Als man sich am Milchbock traf…

Wie Geschichte zum Leben erweckt wird

Von Carla Wengeler – Fotos: Heidi Bücker

„Es hat sich viel verändert in den letzten 60 Jahren“, sagt Johannes Meier und ich stimme ihm nickend zu, auch wenn ich nur die letzten 23 Jahre persönlich bezeugen kann. Unser Treffpunkt ist der Milchbock in Sögtrop, der im Mai 2013 symbolisch neben der Kapelle errichtet wurde. Josef Lumme, Vorsitzender der Dorfgemeinschaft ergänzt: „Wir wollen hier Geschichte zum Leben erwecken.“ Die beiden Herren erklären mir, was ein Milchbock überhaupt ist und welche Funktion er damals hatte.
Dass unsere sauerländische Region einen überwiegend landwirtschaftlichen
Schwerpunkt hatte, ist mir natürlich bekannt. Fast jeder „auf dem Land“ hatte Nutztiere zuhause. Die Milchböcke waren damals Sammelstellen für die Milch, die in
Kannen transportiert wurde. Sie befanden sich meistens an den Haupt- beziehungsweise Kreisstraßen. Ab 1937 wurde die Milch von Sögtrop aus in die Molkerei gebracht. Jeder Hof hatte eine eigene Kannennummer. Es gab Zehn-, Fünfzehn- und Zwanzig-Liter-Kannen, in die eine Nummer eingestanzt war. „1990“, kommt es wie aus der Pistole geschossen vom 82-jährigen Johannes Meier, der sich noch genau an seine Kannennummer erinnern kann. Bei jedem Wind und Wetter wurden die Kannen morgens zum Milchbock gebracht. Die körperliche Anstrengung war nicht unerheblich, da die Kannen auf den Milchbock gewuchtet werden mussten, um den Transport zu beschleunigen. Vom Milchbock aus luden die Milchwagenfahrer die Kannen dann auf ihre Lastwagen.

66 Milchlieferanten gab es damals im Rarbachtal, da hat der Milchwagen nicht auf jeden gewartet. Theodor Bremerich, der 33 Jahre lang der Milchwagenfahrer der Region war, begann seine Tour um halb fünf in der Früh. Von Hanxleden,
über Föckeringhausen, Oberrarbach, Ober- und Niederhenneborn, Landenbeck, Sögtrop, Kirchrarbach und weitere Dörfer machte er sich auf den Weg nach Meschede. Spätestens um sieben Uhr musste die Milch dort in der Molkerei sein.
Johannes Meier erinnert sich an Zettel mit Bestellungen von Molkereiprodukten, die an die Kannen geklebt waren, und rote Zettel im Sommer: „Milch zurück, weil sauer“ stand dann darauf.

Die Milchböcke waren ein Bestandteil des dörflichen Alltags. Früher trafen sich die Leute mehr, obwohl sie weniger Freizeit zur Verfügung hatten. Morgens in der Früh, wenn die Milch zum Milchbock gebracht werden musste, gab es meist nur Zeit für ein kurzes Gespräch. Doch der Milchbock war auch für die Kinder interessant. So war er ein idealer Aussichtspunkt, um die Autos zu bestaunen, die damals deutlich seltener fuhren als in der heutigen Zeit. Auf dem Foto spielen die Kinder mit dem Ball, im Hintergrund ist einer der Sögtroper Milchböcke zu sehen.

Umso wichtiger ist es, diesen Treffpunkt Milchbock wieder mit Leben zu füllen. Das zeigen mir vor allem die lebhaften Erinnerungen von Josef Lumme und Johannes Meier, die mit der Zeit keinesfalls verblasst sind. Damals, als noch Melkmaschinen zur Hochzeit verschenkt wurden, war vieles anders. In der heutigen Zeit würden die meisten Menschen schon vor den damaligen Hygienestandards zurückschrecken.
Doch die Milchböcke sind vor allem ein kulturelles Gut, denn mit der Einführung der Milchtankwagen mit Kühlung in den 1970er Jahren wurde „das Milchgeschäft“ vor allem eines: unpersönlicher. Wer weiß heute schon, von welchem Bauer die Milch im Tetra Pak kommt? Oder wie der Fahrer heißt, der sie dort abgeholt hat?

Ein Milchbock ist ein Zeitzeuge. Nicht nur für die Milchwirtschaft, sondern auch für die Gemeinschaft eines Dorfes. Starke Winter und heiße Sommer wurden gemeinsam
überstanden und gemeinsam wurden auch die schweren Kannen auf den Milchbock gehievt. Nicht nur in Sögtrop erinnert ein wieder errichteter Milchbock an vergangene Zeiten. Auch zum Beispiel in Reiste und Oberkirchen können weitere Milchböcke bestaunt werden.