Die Ruine

Wiederaufbau in Eigenregie: Die Ruine.

Sellinghauser Jugend schafft sich bemerkenswerten Treffpunkt

Von Ursula Wiethoff-Hüning – Fotos: Heidi Bücker

Viele Jugendliche in Sauerländer Dörfern haben einen Ort, an dem sie sich treffen, einen alten Bauwagen oder eine Hütte. Dass einige Jungen in Sellinghausen ein heruntergekommenes, altes Haus in Eigenarbeit zu ihrem Treffpunkt gemacht haben, ist allerdings etwas Besonderes. Nachdem sein Besitzer es recht plötzlich verlassen und ein Dorfbewohner, Vater eines der Jugendlichen, es dann im Jahr 2000 erworben hatte, stand das kleine Haus am Waldrand des Stötenbergs lange unbewohnt – ein Haus, das mit seinen nur teilweise verputzten Bruchsteinwänden noch zum großen Teil dem Baustil des 19. Jahrhunderts entspricht. „Die Ruine“ nannten es die Sellinghauser in den nachfolgenden Jahren liebevoll.

Der Name ist geblieben, aber das Haus ist seit circa vier Jahren zu neuem Leben erwacht: Einige Jungen aus Sellinghausen, Altenilpe und Nierentrop machen sich dafür stark, die Ruine wieder herzurichten, entrümpeln sie und schaffen sich mit eigenem handwerklichem Einsatz eine bemerkenswerte Bleibe. Aufgrund ihrer Ausbildungen verfügen sie über Fachwissen: Elektriker, Tischler, Metallbauer, Zerspanungsmechaniker, Schreiner, Garten-/Landschaftsbauer, Landwirt und Zimmermann sind ihre Berufe. Die Jugendlichen treffen sich und packen an, testen aus und helfen sich gegenseitig. Nachdem der Boden und die Elektrik mit Unterstützung eines Baustatikers und Elektrikermeisters erneuert und geprüft worden sind, verkleiden die Freunde die 50 cm dicken Bruchsteinwände von innen, aus zwei Räumen entsteht ein großer, der Türsturz wird abgeschliffen und lackiert, ein selbst entworfener, beleuchteter Thekenbereich entsteht. Neben einem großen Tisch mit Eckbank wird ein Ofen eingebaut, eine gemütliche Sofaecke mit Sesseln wirkt sehr einladend. Die Musikanlage fehlt genauso wenig wie der Kühlschrank, der meist gut gefüllt ist, natürlich mit ein paar Flaschen Bier, aber auch mit Würstchen zum Grillen. Neben dem bullernden Ofen steht gehacktes Holz, auch die Details im Raum fehlen nicht: die Garderobe,
eine Dartscheibe, verschiedene Sprüche an den Wänden, ein Kalender mit eingetragenen Terminen der Freunde in der Barecke, eine Saftpresse als außergewöhnliches Dekoelement und das ultimative WOLL-Plakat über der Eckbank. Die Jugendlichen, darunter mittlerweile einige mit abgeschlossener
Lehre, also eher junge Erwachsene, sprechen sich ab, was zu tun ist, und packen es gemeinsam an. Und es gibt immer was zu tun im und ums Haus. Neuerdings gibt es eine Hausnummer neben der Eingangstür, ein Beispiel der Handwerkskunst: ein gelasertes Sägeblatt in einem Holzrahmen mit Beleuchtung – kreativ sind sie wirklich, die Jungs!

Was man so macht: Holzhacken und Bier trinken.

Dabei sind sie sich einig: „Wir würden etwas verpassen, wenn wir das Haus hier nicht hätten. Es macht uns Spaß, gemeinsam etwas zu schaffen. Man kann nicht nur auf etwas warten oder über alles schimpfen, man muss selber aktiv werden. Auch wir hatten erst eine Hütte im Wald, auch mal einen Bauwagen, und nun halt die Ruine!“ Weitere Projekte stehen an: Es fehlen noch fließendes Wasser und dementsprechend eine Toilette. Zudem hätten die Freunde gerne einen Sitzplatz am Haus, möchten die Außenanlagen verschönern. Doch dazu muss erstmal entsprechendes Gerät zum Einsatz kommen, denn eigentlich ist nichts mehr von einem früheren Garten zu erkennen. Und so, wie es den Heuboden noch gibt, lässt auch der Blick ins untere Stockwerk des Hauses, früher als Stall genutzt – hier gab es Kuh, Schwein und Ziege –, das Alter des Hauses erkennen. Dort ist noch nichts verändert, alte landwirtschaftliche Geräte stehen herum und ein uraltes Plumpsklo erinnert an längst vergangene Zeiten. Quasi museal ist es da unten.

Ab und an kommen Jugendliche, auch jüngere, aus den anderen Dörfern dazu. Die Ruine ist zu einem beliebten Treffpunkt geworden, auch, weil es in den Dörfern keine Kneipen mehr gibt. Die Freunde spielen Karten, können ungestört Musik hören, grillen vorm Haus, feiern ihre Geburtstage, machen
Weihnachtsfeiern und Schrottwichteln. Sie treffen sich einfach gerne und regelmäßig an den Wochenenden, auch nach dem Motto: „Gemeinsam etwas tun und dann mal ein Bier trinken.“ Auf die Frage, was das Besondere an ihrer Gruppe, an ihrem Stammtisch sei, was sie wirklich cool in Sellinghausen finden würden, antworten sie einstimmig: „Die Gemeinschaft ist toll, der Zusammenhalt untereinander. Jeder kennt jeden und wir können offen miteinander reden. Und dass jeder mitanpackt, das ist das Entscheidende!“
Und genauso machen sie weiter. Eine tolle Truppe, die zehn Jungs aus Sellinghausen, und wir von WOLL wünschen weiterhin frohes Schaffen und viel Spaß in der Ruine, woll!