Bestwiger Bahnhof Anno1900

Der Bau des Bestwiger Bahnhofs veränderte Menschen und Region

🖊️ Britta Melgert 📷 Wolfgang Rinschen, Ursula Später

Historische Gebäude – wenn sie reden könnten, dann erzählten sie von früheren Zeiten, von Ihrer Entstehung, von den Lebensumständen der damaligen Zeit, und manchmal könnten sie auch darüber berichten, welche Veränderungen ihre Entstehung für die Menschen mit sich brachte. Ein gutes Beispiel für so ein Gebäude in unserer Region ist der Bestwiger Bahnhof. Wie hätte WOLL im Jahre 1900 darüber berichtet? Lassen wir unsere „Kollegin von früher“, nennen wir sie Luise, erzählen.

Es ist Donnerstag, der 1. März 1900, 10:26 Uhr. Einige Männer, größtenteils Geschäftsleute, stehen auf dem Bestwiger Bahnsteig und warten darauf, einsteigen zu können, um in Richtung Meschede mitzufahren, vielleicht sogar weiter bis nach Wuppertal. Neben Personen werden auch stets Postpakete und viele Güter mitgenommen, z. B. abgebaute Materialien aus den hiesigen Bergwerken oder Erzeugnisse von den neuen Fabriken der Region. Man spricht seit Jahren auch in Deutschland von der Industrialisierung, und das Sauerland steht dabei nicht hintenan.

Bestwig, hier Bestwig!

Schon von weitem sieht man die Dampf-Lokomotive mit ihren angehängten Wagons näherkommen. Grauer Rauch verteilt sich über dem Ruhrtal. Maschinengeräusche werden stetig lauter, und irgendwann kommt das ohrenbetäubende Quietschen der Bremsen hinzu, bis der Zug endlich zum Stehen kommt. Jedes Mal ein beeindruckendes Ereignis, und mich, die hier als Kind mit der Bahn aufgewachsen ist, fasziniert jeder Aufenthalt auf dem Bahnhof. Es ist ein bisschen wie das Tor zur weiten Welt.

„Bestwig, hier Bestwig“ klingt es über das Bahnhofsgelände hinweg. Einige Passagiere steigen aus dem Zug aus, und die hier Wartenden nehmen die steilen Stufen hinein in die Wagons der ersten bis dritten Klasse. Die Fahrt kann losgehen. Wie gern würde ich mitfahren, am liebsten direkt in der Lok.

„Ein Bauer kauft Land; er verkauft es nicht!“

Was heute im Jahr 1900 so normal anmutet, war noch wenige Jahrzehnte zuvor keine Selbstverständlichkeit. Seit 1872 gibt es den Bahnhof hier in Bestwig. Zum damaligen Zeitpunkt war unser Bestwig eine kleine Siedlung mit acht Häusern. Doch als die Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft zur Erweiterung des Schienennetzes einen Verschiebebahnhof benötigte, um die schweren Züge auf ihrer Fahrt bis nach Kassel mit Vorspannlokomotiven über die sauerländischen Berge bringen zu können, gestaltete sich die Suche nach einem dafür geeigneten Grundstück schwierig. Land war überwiegend in Besitz von Nuttlarer oder Velmeder Landwirten und deren ablehnende Antwort lautete meist: „Ein Bauer kauft Land; er verkauft es nicht!“. Erst spät wurde man sich mit dem Ostwiger Baron von Lüninck handelseinig, und viele Hektar direkt an der Ruhr bei Bestwig wurden für den neuen Bahnhof erworben.

Fortan, so erzählen die Älteren, kam Leben in unseren kleinen Ort. Schienen, die von Westen her bereits bis Meschede vorhanden waren, wurden nun weiter in Sauerland hinein gelegt Diese Arbeiten wurden größtenteils von auswärtigen Arbeitern ausgeführt, die Kilometer für Kilometer weiterzogen. Alles, was zu einem solchen Bahnhof dazu gehörte, entstand auch nach und nach, wie z. B. das Stellwerk, der Wasserturm und der markante Rundschuppen. Arrow-Right
Aber auch das stattliche Bahnhofsgebäude mit seinen Wartesälen erster und zweiter Klasse, mit dem Fahrkartenschalter und der Wohnung für den Bahnhofsleiter wurde errichtet und hob sich kolossal von den sonstigen Häusern am Ort ab. Doch eine Veränderung im Dorf ließ nicht lange auf sich warten.

Ein eigenes Häuschen – ein realisierbarer Traum

Die Bahn brauchte Personal, z. B. Lokführer, Schlosser und Schaffner. Als staatliches Unternehmen bot es vielen seiner Mitarbeiter den Beamtenstatus, der Sicherheit und bessere Bezahlung zugleich gewährleistete. Das war eine bemerkenswerte Verbesserung für viele Menschen aus der Region, auch für die Männer meiner Familie. Während sie zuvor meist schlecht bezahlt in kleinen Handwerksunternehmen, als Knecht bei Landwirten oder als Tagelöhner in Bergwerken oder den ersten aufkommenden Fabriken ihr Geld verdienten, manche sogar aus lauter Not nach Übersee ausgewandert waren, bot sich nun eine attraktive Alternative und ein gewisser Wohlstand. Ein eigenes Häuschen war nun ein realisierbarer Traum geworden. Bestwig wuchs von Jahr zu Jahr.

Mit weißer Schürze in die Schule

Auch in den Familien änderte sich einiges. Sicheres, pünktliches Einkommen und planbare Beförderungen versprechen eine rosige Zukunft. Jetzt kann man sich kleine Annehmlichkeiten und teures Schulgeld für die Kinder leisten. Nicht wenige der Bestwiger schicken ihre Beamten-Töchter mit feiner weißen Schürze in die Schule; die Bauernmädchen aus Velmede hingegen erscheinen dort nach wie vor in bunten Textilien. Und böse Zungen behaupten, dass sich so manche „Eisenbahner-Gattin“ viel auf ihren Status einbildet.
Und das Verhältnis zum Nachbarort Velmede? Man ist sich eindeutig nicht mehr ganz “grün“. Der lokale Wettbewerb führte inzwischen sogar dazu, dass bei uns in Bestwig ein eigener Schützenverein gegründet wurde. Es bleibt abzuwarten, wann sich diese Animositäten wieder legen. Ebenso spannend ist die Frage, ob sich auch die Chancen für die Männer anderer Berufsgruppen verbessern werden. Möglicherweise werden die neu aufgekommenen Gewerkschaften in Zukunft einiges bewegen können.
Und wer weiß, vielleicht wird in ferner Zukunft sogar eine berufliche Karriere bei der Eisenbahn für eine Frau möglich sein. Bitte lächeln Sie nicht, liebe Leser. Ich darf doch auch Träume haben, woll?

Ihre Luise