Die grüne Lunge, die neuen Atem gibt

Prof. Dr. Köhler berichtet über seine Hypothese. (Foto: Klaus-Peter Kappest)

WOLL im Gespräch mit Prof. Dr. Dieter Köhler über gesunde Luft und unser Klima

Von Hermann-J. Hoffe

Der 2005 in Dortmund gestorbene Dichter Max von der Grün beschäftigte sich mit der Arbeitswelt und aktuellen politischen, privaten sowie sozialen Problemen. Er gilt als einer der wichtigsten deutschen Vertreter dieser Literatur in der Nachkriegszeit. 1977, also vor mehr als 40 Jahren, schrieb von der Grün in dem damals erstmalig für das Sauerland herausgegebenen MERIAN-Heft einen bemerkenswerten Satz: „Es gibt vielleicht noch schönere Ecken in Deutschland, ganz sicher unberührtere, aber keine wird von so vielen Menschen so bitter benötigt wie das Sauerland. Für Millionen, die täglich unter der Dunstglocke des Ruhrgebietes leben müssen, ist hier die grüne Lunge, die ihnen neuen Atem gibt.“
Einer, der den von der Dunstglocke über dem Ruhrgebiet betroffenen Menschen hier in der grünen Lunge auch medizinisch half, ist Prof. Dr. Dieter Köhler, von 1986 bis 2013 Ärztlicher Direktor des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft. Die Klinik hat sich weit über die Grenzen des Sauerlandes hinaus einen hervorragenden Ruf als Fachkrankenhaus für Atemwegserkrankungen erworben. Seit Mitte des vergangenen Jahres fand Prof. Köhler mit seiner der allgemeinen Meinung widersprechenden Ansicht, dass die heutige Luftverschmutzung in unserem Land keine nennenswerten
negativen Folgen für die Gesundheit habe, Gehör in den Medien. Anfang dieses Jahres veröffentlichte er gemeinsam mit Fachkollegen das Positionspapier „Stellungnahme zur Gesundheitsgefährdung durch umweltbedingte Luftverschmutzung, insbesondere Feinstaub und Stickstoffverbindungen (NOx)“, in
dem er die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen Gesundheitsorganisationen geteilten Ansichten zu den Gesundheitsgefährdungen durch Luftverschmutzung, Feinstaub und Stickoxide bestritt. Der Lungendoktor aus dem Sauerland, der mit seiner Frau in Winkhausen wohnt, war plötzlich bundesweit und international in aller Munde. Grund genug für die WOLL-Redaktion, um, nachdem der Medienrummel ein wenig abgeklungen ist, bei dem „Sauerländer Querkopf“
nachzuhören, wie es um die Luftgesundheit, nicht nur hier in der grünen Lunge des Ruhrgebietes, bestellt ist.

EIn Sauerländer Querkopf: Prof. Köhler (Foto: Klaus-Peter Kappest)

WOLL: Wie gut ist die Luft hier bei uns in Schmallenberg und Eslohe?
Prof. Dr. Köhler: Die Luft in der ganzen Region ist gut. Wir haben wenig Großindustrie, wobei diese ja heute, dank der modernen Filteranlagen, auch so gut wie keine relevante Verschmutzung mehr verursacht. Es ist offensichtlich, dass die Luft hier von wirklich guter Qualität ist.

WOLL: Bei den bundesweiten Diskussionen um die Grenzwerte bei NO2 und Feinstaub haben Sie mit Ihren Äußerungen für ordentlichen Wirbel gesorgt. Wie ist der Stand der Dinge?
Prof. Dr. Köhler: Ich habe nichts weiter getan, als eine wissenschaftliche Hypothese aufzustellen, weil ich die Szenerie seit Jahrzehnten gut kenne. Vor über 40 Jahren habe ich mich mit dieser Thematik habilitiert und war international immer bei den Tagungen, habe außerdem auch die Ergebnisse der Biologen verfolgt. Ich habe mich intensiv damit beschäftigt, wie Partikel in die Lunge wandern, wie sie dort deponieren
und wieder herauskommen. Das war und ist mein eigentliches Thema. Leider wird die wissenschaftliche Datenlage von bestimmten Seiten sehr einseitig interpretiert. Das habe ich einfach nur geäußert und daraus ist dann dieser Medien-Hype entstanden.
Zu Beginn war die Diskussion vernünftig. Doch dann kam, weil solche Themen ungemein ideologisiert sind, die jeweilige persönliche Meinung eines jeden, der sich dazu äußerte, hinzu, öfters auch bei den Journalisten. Entsprechend gefärbt war das. Eine Gruppe versuchte die Hypothese zu bestätigen, eine weitere versuchte es sachlich widerzuspiegeln, wie zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Daneben gibt es eine sehr einseitige Berichterstattung durch beispielsweise die Süddeutsche Zeitung und den Spiegel. Und es gibt eine Gruppe, jene um die taz, die alles einfach in Bausch und Bogen diskreditiert und gar nicht auf die wesentlichen
Argumente eingeht. Das ist schon unangenehm. Auf der anderen Seite: Ohne die Journalisten wäre das Thema gar nicht hochgekommen. Ich habe meine Meinung schon vor dem großen Medieninteresse wiederholt artikuliert, zum Beispiel in meinem Lehrbuch Pneumologie (1. Auflage 2010, 2. Auflage 2014), dem Standardlehrbuch für Lungenheilkunde in Deutschland. Keine Reaktion. Ich habe meine Meinung daneben wiederholt auf Fachkongressen vorgetragen, zum Beispiel 2005 in Berlin. Das steht auch im Ärzteblatt. Keine Reaktion erfolgte damals von den Epidemiologen, die die Studien durchführen und auch davon leben – sie haben über 100 Millionen Euro Forschungsgelder bekommen. Man hat all das, was ich zu dem Thema gesagt und geschrieben habe, viele Jahre lang einfach totgeschwiegen. Nach dem Medienrummel zu Beginn dieses Jahres habe mich nun aus der Diskussion zurückgezogen, weil ja die eigentlichen Ziele erreicht sind: Die Fahrverbote sind wohl de facto vom Tisch.

WOLL: Bei näherer Betrachtung scheint die Debatte um die Fahrverbote fast eine Art Glaubenskrieg zu sein.
Prof. Dr. Köhler: So ist es. Die 40 Mikrogramm als Grenzwert für Stickstoffdioxid (NO2) waren zunächst nur eine Empfehlung der WHO. Dann wurde dies zu einer sehr weit gefassten Richtlinie. Die Amerikaner haben einen höheren Wert genommen
als wir und andere Länder auch. Nur wir Deutschen waren übergenau. Und die Europäische Union hat die 40 Mikrogramm/Kubikmeter in ein Gesetz gegossen, dafür aber die Anforderungen an die Messstellen liberaler formuliert. Deutschland hat auch das pedantisch gemacht. Das Hauptproblem sind diejenigen Wissenschaftler, die das Thema einseitig darstellen und aus ganz geringen Assoziationen, mit homöopathischen Effekten, Todesfälle konstruieren. Das ist in keiner Weise gerechtfertigt und schlichtweg sachlich falsch.

WOLL: Müssen sich die Menschen, wenn sie an stark befahrenen Straßen oder Plätzen wohnen, Sorgen um ihre Gesundheit machen?
Prof. Dr. Köhler: Wenn man an einer stark befahrenen Straße wohnt, ist es laut und unangenehm, es kann auch stinken, aber es ist nicht gefährlich. An NO2 stirbt niemand. Das kann man auch leicht dadurch belegen, dass NO und NO2 Naturstoffe sind, die der menschliche Körper selber herstellt. Was auch interessant ist: Alle Feinstaubforscher, die von den Forschungsgeldern leben, meiden die Argumente,
die ich bringe, in ihren Publikationen wie der Teufel das Weihwasser. Normalerweise ist es in der Wissenschaft so: Wenn ich etwas publiziere und äußere, dass dies kausal sein könnte, überlege ich, was könnte argumentativ oder faktisch dagegen sprechen: a, b, c, d. Diese normale wissenschaftliche Auseinandersetzung fehlt hier völlig.

WOLL: Woher kommt Ihrer Meinung nach die Hysterie um Grenzwerte und Feinstaubbelastungen?
Prof. Dr. Köhler: Auch das Thema der Grenzwerte ist leider inzwischen so ideologisiert, dass es wie ein Glaubensstreit wirkt, obwohl die Tatsachenlage das nicht hergibt. Es ist völlig richtig, dass es Grenzwerte gibt. Jemand hat einmal gesagt, ich sei gegen Grenzwerte, was Unsinn ist. Beim NO2 zum Beispiel könnten
wir ruhig die amerikanische Norm mit 100 Mikrogramm/Kubikmeter übernehmen. Erstaunlicherweise lässt das Bundesumweltamt in Innenräumen hier Grenzwerte bis 500 Mikrogramm zu. Das ist völlig unlogisch.

WOLL: Haben die Sauerländer besonders gesunde Lungen?
Prof. Dr. Köhler: Die Sauerländer haben keine gesünderen Lungen als die Menschen in den Großstädten. Die Lunge wird vor allem durch das Rauchen geschädigt. Dieser Faktor ist zehn- bis hunderttausendfach größer als NO2 oder Feinstaub. Das Rauchen ist das Entscheidende, davon muss man weg. Rauchen verkürzt das Leben, bei etwa einer Packung täglich über 40 Jahre um circa acht Jahre. Das ist wissenschaftlich
umfangreich nachgewiesen.

WOLL: Wie sehen Sie in der Rückschau die Entwicklung des Fachkrankenhauses Grafschaft, Ihrer ehemaligen Wirkungsstätte?
Prof. Dr. Köhler: Das Fachkrankenhaus Grafschaft stand, als ich dort anfing, vor großen Herausforderungen; man schrieb rote Zahlen. Dann haben alle, gemeinsam mit der Verwaltung unter Leitung von Werner Ernst, das Krankenhaus vorangebracht. Nach zwei Jahren wurden wieder schwarze Zahlen geschrieben. Rund 50 Millionen Euro wurden in den vergangenen Jahren in das Fachkrankenhaus investiert. Lange Zeit waren wir das Krankenhaus mit den stärksten Wachstumsraten in NRW. Ein Grund für die positive Entwicklung liegt erstaunlicherweise in der Tatsache begründet, dass Grafschaft „weitab vom Schuss liegt“. Ich habe damals vorgeschlagen: Wir brauchen, um dem vermeintlichen Nachteil der Lage etwas entgegenzusetzen, neben der Grundversorgung der Lungenerkrankungen etwas mit überregionaler Bedeutung. Schlafmedizin war unsere erste Idee. Eines der größten Schlaflabore befindet sich aktuell in Grafschaft. Dann wurde der Bereich Intensivmedizin besonders ausgebaut, mit dem Schwerpunkt der Entwöhnung von der Beatmung. Es ist Vieles entstanden und der gute Ruf sorgte dafür, dass sich gute Ärzte beworben haben. Zwei Ärzte habe ich habilitiert, was außerhalb einer Universitätsklinik schwierig ist. Später sind weitere Abteilungen dazugekommen
– immer eins nach dem anderen.

WOLL: Was machen Sie, wenn Sie sich nicht gerade auf Redaktionsbesuche oder Talkshows vorbereiten oder dort sind?
Prof. Dr. Köhler: Ich lese und schreibe noch viel und baue meist völlig überflüssige Geräte. Jetzt, wo der Hype vorbei ist, mache ich auch manchmal gar nichts. Die Daueranspannungen der letzten Wochen und Monate haben mich schon ziemlich mitgenommen.

WOLL: Was macht Ihrer Meinung nach den besonderen Reiz der Urlaubs- und Ferienregion Schmallenberger Sauerland aus?
Prof. Dr. Köhler: Ich habe in verschiedenen Gegenden in Deutschland gewohnt. Die Sauerländer sind, wenn man auf sie zugeht, Fremden gegenüber überhaupt nicht abweisend; sie sind kontaktfreudig. Man hat es bei den Flüchtlingen gesehen, da ist ja Einiges passiert. Und die Sauerländer sind unkompliziert, auch wenn man vielleicht den ersten Schritt tun sollte. Nach dem dritten Bier ist es auf jeden Fall unproblematisch. Ich fühle mich auch als Sauerländer. Es gibt, wie überall, auch eine Art „Schickeria“, die mir nicht so liegt. Ich rede gern mit den „normalen“ Leuten. Mit Handwerkern zum Beispiel komme ich gut klar, weil ich selbst mal ein
Handwerk erlernt habe.

WOLL: Ihr Lieblingsplatz im Sauerland? Wo sind Sie besonders gerne?
Prof. Dr. Köhler: Das ist schwer zu sagen. Ein Lieblingsplatz ist der Golfplatz in Winkhausen. Natürlich, weil ich gerne Golf spiele. Ansonsten gehe ich gerne wandern und kenne viele schöne Orte; der Wilzenberg zum Beispiel ist etwas Besonderes.

WOLL: Haben Sie, seitdem Sie im Sauerland wohnen, auch Sauerländisch gelernt?
Prof. Dr. Köhler: Weniger. Da gibt es ja dieses berühmte Plakat, wo die ganzen Wörter und Sprüche drauf sind, ein paar Brocken habe ich also mitbekommen. Der Sauerländer Dialekt wird zu wenig gepflegt. Dialekt ist ja aus dem täglichen Leben entstanden. Insofern ist jeder Dialekt etwas Wertvolles und sollte praktiziert werden.

WOLL: Vielen Dank für dieses informative Gespräch und weiterhin gute Erholung in unserer grünen Lunge!