Insektensterben geht uns alle an

Was bedeutet Insektensterben für uns und unsere Umwelt? (Foto: Heidi Bücker)

Erst stirbt die Biene, dann der Mensch

Von Heike Schulte-Belke

Klimawandel, Erderwärmung, vom Aussterben bedrohte Pflanzen und Tiere – fast täglich liest oder hört man Berichte darüber, die einen nicht nur nachdenklich stimmen: Sie sind beängstigend. Immer häufiger fällt dabei der Begriff „Insektensterben“. Aber was bedeutet das eigentlich und welche Folgen für Mensch und Natur hat die derzeitige Entwicklung? Kann man schon von einer Bedrohung sprechen?

„Ganz klar“, sagt Wolfgang Jenke, Bienen- und Insektenschutzbeauftragter des Hochsauerlandkreises und langjähriger Imker. „Die Geschwindigkeit, mit der das
aktuelle Massen-Aussterben passiert, hat es seit Zeiten der Dinosaurier nicht gegeben“, gibt er zu bedenken. Und das bezieht sich auf die ganze Welt. Eine Studie, die von 1989 bis vor zwei Jahren durchgeführt wurde, macht das mehr als deutlich. Demnach hat sich die gesamte Insektenwelt verändert. Einige robuste Arten, die gut mit der Klimaerwärmung zurechtkommen oder vordringende Arten aus dem Ausland, die bei uns keine natürlichen Feinde haben, nehmen zu und werden durch gegebene
Umstände teilweise sogar zur Plage. Andere Arten sterben aus oder sind nur noch vereinzelt vorhanden. Die Insektenmasse insgesamt hat der Studie zufolge bis zu 75 % abgenommen und auch ein Rückgang der Artenvielfalt ist dabei zu erkennen. Ob Wildbienen, Schmetterlinge, Käfer, Libellen oder auch Ameisen: bedroht sind sie alle.
Aber auch viele weitere Arten stehen auf der Roten Liste, einige sind schon verschwunden. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Vögel, Reptilien, Fische und kleineren Säugetiere wie etwa die Spitzmaus oder Fledermaus, denn sie ernähren sich hauptsächlich von Insekten. Die Vogelarten sind bereits um 50 % zurückgegangen.

Nicht nur Bienen sind betroffen, auch Schmetterlinge. (Foto: Heidi Bücker)

Die Ursachen dafür sind vielfältig und bei den einzelnen Insektenarten unterschiedlich. Neben der allgemeinen Erderwärmung sind auch Umwelteinflüsse von Bedeutung. Als ein Beispiel nennt Wolfgang Jenke die brennenden Straßenlampen in der Nacht, die die Lebensbedingungen einiger Insekten beeinflussen. Eine Hauptursache ist aber, dass vielen Insekten heute die Lebensräume und Nahrungsangebote fehlen. Es gibt immer weniger blühende Flächen, wilde Natur und Ackerrandstreifen und es fehlt an geeigneten Pflanzen.
Riesige Maisfelder bieten keinen Lebensraum für Insekten und manche Garten- und Balkonpfl anzen sind trotz ihrer großen Blüten nicht bienenfreundlich. Zudem gelten
viele Insektenarten als Spezialisten, die bestimmte Pflanzenarten als Nahrung brauchen. Auch die intensive Landwirtschaft, Monokulturen und der Einsatz von Pestiziden sind eine Ursache für das Massensterben. Experten appelieren hier auch an die Politik, damit die Landwirte nicht durch wirtschaftliche Zwänge genötigt werden, das Falsche zu tun.

Ein Umdenken ist dringend nötig, und dieses Bewusstsein sollte mittlerweile bei jedem einzelnen angekommen sein. Denn ohne die nützlichen kleinen Insekten und Blütenbestäuber wäre die Welt nicht nur wesentlich leerer, es gäbe auch in unserer Nahrungskette erhebliche Einschnitte. Neben hohen Kosten für viele Lebensmittel wäre eine ausgewogene und gesunde Ernährung nicht mehr möglich, denn 1/3 unserer Lebensmittel entsteht durch die Bestäubung von Bienen, Schwebfliegen, Schmetterlingen und Co.

Es ist fünf vor zwölf, doch gegen das Insektensterben kann jeder einzelne etwas tun – mit oftmals einfachen Mitteln. Man könnte mehr Pflanzenvielfalt zulassen, den Rasen nicht immer gleich kurz mähen, sondern auch mal wild wachsende Blumen sowie Randstreifen und altes Holz belassen. Bei der Bepflanzung im eigenen Garten kann man darauf achten, dass man das Richtige nimmt. Es sollten heimische Pflanzen sein, die zur Region passen und bienenfreundlich sind, nicht geeignet sind Blumenmischungen aus fremden Ländern. Und auch auf chemische Pflanzenschutzmittel sollte man verzichten.

Blütenreiche Wiesen und mehrjährige Brachflächen bieten ebenso optimale Bedingungen für Insekten wie totes Holz, denn absterbende Bäume haben eine wichtige Bedeutung für das Ökosystem Wald. So sind an absterbenden Eichen bis zu 260 verschiedene Arten von Insekten entdeckt worden. Ein Insektenhotel im Garten sieht nicht nur schön aus, richtig angebracht ist es auch eine nützliche Hilfe. Um den Vögeln bei der Nahrungssuche zu helfen, kann man ihnen Körnerfutter anbieten – und das nicht nur im Winter. Die Vögel können sich damit selbst versorgen, denn zur
Fütterung ihrer Jungen sind sie unbedingt auf Insekten angewiesen.

Nur wenn die äußeren Lebensbedingungen für die Insekten stimmen, können sich die Bestände vieler Arten erholen, weil sie eine hohe Vermehrungsrate haben. Da ist jeder aufgefordert, denn auch viele kleine Schritte können zum Erfolg führen.
Tipps für eine bienenfreundliche Bepflanzung findet man unter www.bienenfuettern.de