschen Bundestages, Bundesvorsitzender der SPD und zweifacher Vizekanzler.

„Ich will von den Menschen verstanden werden“
Seine Wurzeln liegen im Sunderaner Sauerland, wo er 52 Jahre lang lebte und noch heute Mitglied der SPD ist. Und dessen unverkennbare Sprache er spricht. Im Dialekt, aber auch in ihrer Gradlinigkeit und Klarheit. „Absolute Eleganz ist nicht das erste Merkmal der Sauerländer Sprache“, gibt der Politiker lachend zu. „Aber es geht mir auch nicht darum, möglichst klug zu wirken, sondern darum, von den Menschen verstanden zu werden.“ Wichtigste Bedingung dafür: selbst zu verstehen. Nicht unmittelbar auf komplexe Fragen antworten und Stellung beziehen oder gar um den heißen Brei reden, sondern erst mal eine Nacht drüber schlafen, abwägen, sich mit Experten beraten.
Eine Tugend, die in dieser schnellen Zeit nicht mehr besonders geschätzt ist: „Wenn Sie das heute zweimal machen, werden Sie nicht mehr gefragt, dann sind Sie weg!“

Bemerkenswert direkt. Wie so einiges bemerkenswert ist in seinem Leben. Mitte der 60er Jahr tritt er als junger Mann in die SPD ein. Inmitten des schwarzen Sauerlands – der Vater ein Landwirt, Kriegsgefangener nach dem Zweiten Weltkrieg, die Mutter Hausfrau – beide überzeugte Zentrumswähler. Ein anderer Teil der Familie wählte CDU. Aber SPD? „Als ich meinen Vater damals nach der SPD fragte, meinte der: ‚Das sind evangelische Flüchtlinge.‘ Ich fand das komisch, diese offensichtliche Verbohrtheit.“ Verändert hat sich seither einiges, auch im Sauerland. Die landwirtschaftlich geprägte Region sei mittlerweile zum führenden Industriegebiet Südwestfalens geworden. Die Bildungschancen sind gewachsen, zugleich zieht es immer mehr junge Menschen in die Städte. Und auch das hat sich verändert: Franz Müntefering
ist 79 geworden, hat sich aus der aktiven Politik zurückgezogen, engagiert sich nun gesellschaftlich. Und denkt eben darüber nach, was es heißt, älter zu werden.

Solidarität ist die Aufgabe der Gesellschaft
Für viele ältere Menschen, beschreibt er, sei das Leben heute von Einsamkeit geprägt. Ein Mangel an Solidarität? „Der Staat kann für Gerechtigkeit sorgen, aber die Solidarität kann nur innerhalb der Gesellschaft entstehen“, ist sich Müntefering sicher. Und wo die nicht, wie in früheren Jahrzehnten, durch eine große Familie mit mehreren Generationen, die vor Ort leben, garantiert werden kann, dort müssen eben neue Formen von Solidarität entstehen, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis. Müntefering ist überzeugt: Solidarität wird
geschaffen durchs Zuhören: „Die Lebensgeschichte der Menschen ist außerordentlich wichtig und wir müssen uns Zeit nehmen füreinander.“ Zeit ist erstes Mittel gegen die Einsamkeit im Alter. Aber nicht nur das Erzählen der eigenen Lebensgeschichte ist von Bedeutung für die Frage nach dem guten Altern: „Sie hängt vor allem auch davon ab, was wir tun, damit auch unsere Kinder und Enkelkinder gut älter werden können.“ Generationengerechtigkeit, ökologisch verantwortliches Handeln in einer Zeit des Wandels und des globalen ökonomischen Wachstums – auch darum dreht sich das neue Buch, das bei aller Nachdenklichkeit am Ende vor allem optimistisch ist: „Älterwerden heißt Leben“, so Münteferings Credo. Und Leben sei bestimmt durch ein dreifaches „L“: Zunächst das Laufen und grundsätzlich in Bewegung bleiben.
Dann das Lernen und zugleich auch Lehren: „Man hört nie auf, dazuzulernen, aber man sollte auch das, was man weiß, einsetzen, es nutzen und weitergeben.“ Und zu guter Letzt: Lachen.
Und wie fühlt sich das nun für ihn persönlich an, älter geworden zu sein und älter zu werden? „Wissen Sie, das Schöne ist, ich kann mir die Zeit jetzt selbst einteilen und entscheiden, was ich mache und was nicht. Immer in der Gewissheit: Die Welt dreht sich seit Jahrmilliarden, aber ich, ich war noch nie
zuvor da. Ich bin auf dieser Welt nur einmal dabei!“ Eine Chance, die Franz Müntefering zeitlebens genutzt hat.

Müntefering: Höhepunkte seiner Laufbahn
1940 in Neheim-Hüsten geboren, in Sundern aufgewachsen
1966 Eintritt in die SPD
1975 – 1992 Mitglied des Bundestages
1998 – 2013 Mitglied des Bundestages
1998 – 1999 Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen
2002 – 2005 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion
2004 – 2005 Bundesvorsitzender der SPD
2005 – 2007 Bundesminister für Arbeit und Soziales und Vizekanzler
2008 – 2009 Bundesvorsitzender der SPD
2013 Ehrenbürger der Stadt Sundern

Das Buch: Unterwegs. Älterwerden in dieser Zeit
Autobiografie, Ratgeber und kluge Analyse von Gesellschaft, Politik und seiner Partei, der SPD: Franz Münteferings Buch „Unterwegs“ vereint Ereignisse und Entwicklungen aus seinem Leben und seiner Zeit – im Fokus die Frage, was es heißt, Anfang des 21. Jahrhunderts älter zu werden. Von Themen wie Alltag und Mobilität über Gesundheit, Sterben und die Solidarität zwischen den Menschen bis hin zu Europa und der Generationengerechtigkeit zeigt der Autor, wie man sich mit Engagement und dem Mut, Verantwortung zu übernehmen, politisch, gesellschaftlich und persönlich einmischen, unterwegs
sein, ja: leben kann.
ISBN 978-3-8012-0543-0 • 224 Seiten • 23,- Euro